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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kinderheilstätten

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Kindergärten - Kinderheilstätten.

meinschaft fühlen lernen. Daher genügt auch schon im vorschulfähigen, zarten Alter die häusliche Erziehung nicht. Fröbel vereinigte deshalb die Kinder wenigstens einige Stunden des Vormittags in seinem Kindergarten zu gemeinsamem Spiel und gemeinsamer Beschäftigung. Den Namen wählte er, weil ein Garten zur Beobachtung des organischen Lebens der Natur, zur Erfrischung etc. wesentlicher Bestandteil der Anstalt ist, und weil in dieser die Kinder als Pflanzen Gottes gepflegt und entwickelt werden sollen. Er sagt: "Der Kindergarten soll die Kinder des vorschulfähigen Alters nicht nur in Aufsicht nehmen, sondern ihnen auch eine ihrem ganzen Wesen entsprechende Beschäftigung geben, ihren Körper kräftigen, ihre Sinne üben und den erwachenden Geist beschäftigen, sie sinnig mit der Natur und Menschenwelt bekannt machen, besonders auch Herz und Gemüt richtig leiten und zur Einigkeit mit sich führen". Zu diesem Zweck läßt er die Kinder beobachten, besonders Tiere und Pflanzen, auch sonst schöne und bedeutsame Körperformen, und diese Beobachtungen aussprechen und besingen. Daneben leitet er sie zu allerhand Spielen an. Diese sind Bewegungsspiele (Freiübungen, s. d.) und Geistesspiele. Die erstern beginnen mit dem Ball und schreiten dann zur (harten) Kugel, zum Würfel, zur Walze, zum Bauen mit verschiedenen Körpern fort. Durch die Bauspiele sowie durch das Flechten, Falten, Ausschneiden, Zeichnen etc. wird der Übergang vom Spiel zu ernsterer Beschäftigung angebahnt. Auch diesen Spielen gehen Sprech- und Singübungen zur Seite, für welche Fröbel selbst Sprüche und Lieder in großer Zahl herausgegeben hat. Die Leitung der K. sollte eigens dazu ausgebildeten Kindergärtnerinnen übertragen werden. In der Ausführung seiner Pläne findet sich bei Fröbel manches Seltsame und Schiefe. Dennoch hat das Unternehmen einen gesunden Kern und verdiente nicht die Feindseligkeit der Regierungen und die Abneigung der Lehrer und Erzieher, der es vielfach begegnete. Mit der wachsenden Verbreitung (besonders durch die eifrige Propaganda der Frau v. Marenholtz-Bülow in Dresden und das Eintreten von K. Schmidt und A. Köhler in Gotha, W. Lange in Hamburg u. a.) ist manches Fehlerhafte abgestreift. Vom pädagogischen wie volkswirtschaftlichen Standpunkt aus ist ihnen ferneres Wachstum zu wünschen. Nur müssen sie den bestehenden Schulen nicht feindlich gegenübertreten oder deren Lehrplänen in falschem Ehrgeiz vorgreifen, sondern der Schulerziehung verständig vorarbeiten. In Österreich wurde durch Erlaß des Ministers v. Stremayr vom 22. Juni 1872 die Gründung von K. und die Heranbildung von Kindergärtnerinnen amtlich empfohlen und geregelt. Dagegen ist in Preußen zwar das frühere Verbot schon 1861 aufgehoben, aber die Bevorzugung der K. vor ähnlichen Veranstaltungen für die vorschulpflichtige Jugend stets abgelehnt worden, namentlich durch Erlaß des Ministers Fall vom 31. März 1876. Vielfach berühren sich die K. in der Praxis mit den nahe verwandten Kleinkinderschulen (s. d.), Bewahr- oder Pfleganstalten. Vgl. die Schriften von Friedrich Fröbel (s. d.), namentlich dessen "Pädagogik des Kindergartens" (hrsg. von W. Lange, 2. Aufl., Berl. 1874); Goldammer, Der Kindergarten, Handbuch der Fröbelschen Erziehungsmethode (4. Aufl., das. 1885); Köhler, Der Kindergarten in seinem Wesen dargestellt (2. Aufl., Weim. 1874); Derselbe, Die Praxis des Kindergartens (3. Aufl., das. 1878 ff., 3 Bde.); Barth, Bilder aus dem Kindergarten (Leipz. 1873); v. Marenholtz-Bülow, Der Kindergarten (2. Aufl., Dresd. 1878); Dieselbe, Theoretisches und praktisches Handbuch der Fröbelschen Erziehungslehre (Kassel 1886, 2 Bde.); Seidel, Katechismus der praktischen Kindergärtnerei (3. Aufl., Leipz. 1887); Cassau, Fr. Fröbel und die Pädagogik des Kindergartens (Wien 1882).

