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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kartoffel

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Kartoffel (Produktion und Handel, Kulturgeschichtliches).

durch ein kleines Loch eingeführt werden kann. Wenn er keinen Widerstand findet, sind die Kartoffeln gar. Beim Kochen der Kartoffeln zerplatzen die Stärkekörner, und die innere Substanz derselben saugt den flüssigen Inhalt der Zellen auf und bildet mit den zugleich zerstörten Zellwandungen eine ziemlich feste Masse, die sich zu einem lockern Mehl zerdrücken läßt. Das Eiweiß des Zellsaftes gerinnt beim Kochen und bindet gleichfalls Wasser. Die mehr oder weniger mehlige Beschaffenheit der Kartoffeln hängt von dem Verhältnis zwischen Stärkemehl und Wasser ab; ist die K. reich an Stärkemehl, so wird das Wasser vollständig aufgesogen, und es entsteht eine scheinbar sehr trockne Masse; fehlt es an Stärkemehl, so bleibt Wasser ungebunden, und die Kartoffeln sind wässerig. Das Gewicht der Kartoffeln verändert sich beim Kochen nur wenig.

Der Kartoffelbau wurde in der neuesten Zeit fast überall bedeutend ausgedehnt. In Deutschland betrug die Erntefläche für Kartoffeln 1884: 2,907,630 Hektar, der durchschnittliche Ernteertrag auf dem Hektar 8,26 Ton. (à 1000 kg). Die Produktion der Hauptländer betrug in Millionen Hektolitern in

Mehrjähr. Durchschn. 1884

Deutschland 252,75 277,7

Rußland 140,00 137,0

Frankreich 130,59 149,3

Österreich 83,34 99,3

Verein. Staaten 53,11 67,0

Irland 41,50 35,7

Großbritannien 38,20 44,0

Belgien 28,76 41,5

Ungarn 27,67 33,0

Schweden 18,57 19,1

Spanien 18,33 18,3

Niederlande 17,24 26,2

Italien 8,14 6,6

Norwegen 7,29 7,1

Finnland 4,40 4,5

Dänemark 4,19 4,5

Australien 3,39 4,7

Portugal 3,24 3,2

Zusammen in diesen Ländern 880,71 978,7

Der Kartoffelhandel bezifferte sich 1877 auf einen Gesamtumsatzwert von 102,6 Mill. Mk. und erreichte 1879 die Höhe von 133,8 Mill. Mk., sank dann aber sehr schnell und betrug 1884 nur noch rund 57 Mill. Mk. Hauptsächlich beteiligt waren hierbei

Einfuhr Ausfuhr

Großbritannien u. Irland 16,48 0,12

Deutschland 1,51 6,82

Frankreich 1,25 7,68

Australien 3,93 8,52

Belgien 1,96 0,79

Österreich 1,66 0,81

Schweiz 1,80 0,04

Vereinigte Staaten 1,07 1,11

Kulturgeschichtliches.

