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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Krebs

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Krebs (= Harnisch; in der Astronomie; in der Medizin).

Krebs, der eiserne Harnisch im 16. Jahrh., wegen seiner krebsartigen Gestalt so genannt.

Krebs, in der Astronomie: 1) das vierte Zeichen im Tierkreis (♋ oder ^[img]); 2) ein Sternbild, von 117-148° Rektaszension und 8-34° nördlicher Deklination reichend, nach Heis mit 92 dem bloßen Auge sichtbaren Sternen, von denen aber nur einer heller als vierter Größe ist. In demselben befindet sich auch ein mit bloßem Auge sichtbarer Sternhaufe, die Krippe (Praesepe), zu deren Seiten zwei Sternchen vierter Größe, der nördliche und südliche kleine Esel (Asellus borealis und A. australis), stehen. Von diesem Sternbild erzählt die Mythologie, es sei dasselbe der unter die Sterne versetzte große K., welcher, von der Juno abgesendet, Herakles beim Kampf mit der lernäischen Schlange in den Fuß kneipte und dabei zertreten wurde.

Krebs (Krebsschade, Krebsgeschwür, griech. Carcinoma, lat. Cancer), ein von Galen in die Medizin eingeführter Name, welcher ursprünglich auf harte Geschwülste der weiblichen Brust angewendet wurde, da diese mit ihren erweiterten, bläulich durchscheinenden Gefäßverzweigungen eine entfernte Ähnlichkeit mit den Füßen eines Flußkrebses darbieten sollten. Später verwischte sich diese ursprüngliche Bedeutung, und es wurden alle möglichen bösen Gewächse als K. bezeichnet, selbst solche, bei denen der eigentliche Geschwulstcharakter ganz in den Hintergrund trat und der Krebsschade die Gestalt eines bösartigen, um sich fressenden Geschwürs angenommen hatte. So ist denn noch heute derselbe Name für eine Art der Geschwüre in Gebrauch, welche längst aus dem Gebiet der Krebse ausgelöst und in dem Kapitel der Syphilis als Schanker (Cancer) eingereiht worden sind. Da die Gewächse bis in den Anfang dieses Jahrhunderts nach rein äußerlichen Modifikationen ihrer Erscheinung benannt wurden, so sind einerseits früher viele Geschwülste als Krebse bezeichnet worden, welche heute anders benannt werden, und zum andern ist die alte Einteilung der Carcinome in Blutschwämme, Markschwämme, Alveolarkrebse, Cancroide, Scirrhusformen etc. nur noch für diejenigen verständlich und anwendbar, welche in diesen Namen eben nur äußerliche Varietäten einer Neubildung erblicken, deren Wesen nicht durch diese Erscheinung, sondern durch den innern Ausbau ihrer Gewebe bestimmt wird. Dieser Bau, welcher im wesentlichen allen echten Krebsgewächsen gemeinsam ist, läßt ähnlich wie der Bau eines drüsigen Organs zwei verschiedene Gewebsbestandteile unterscheiden: 1) das Krebsgerüst (stroma) und 2) den Krebssaft oder die Krebsmilch. Daher gehören die Krebse in die Kategorie der organoiden Neubildungen. Das Gerüst besteht aus neugebildetem Bindegewebe, das auf verschiedenen Stufen der Entwickelung vom Keimgewebe zum festen, harten, schwieligen Gewebe stehen kann, und welches geschlossene Räume, die Krebsalveolen, bildet. Diese Räume enthalten den Krebssaft, welcher aus epithelialen Zellen und dem sogen. Krebsserum zusammengesetzt ist. Weder die Alveolen noch die Zellen bilden für sich das charakteristische Merkmal des Krebses; es gibt keine Kennzeichen an Form, Größe oder chemischer Zusammensetzung, welche etwa nur den Krebszellen zukämen, sondern in der Vereinigung beider Bestandteile (in dem genannten Verhältnis) liegt das entscheidende Kriterium. Als Grundlage einer Einteilung im modern wissenschaftlichen Sinn dienen nun gleichfalls gewisse