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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kaukasien

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Kaukasien (Geschichte).

des gesamten Kaukasusrücken blieben unabhängig. Der eigentliche Angriffskrieg gegen dieselben begann erst mit der Ernennung des Generals Jermolow zum Oberbefehlshaber des Kaukasus 1816. Vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer und vom Kuban und Terek bis zum südlichen Abhang des Gebirges war K. von den Russen feindlich gesinnten Völkerschaften bewohnt. Nur zwei Wege verbanden Transkaukasien mit Rußland: der mitten über das Gebirge führende darjalskische, vor undenklichen Zeiten gebaut, und ein andrer längs der Küste des Kaspischen Meers. Damals lebten die Bergvölker ohne Gemeinschaft mit ihren Nachbarn noch unter sich getrennt. Der Straßenraub in den ungeschützten niedern Gegenden des Kaukasus war ihr hauptsächlichstes Handwerk. Wollte Rußland die notwendige gesicherte Verbindung mit Transkaukasien sich schaffen, so mußten die noch unabhängigen Bewohner des Gebirges unterworfen werden. Da der westliche Kaukasus noch zu der Türkei gehörte und von den angrenzenden Linien (Niederlassungen von der Mündung der Laba in den Kuban, längs des letztern, der Malka, des Terek bis Kisljar) und Tschernomorskischen Kosaken (vom Schwarzen Meer längs des Kuban bis zur Stanize Woroneshskaja) hinreichend in Schach gehalten wurde, konnten die Russen alle ihre Streitkräfte gegen den Osten verwenden. So wurde durch die Besetzung des schamchalskischen Gebiets, die Eroberung des Kurinskischen und Kasikumuchskischen Chanats, der großen und kleinen Kabardei sowie Akuschas und die Verwüstungen in der Tschetschnja eine Verbindung mit Transkaukasien geschaffen und das Gebiet der noch freien Bergvölker getrennt. 1828 trat Persien nach verlornem Krieg an Rußland ab das Eriwanskische und Nachitschewanskische Chanat, 1829 die Türkei den jetzigen Kreis Achalzych und die Festungen Anapa und Poti.