Kinderheilstätten, Anstalten zur ärztlichen Pflege und zur klimatischen Erfrischung kranker oder kränklicher, durch mangelhafte Ernährung und ungesunde Verhältnisse heruntergekommener Kinder. Seit Ende des vorigen Jahrhunderts befindet sich eine königliche Anstalt für skrofulöse Kinder zu Margate in England. 1856 begründete Barellai zu Florenz in Viareggio bei Pisa ein Ospizio marino für Kinder, dem seither mehr als 20 ähnliche Anstalten in Italien nachgebildet wurden. In Frankreich, England, Nordamerika, Holland, Belgien und Dänemark fand dieser Vorgang Nachfolge, und nicht bloß an der Seeküste, sondern auch sonst in Badeorten, klimatischen Kurorten etc. wurden nach und nach zahlreiche K. errichtet. In Deutschland und Österreich ist etwa seit 1850 eine Reihe besonderer K. errichtet, teils als Krankenhäuser in Städten, teils als Pensionshäuser in Badeorten; in Verbindung mit Solbädern bestehen allein 18 derartige Häuser und Barackenanstalten (Wildbad, Jagstfeld, Rothenfelde [61 Betten], Nauheim, Frankenhausen, Elmen, Oldesloe, Kreuznach etc.). In den meisten dieser Anstalten haben die Kinder ein geringes Verpflegungsgeld, in Frankenhausen z. B. bei Armutszeugnis 45 Mk. bei voller Pension, zu zahlen und ein Gewisses an Kleidungsstücken mitzubringen. Die Dauer des Aufenthalts ist sehr wechselnd und schwankt meist zwischen drei Wochen und mehreren Monaten. In den großen Seehospizen Italiens und Englands ist die Dauer des Aufenthalts auf 45-80 Tage bemessen, so daß ein mindestens zweimaliger Turnus stattfindet. Den genannten Anstalten schließen sich die ländlichen Sanatorien oder Rekonvaleszentenhäuser an, welche den Kindern neben dem Aufenthalt in guter Luft auch den notwendigsten Schulunterricht gewähren. Solcher Schulsanatorien existieren in Italien drei, eins bei Turin, zwei bei Mailand; in Belgien soll eine großartige Anstalt an den Ufern des Meers gleichzeitig 400 Kindern nebst Lehrern und Wartepersonal Aufnahme gewähren. Es sollen vom 1. Mai bis 1. Okt. jedes Jahrs 500 Kinder 4 Wochen, 1000: 14 Tage und 4000: 8 Tage sich daselbst aufhalten können, um die gute Luft zu genießen, Bäder zu nehmen und gleichzeitig im Freien Unterricht zu empfangen. In Deutschland haben wir ein Sanatorium zu Augustusbad bei Radeberg, eins zu Godesberg bei Bonn, ferner das evangelische Johannesstift zu Plötzensee bei Berlin, welches allerdings kaum als außerhalb der Stadt liegend anzusehen ist, und das Elisabethenhaus zu Marburg. Spät erst ist man darauf gekommen, die Seehospize Englands und Italiens bei uns einzuführen. "Seestationen" verschiedener Diakonissenhäuser bestehen in Norderney (1876 vom Henriettenstift, Hannover), Großmüritz (1880 von Ludwigslust), Heringsdorf (von Bethanien, Berlin), Kolberg. Seit 1880 besteht in Berlin ein Verein zur Errichtung von K. an den deutschen Seeküsten, welcher seither Heilstätten in Wyk auf Föhr, Norderney, Großmüritz, Zoppot begründete und noch weiter für möglichste Vermehrung derartiger Sanatorien wirken wird. Vgl. "Bericht über die Ergebnisse der Sommerpflege (Ferienkolonien, K.) im Jahr 1885" (Berl. 1886); Lammers, Öffentliche Kinderfürsorge (das. 1885).