Varietäten des Stromas und der Krebszellen. Eine sehr zellenreiche Neubildung mit sehr dünnem, zartem Gerüst, die sehr weich ist, nennt man Medullarkrebs. Eine sehr harte, schwielig derbe Geschwulst, deren Stroma vorwiegend entwickelt, deren zellenerfüllte Räume klein und dürftig sind, nennt man Scirrhus. Die Mitte zwischen beiden bildet das Carcinoma simplex. Den früher ausschließlich als C. alveolare bezeichneten K. nennt man Kolloid- oder Gallertkrebs, weil in ihm das Gewebe eine gallertige Umwandlung eingeht. Sind Zellen und Gerüst pigmentiert, wie bei den Krebsen, welche von pigmentierten Geweben (Auge, Hautwarzen) ausgehen, so heißt der Tumor C. melanodes. Enthält der K. Zellen, die ganz den Zellformen seines Mutterbodens analog sind, wie die Carcinome der Haut und einiger Schleimhäute, welche eine epidermoidale Decke haben, so spricht man von Cancroiden (Epithelialkrebsen). Zu diesen gehört das Cancroid am Hodensack, das wegen seines häufigen Vorkommens bei Schornsteinfegern als Schornsteinfegerkrebs bezeichnet worden ist. Die Cancroide sind im ganzen weniger gefährlich als die andern Formen. Der K. tritt beim Mann am häufigsten in der Unterlippe, beim Weib in der Brustdrüse auf; aber auch an andern Körperteilen ist er bei beiden Geschlechten nicht selten, so in der Gesichtshaut, an den Geschlechtsteilen (beim Weib namentlich an der Gebärmutter), im Magen, Mastdarm, an der Zunge, im Kehlkopf etc. Anfangs bildet der K. eine knotige, nicht ganz scharf begrenzte Verhärtung, und auch bei weiterm Wachstum kann er diesen Charakter bewahren; liegt er aber nahe an einer Oberfläche, so verfällt er leicht der Verschwärung; es bildet sich ein Krebsgeschwür, im Sinn der Alten ausgedrückt, wird der C. occultus ein C. apertus. Ein solches Geschwür bietet in der Regel ein sehr unregelmäßiges Aussehen, eine schnell wuchernde, meist stinkende und stark absondernde Oberfläche dar. Eine wesentliche Eigentümlichkeit des Krebses ist die, daß derselbe in entferntern, meist, doch nicht immer, in irgend einem durch Lymph- oder Blutgefäße gebildeten Zusammenhang stehenden Körperteilen, z. B. im Magen und in der Leber, auch in der Lunge, in den Knochen, auftritt als sogen. sekundärer K. oder Krebsmetastase. Die Krebsgeschwulst nimmt zuweilen einen bedeutenden Umfang an, sie kann bis zur Größe eines Mannskopfes und darüber wachsen. Unter den Symptomen, welche der K. noch ferner hervorruft, ist der Schmerz besonders hervorzuheben. Dieser ist sehr verschieden: reißend, schießend, brennend, plötzlich auftretend und dann wieder nachlassend, und wird meist durch den Druck auf die Umgebung veranlaßt. Während der Entwickelung schwellen die benachbarten Lymphdrüsen an; das anfänglich ungestörte Wohlbefinden schwindet allmählich; der Kranke verliert den Appetit, die Haut wird bleich und bekommt eine eigentümlich erdfahle, strohgelbe Färbung; unter allgemeiner Erschöpfung (Krebskachexie, s. d.) tritt endlich der Tod ein und dies dann um so schneller, wenn der K. aufbricht. Zuweilen entstehen auch heftige Blutungen, welche den Tod herbeiführen.

Die eigentliche Ursache der Entstehung der krebsigen Entartung der normalen Gewebselemente ist noch ganz in Dunkel gehüllt. Nichtsdestoweniger glaubt man beobachtet zu haben, daß es mehrere Gelegenheitsursachen gebe, welche zur Hervorrufung derselben beitragen. Hierzu zählt man ein gewisses Lebensalter, das über die Blüte hinaus ist, wo der K. häufiger vorkommt als im jugendlichen, und zwar häufiger der ursprünglich harte K., während bei Kindern, wo ebenfalls Krebsgeschwülste beobachtet wor-^[folgende Seite]