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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Karpathen

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Karpathen (Ausdehnung, Höhe; Thäler, Flußsysteme, Pässe; Geologisches).

[Ausdehnung und Höhe.] Die horizontale Ausdehnung der Karpathen umfaßt, je nach der angenommenen Basis, 93,000-245,000 qkm (1700-4450 QM.). Die Breite beträgt an den Ausläufern nur 12, anderwärts 70-370 km. Die größte Breite fällt mit ihrer größten Erhebung zusammen, so auf dem Meridian der Tátra, wo sie sich bis zu den Donauniederungen hinziehen, und im siebenbürgischen Hochland. Mit den Alpen treffen sie an zwei Punkten, und zwar bei Preßburg und Hainburg mit dem Leithagebirge und bei Gran mit dem Bakonyer Wald, zusammen; im S. begegnen sie den Verzweigungen des Balkangebirges im Engthal der Klissura. Gegen die Nachbarländer fußen sie überall im Tiefland, von den Sudeten werden sie durch die Einsenkung bei Oderberg getrennt, und im Innern Ungarns grenzen ihre Ausläufer an die Donautiefebene. In diesem weiten Umfang sind die K., welche als zweites Hauptgebirge Europas die Wasserscheide zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer bilden, nur ein geographischer Begriff. In Wirklichkeit bestehen sie aus mehreren orographisch und geologisch gesonderten Gruppen, die einerseits als fortlaufender Gebirgszug mit der höchsten Erhebung in der Mitte, anderseits aber als ausgedehntes Hochland auftreten. Auf große Strecken steigen sie zwar bis über die Waldgrenze, allein nirgends bis zur Hochalpenhöhe auf, und mit ihren bedeutendsten Gipfeln in der Tátra und in Siebenbürgen erreichen sie nur 1200-2659 m. Bis zur Schneegrenze ragen nur einige Spitzen empor, und weil an den schroffen Felswänden größere Schneemassen sich nicht halten können, überdies auch die atmosphärischen Niederschläge gering sind, so kommen daselbst keine Gletscherbildungen vor, und bleibt der Schnee nur in den Schluchten liegen. Deshalb stehen auch die K. trotz der großartigen Gebirgsnatur und trotz vieler wildpittoresker Felsthäler den Alpen weit nach.

[Thäler, Flußsysteme, Pässe.] Man findet wegen der konzentrischen Bildung vieler Gebirgsketten nur sporadisch jene bedeutenden Längenthäler, deren Entwickelung in den Alpen die Kommunikationen so wesentlich begünstigt, und die in den östlichen K. ganz fehlen. Desto häufiger sind die Querthäler. Gegen Galizien zu sind die Karpathenthäler infolge des jähen Abfalls der Gebirge viel kürzer als in Ungarn, wo sie sich mit ihren breiten, kultivierten Thalsohlen in die Ebene verlaufen. Die Wasserscheide zwischen Donau, Weichsel und Dnjestr fällt in den K. mit dem bogenförmigen Kamm des Sandsteingebirges zusammen, und dieser wird nur im N. der Tátra vom Dunajec und Poprád unterbrochen. Aus dem weiten Karpathengebiet strömen überall zahlreiche ansehnliche Gewässer den genannten drei Hauptflüssen zu, von denen die Donau alle Flüsse aus den ungarischen Thälern, die Weichsel, der Dnjestr und Pruth hingegen jene aus den galizischen Thälern aufnehmen. Die wichtigsten Thäler sind: in den eigentlichen K. das Waag-, Neutra-, Gran- und Eipelthal, welche sich gegen die Donau öffnen; im Theißgebiet die Thäler der Theiß, des Sajó und Hernád; im N. das Weichsel-, Dunajec-, Poprád-, San-, Dnjestr- und Pruththal; im siebenbürgischen Hochland die Thäler der Maros, Aluta und des Sereth mit seinen rechten Zuflüssen. Die westlichen K. sind reich an bequemen Pässen, die sich im O. und SO. seltener vorfinden. Von Natur aus fast unwegsam sind nur das Gebiet der Hochkarpathen und der östliche Gebirgsrücken zwischen Galizien und Ungarn. Die wichtigsten Übergänge sind: im W. die Pässe Hrozinkau (435 m), Wlara (420 m) und Lissa nordwestlich von Trentschin, der Jablunkapaß (601 m), durch den die Kaschau-Oderberger Bahn von Schlesien nach Ungarn eintritt, der Jordanowpaß (802 m) im N. der Tátra und der Durchlaß für die Tarnow-Leluchower Bahn am Poprád; in den Zentralkarpathen die Kunststraßen von Neumarkt nach Käsmark und über die Kralowa Hora; in den Ostkarpathen der Duklapaß, der Durchlaß für die Ungarisch-Galizische Bahn an der Laborcza sowie die Pässe Uszok, Vereczke an der Latorcza und Körösmezö an der Schwarzen Theiß (1037 m); endlich in Siebenbürgen die Pässe Radna (959 m), Borgo Prund (1196 m), Tölgyes, Gyimes, Uz und Oitoz im Ostrand, Bodza, Tömös oder Predeal (1028 m), Törzburg, der tiefe und lange Engpaß am Rotenturm (352 m) und Vulkan (944 m) im S. sowie Teregova und das Eiserne Thor in der Südwestecke Siebenbürgens.

