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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ludwig

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Ludwig (Frankreich: L. XIV.).

deren äußern Pomp er mit Pracht und Geschmack in Szene setzte, haben zwei Umstände wesentlich beigetragen, welche indes durch Ludwigs hervorragende Persönlichkeit in den Hintergrund gedrängt wurden: der großartige Aufschwung, den das französische Volk seit Heinrich IV. in Handel, Gewerbe, Kunst und Wissenschaft genommen, und der unter L. seinen Höhepunkt erreichte, und die ausgezeichneten, aber bescheidenen Minister, welchen L. die Geschäfte übertrug. In der Auswahl und Verwendung derselben bewährte L. hauptsächlich seinen Herrscherberuf. Gleich bei Beginn seiner Regierung berief er Le Tellier, Colbert und Lyonne in seinen Rat, während er den allzu selbständigen Foucquet beseitigte. Namentlich Colbert trug durch seine durchgreifenden Reformen in den Finanzen und der Rechtspflege, durch schöpferische Maßregeln für Hebung von Industrie und Handel zur Erhöhung der Macht und des Ruhms seines Königs bei und lieferte ihm die Mittel zur Aufstellung eines Heers, in dem der kriegslustige Ehrgeiz des französischen Adels Befriedigung fand, und das Frankreich zum mächtigsten Staat Europas machte. Die günstige auswärtige Lage, die Mazarin geschaffen, kam L. sehr zu statten. Der Rheinbund verlieh ihm eine herrschende Stellung im Deutschen Reich, England und die Niederlande buhlten um seine Allianz; seine im Pyrenäischen Frieden verabredete Vermählung (1660) mit der spanischen Infantin Maria Theresia, deren Verzicht auf ihr Erbrecht L. von vornherein für wirkungslos erklärte, gab ihm einen Anspruch auf die spanische Monarchie, die teilweise oder ganz zu erwerben fortan das stete Ziel seiner auswärtigen Politik war. Bereits 1667, nach dem Tod seines Schwiegervaters Philipp IV., erhob er auf Grund des Devolutionsrechts Erbansprüche auf die spanischen Niederlande, eroberte dieselben, ohne viel Widerstand zu finden, während des englisch-niederländischen Kriegs im Sommer 1667 sowie im Februar 1668 die Franche-Comté, mußte sich aber infolge der drohenden Haltung der Tripelallianz im Frieden von Aachen (2. Mai 1668) mit zwölf Festungen an der belgischen Grenze begnügen. Um die Republik der Niederlande für ihre Opposition zu züchtigen, machte er durch Bestechung England und Schweden von der Tripelallianz abwendig, gewann die deutschen Grenznachbarn der Niederlande, Köln und Münster, für sich, und nachdem er mit Hilfe seines ausgezeichneten Kriegsministers Louvois das Heer auf 120,000 Mann gebracht und vortrefflich ausgerüstet hatte, fiel er im Frühjahr 1672 über die ganz unvorbereiteten Niederlande her, eroberte sie in wenigen Wochen fast ganz und kehrte triumphierend nach Paris zurück; als die Niederländer sich unter Wilhelm III. von Oranien erhoben und bei Brandenburg wie auch beim deutschen Kaiser und beim Reich, endlich auch bei Spanien Hilfe fanden. Diese Koalition und der Abfall Englands zwangen L., auf die Eroberung der Republik zu verzichten und sich auf eine Erweiterung der Ost- und Nordgrenze durch völlige Unterwerfung des Elsaß und Eroberungen spanischen Gebiets, namentlich der Franche-Comté, zu beschränken. Dies erreichte er auch trotz der großen Koalition, die sich gegen ihn gebildet, im Frieden von Nimwegen 1678.