Das Auftreten des Muridismus, dieser religiösen Verschwörung zum Vertreiben der Ungläubigen, belebte die Kräfte der Bergvölker von neuem und schuf wohlgeordnete Massen, die jeden Angriff der Russen kräftig zurückwiesen. Letztere kamen zuerst mit seinen Anhängern in Daghestan in Berührung, doch war in den beiden Feldzügen 1831 u. 1832 das aufrührerische Küstengebiet wieder bewältigt. 1832-39 wurde dann die Hauptstärke des kaukasischen Korps wieder nach dem Westen gezogen, wo die Eroberung der Ostküste des Schwarzen Meers ohne bedeutende Opfer durchgeführt wurde. In dieser Zeit hatte indessen der Muridismus im Osten immer festern Fuß gefaßt: Schamil vereinigte hier in seiner Person die Macht eines geistlichen und weltlichen Herrschers; er fand die Mittel, das politische Ideal des Muridismus zu verwirklichen; seine Herrschaft war die eines asiatischen Despoten. Die Unterwerfung Daghestans war das nächste Ziel: die Operationsbasis bildete die kaukasische Linie, vor welcher auf der kumikskischen Ebene schon 1819 die Festungen Wnesapnaja und 1817 Grosnaja angelegt waren. Auch im nördlichen Daghestan hatten die Russen nach und nach befestigte Plätze geschaffen, wie z. B. 1837 Temirchan-Schura. Schamil breitete dessenungeachtet seine Macht immer mehr aus, zumal ein Jahr nach dem andern verging, ehe etwas Ernstliches russischerseits unternommen wurde. 1839 begannen endlich die Operationen. Drei selbständige Kolonnen wurden formiert: die erste, unter Generalleutnant Rajewski, sollte drei neue Punkte an der Ostküste des Schwarzen Meers besetzen und befestigen; die zweite, unter Generalleutnant Golowin, die Völker am obern Samur unterwerfen; endlich die dritte, unter Generalleutnant Grabbe, im nördlichen Daghestan gegen Schamil operieren und dessen Schlupfwinkel Achulgho zerstören. Am 15. Mai hatte Grabbe 5613 Kombattanten mit 900 Pferden bei der Festung Wnesapnaja versammelt. Bevor er jedoch sich gegen Schamil wenden konnte, mußte er erst Taschaw-Chadschi, welcher sich in der Tschetschnja zum Herrn aufgeworfen und Raubeinfälle auf russisches Gebiet ausgeführt hatte, unschädlich machen. Er schlug denselben bei Achmet-Tala am 22. und bei Sajasan 24. Mai; dieser sechstägige, mit Schnelligkeit, Energie und ohne starken Verlust an Leuten durchgeführte Feldzug in das Land der Itschkerinzen führte vollständig zum Ziel. Die dem russischen Reich unterworfenen Völkerschaften sowie auch die kaukasische Linie waren vorläufig vor den Einfällen der Muriden sicher. Jetzt konnte die Offensive im nördlichen Daghestan ergriffen werden. Am 2. Juni verließ das 6000 Mann starke Expeditionskorps die Festung Wnesapnaja. Am 5. Juni traf man auf Schamil mit 3-4000 Mann bei Burtunai und schlug denselben. Am 11. Juni wurde Arghuan erreicht, wo Schamil, auf die unzugängliche Lage des Dorfes vertrauend, 6000 Lesghier versammelt hatte. Die Russen erstürmten das Dorf unter den schwierigsten, fast nicht zu überwindenden Verhältnissen. Der Kampf hatte dort vom 11. Juni morgens fast ununterbrochen bis zum 13. morgens gedauert; die Russen verloren 146 Mann an Toten und 500 Mann an Verwundeten. Der Verlust des Feindes war ungleich größer. Die Scharen Schamils waren zerstreut, er selbst mit seinen Anhängern schloß sich in Achulgho ein. Am 16. Juni wurde der Vormarsch dorthin angetreten. Alt- und Neu-Achulgho waren auf zwei steilen, durch einen tiefen Grund, in welchem die Aschilta fließt, getrennten Bergen erbaut. Auf drei Seiten sind dieselben vom Koisu umflossen. Am 24. begann die Blockade dieses von Schamil noch künstlich befestigten Ortes, in welchem sich etwa 4000 Bewohner beiderlei Geschlechts, darunter 1000 waffenfähige Männer, befanden. Die Belagerungsarbeiten der Russen begannen 25. Juni. Vollständig eingeschlossen konnte Achulgho nicht werden, so daß Schamil die Verbindung mit den übrigen Bergvölkern offen stand. Es gelang ihm, einzelne derselben zum Aufstand zu veranlassen, so daß der General Grabbe gezwungen war, sich erst unter Zurücklassung weniger Truppen vor Achulgho gegen diese zu wenden. Die Niederwerfung derselben gelang ihm indes bald: 5. Juli waren die detachierten Truppen wieder zurück. Am 11. Juli morgens begann der Sturm auf den Surchajewskischen Turm, eine auf einer südlich von Neu-Achulgho gelegenen Bergkuppe angelegte Befestigung: er mißlang unter großen Verlusten; erst 18. Juli wurde derselbe genommen. Am 28. Juli wurden die Truppen zum Sturm auf Alt- und Neu-Achulgho vorgeführt, indes vergeblich: 156 Mann tot, 719 wurden verwundet. Erst nachdem Schamil von allen Seiten eingeschlossen war, ein Sturm 29. Aug., 2. Sept. kein Resultat gehabt hatte, wurde 3. Sept. Neu- und Alt-Achulgho genommen. Der Kampf war entsetzlich; der letzte Sturm hatte den Russen 150 Mann an Toten und 494 Mann an Verwundeten gekostet. Schamil entkam nach Itschkeri und nahm Weden zu seinem Wohnsitz.

Trotz der Niederlage Schamils war aber der Muridismus nicht niedergeworfen. Immer von neuem wurden Expeditionen ausgesendet, aber immer hatten sie nur Teilerfolge. Weder Tschernischew noch Woronzow waren glücklicher. Ein 50jähriger Kampf hatte zu dem Resultat geführt, daß Rußland ge-^[folgende Seite]