[Geologisches.] In Bezug auf den geologischen Bau der K. finden sich im westlichen Teil (bis zum Hernádfluß) mehrere zentrale Granitkerne nebst Gneis und kristallinischem Schiefergebirge, um welche sich das mesozoische Gebirge, vom Verrucano (unterste Buntsandsteinbildung) mit seinen Konglomeraten und roten, sandigen Schiefern durch Muschelkalk, durch die verschiedenen Glieder des alpinen Keuper und unter ihnen zu oberst durch die Kössener Schichten bis in den Lias, gruppiert. Über letzterm ist das obere Grenzgebilde des Jura mächtig erschlossen, und noch höher liegt die Kreide direkt dem Tithon auf. Die Kreide ist teils untere (neokomer Sandstein, Kalk; Gault als Thon und Sand), teils obere (mächtige Hippuritenbänke nebst Sewenkalk und darüber die Gosaubildungen). Über ihr folgen das Nummulitengebirge und der Flysch, großenteils sandig (Karpathensandstein), den eocänen und oligocänen Tertiärgebilden angehörend, dann die jüngern Tertiärgebilde, mehr randlich aufgelagert. Vom Hernád bis zur Marmaros und zur Bukowina fehlen alle ältern kristallinischen Gebirge, welche erst in Siebenbürgen gleichzeitig mit den ältern Sedimenten zu Tage treten. Das verbindende Glied zwischen Hernád und Marmaros bildet ein einförmiges waldiges Sandsteingebirge aus Kreide und Nummulitengesteinen, welches sich in gleicher Einförmigkeit auch um den ganzen Außenrand der K. (Walachei bis Schlesien) erstreckt, und aus dem nur in einzelnen Klippen und Klippenreihen die Kalke des Tithon (daher Klippenkalke) hervorsehen. Diesem Sandstein gehören die ergiebigen Erdölquellen Galiziens an, dem neogenen Tertiärgebirge aber die reichen Steinsalzablagerungen am Fuß der Ostkarpathen in Ungarn und im Innern Siebenbürgens, wo sich auch Erdöl und Braunkohlen finden. Der ungarische Innenrand enthält ferner ausgedehnte trachytische Gesteine, auch Andeite, Quarztrachyte nebst Bimsstein, Perlstein, Obsidian und geringere basaltische Gesteine. Die grünsteinartigen Trachyte sind wichtig durch ihre edlen Erzlagerstätten (Gold und Silber). Auch die kristallinischen Schiefer sind reich an Erzgängen und Erzlagern. Von Eruptivbildungen der Übergangs- und Flözzeit sind die mit dem Übergangsgebirge verknüpften Gabbros und Serpentine von Dobschau und die mit dem Verrucano verknüpften Melaphyre hervorzuheben. Die Thätigkeit der Mineralquellen, welche in der Tertiärzeit zur Ablagerung weitverbreiteter und mächtiger Kalktuffe und Kieselablagerungen, ausgezeichneter Opale, des Alaunsteins etc., Anlaß gegeben, dauert noch in zahlreichen Thermen und kalten Säuerlingen fort. Die Kalksteine sind höhlenreich, im Gö-^[folgende Seite]