Jetzt stand L. auf der Höhe seiner Macht: sein Heer war das zahlreichste, bestorganisierte und bestgeführte der Welt; seine Diplomatie beherrschte durch ihre Geschicklichkeit alle Höfe; die französische Nation überragte in Kunst und Wissenschaften alle übrigen und entwickelte in Industrie und Handel eine überraschend erfolgreiche Thätigkeit; die Koryphäen der Litteratur priesen L. als das Ideal eines Mannes und eines Fürsten. Der Hof von Versailles, wohin L. seine Residenz verlegte, deren Bau 150 Mill. Frank kostete, war der Gegenstand des Neides und der Bewunderung für alle großen und kleinen Monarchen, die den großen König in allen Äußerlichkeiten, auch seinen Schwächen, nachzuahmen bestrebt waren. Damals faßte er den Plan, seine weltgebietende Stellung durch Erwerbung der Kaiserkrone dauernd zu begründen. Niemand, weder im Ausland noch im Innern, wagte ihm entgegenzutreten. Die Nation sah in ihm die Verkörperung des Staats und opferte ihm freiwillig alle politischen Rechte; "l'état c'est moi!" hat L. zwar nicht gesagt, aber er hätte es mit Recht sagen können. Er hatte einen fast mystischen Glauben an seine Staatsmajestät, und in seiner Eitelkeit ließ er seinen Ruhm und seinen Glanz überall verherrlichen, man pries ihn als "le roi-soleil". Aber L. legte auch der Ausübung seiner Allgewalt keine Schranken auf und verletzte immer schamloser die heiligsten Rechte andrer. Die frevelhafte Komödie der Reunionskammern diente ihm zur Abrundung und Erweiterung der vielfach zerrissenen Grenzen; bei der Überrumpelung von Straßburg 30. Sept. 1681 glaubte er selbst diese Form nicht mehr nötig zu haben. Während er die Türkengefahr des Deutschen Reichs benutzte, um im Waffenstillstand von 1684 die Abtretung der Reunionen zu erzwingen, trat er bei andrer Gelegenheit als Haupt der katholischen Christenheit auf: eine Flotte wurde gegen die maurischen Seeräuber in Tripolis und Algier geschickt und Genua in Brand geschossen, weil es den Seeräubern Munition geliefert. Auch in religiösen Dingen sollte nur Ein Wille und Ein Gesetz herrschen: der Jansenismus wurde unterdrückt, aber auch der Einfluß des Papsttums beschränkt durch die Annahme der vier Artikel der gallikanischen Kirche auf dem Nationalkonzil von 1682. Die Rechte der Protestanten wurden erst möglichst beschränkt, ihr Gottesdienst erschwert, der massenhafte Übertritt durch gewaltsame Maßregeln erzwungen, endlich im Oktober 1685 das Edikt von Nantes ganz aufgehoben; die Auswanderung derer, die ihren Glauben auch nicht äußerlich abschwören wollten, wurde mit den härtesten Strafen bedroht. Dennoch verließen 200,000 Réfugiés Frankreich, dessen Industrie unwiederbringlichen Schaden litt. Indem L. in diesem gewaltsamen Treiben immer weiter ging, brachte er endlich fast ganz Europa gegen sich auf. Indem er Jakobs II. von England Plan, dort die katholische Kirche wiederherzustellen, unterstützte, beförderte er die englische Revolution von 1688, die seinen entschiedensten Gegner, Wilhelm von Oranien, auch dort an die Spitze des Staats brachte. Mit Papst Innocenz XI. geriet er über das Asylrecht der französischen Gesandtschaft zu Rom in Streit und besetzte 1688 sogar Avignon. Das Deutsche Reich endlich zwang er zum Krieg durch seine Einmischung in die kölnische Bischofswahl und den gegen den Willen der Erbin, seiner Schwägerin Elisabeth Charlotte von Orléans, erhobenen Erbanspruch auf einen Teil der Pfalz. Gegen die große Koalition von 1689 behauptete zwar die französische Landarmee, nachdem sie die schmachvolle Verwüstung der Pfalz ausgeführt, in den Niederlanden, am Rhein und in Piemont ihre alte Überlegenheit; aber die Versuche, die vertriebenen Stuarts nach England zurückzuführen, mißlangen alle, und in der Schlacht bei La Hougue 29. Mai 1692 ward die französische Seemacht vernichtet. Die Hilfsquellen