Die K. ist in dem Küstengebiet Perus bis zu den Chonosinseln (45° südl. Br.) heimisch und wird noch jetzt in Chile und Peru wild wachsend (mit wohlriechenden Blüten, aber kleinen und bittern Knollen) angetroffen; sie war schon vor der Entdeckung Amerikas durch die Europäer Kulturpflanze und scheint durch die Inkas weite Verbreitung gefunden zu haben. Garcilaso und Peter Martyr erwähnen sie bereits, und durch den Sklavenhändler Hawkins soll sie bald nach 1565 nach Irland gebracht worden sein. Vielleicht beziehen sich diese Angaben aber auf die Batate, und jedenfalls fand damals die K. in Irland keine Beachtung. Zwischen 1560 und 1570 kam sie durch die Spanier nach Italien und Burgund, und in letzterm Land soll sie 1588 angebaut worden sein. In Italien nannte man sie wegen ihrer Ähnlichkeit mit den Trüffeln Tartufoli, woraus der deutsche Name K. (zu Anfang des 17. Jahrh. noch Tartuffel) entstand. Zum zweitenmal kam die K. dann durch Walter Raleigh 1584 nach Irland und zwar aus Virginia, wohin sie vielleicht durch die Engländer verpflanzt worden war. Franz Drake gebührt wahrscheinlich nur das Verdienst, die Kartoffeln in Europa bekannter gemacht zu haben. Durch ihn erhielt der Botaniker Gerard Samenkartoffeln, welche er 1596 bei London im Garten kultivierte und als Batata virginiana beschrieb (Bataten waren lange vor Einführung der Kartoffeln in England als Leckerbissen beliebt). Auch diesmal fanden die Kartoffeln in England wenig Beachtung; 1610 brachte sie Raleigh wieder nach Irland, und 1663 suchte die Royal Society den Anbau dort zu befördern, um der Hungersnot vorzubeugen; trotzdem wurde die K. in England erst um die Mitte des 18. Jahrh. allgemeiner bekannt. In Deutschland pflanzte Clusius die K. 1588 in Wien und Frankfurt als botanische Seltenheit, und Kaspar Bauhin gab ihr 1590 den Namen Solanum tuberosum. Clusius hatte die Knollen von dem päpstlichen Gesandten in den Niederlanden erhalten und erzählt in seiner 1601 herausgegebenen "Rariorum plantarum historia", daß in Italien sogar die Schweine mit Kartoffeln gefüttert würden. Durch ihn wurde die K. weiter verbreitet, aber ihr Anbau machte im 17. Jahrh. weder in Deutschland noch in andern Ländern erhebliche Fortschritte. In Frankreich kam sie noch 1616 als Seltenheit auf die königliche Tafel, 1630 scheint sie in Lothringen und im Lyonnais angebaut worden zu sein; aber erst durch Parmentier, der sie in Deutschland kennen gelernt hatte, fand sie bald nach 1770 weitere Verbreitung. Die Hungersnot von 1793 und 1817 vollendete die allgemeine Ausbreitung ihrer Kultur. In Deutschland trug der Dreißigjährige Krieg viel zur Verbreitung der K. bei, 1648 war sie in Bieberau (Hessen-Darmstadt) bekannt; aber erst um 1716 baute man sie bei Bamberg, Baireuth und in Baden auf Äckern. Um die Mitte des 17. Jahrh. finden wir die K. auch in Sachsen (Vogtland), Westfalen, Niedersachsen und Braunschweig; aber erst um 1740 verbreitete sie sich bei Leipzig und nicht viel früher durch eingewanderte Pfälzer in Preußen. Der Siebenjährige Krieg zeigte den Nutzen der K., ohne welche auch die Not und das Elend im Mißjahr 1770 noch viel größer geworden wären. Friedrich II. verbreitete den Kartoffelbau in Pommern und Schlesien durch Gewaltmaßregeln, während sie in Mecklenburg schon seit 1708 durch einen aus England zurückkehrenden Offizier bekannt geworden war. Um 1770 verbreitete sich der Kartoffelbau auch in Böhmen und Ungarn; um 1730 wurde sie bei Bern kultiviert, und nach Schweden kam sie 1726. Auch in Island wird die K. gebaut. Die russische Regierung ermunterte das Volk noch 1844 durch Aussetzung von Prämien zum Kartoffelbau, und in Griechenland verbreitete sich derselbe erst durch die Bayern. Die Engländer verpflanzten die K. nach dem Kap, nach Indien, Australien, Tasmania, Neuseeland etc.; auch im nördlichen China ist die Kartoffelkultur verbreitet. Der Ausdehnung des Kartoffelbaues standen vielfach Vorurteile entgegen, aber auch der einmal übliche landwirtschaftliche Betrieb gestattete nicht überall die sofortige Aufnahme des neuen Kulturzweigs. Um 1760 war die K. in den meisten deutschen Ländern eine bekannte Frucht; doch konnte sie nur auf Gütern, welche Hutfreiheit hatten, in willkürlicher Ausdehnung gebaut werden, während andre Landwirte ihre Kultur auf gartenberechtigte Grundstücke einschränken mußten. Erst nach Abschaffung der reinen Brache, am Rhein in den 70er, in Thüringen und Sachsen in den 80er Jahren des