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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Lungenfäule

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Lungenentzündung - Lungenfäule.

Gewebes unterscheiden läßt und dem Arzt anzeigt, wie groß der erkrankte Abschnitt der Lunge ist, und welche Stellen betroffen sind. Beim Horchen vermißt man an dem hepatisierten Teil das normale Knistern (Vesikuläratmen) und hört statt dessen ein scharfes, rauhes Geräusch (Bronchialatmen). Die ausgeschwitzte Masse besteht bei manchen Formen der L. aus Blut und Faserstoff (fibrinöse oder fibrinos-hämorrhagische Hepatisation), bei andern überwiegend aus Zellen (zellige, katarrhalische, desquamative Hepatisation). So sehr sich ihrem Wesen nach diese Ausschwitzungen ähnlich sind, so lassen sich doch mannigfache eigenartige Prozesse unterscheiden:

1) Die echte L. (gemeine, kruppöse, fibrinöse Pneumonie). Sie ist eine häufige, schwere, akute, fieberhafte Krankheit, welche meist kräftige, vorher gesunde Personen befällt, dagegen Kinder und Greise verschont. Ein Fieberfrost mit Hitze leitet diese L. ein; Auswurf ist wenig oder gar nicht vorhanden, er ist anfangs speichelartig, wird aber bald sehr zäh, so daß er dem Teller anklebt, durch beigemischtes Blut wird er rot (rubiginöse Sputa) oder bräunlich. Die Kranken klagen, außer über Durst und Hitze, über stechende Schmerzen bei tiefem Einatmen, welche von einer nahezu regelmäßig vorhandenen Brustfellentzündung herrühren. Je weiter die Hepatisation fortschreitet, was oft über einen ganzen Lungenflügel und noch über einen Teil des andern geschehen kann, um so mehr tritt Kurzatmigkeit bis zu schwerer Atemnot ein. Wird die Luft aus einem allzu großen Abschnitt der Lungen verdrängt, so kann der Tod auf der Höhe der Hepatisation am 5. Tag oder später erfolgen. In der Regel ist aber der Ausgang der L. bei kräftigen jungen Personen in Heilung. Das hohe, oft von Delirien begleitete Fieber 39-41° fällt am 5. oder 7. Tag plötzlich zur Norm ab, der Kranke geht nach dieser Krisis der Genesung entgegen. Die letztere kommt dadurch zu stande, daß die in die Lungenbläschen ergossene Fibrinmasse erweicht und ausgehustet wird (katarrhalischer, eiteriger Auswurf), was etwa 2-3 Wochen in Anspruch nimmt. Höchst selten nimmt diese eigentliche L. ihren Ausgang in Lungenbrand, dagegen kann sich das Stadium der Lösung (Resolution) bei schwächlichen Personen über Monate hinziehen und noch lange Zeit Kuren in geeigneten Klimaten notwendig machen. Ein direkter Übergang dieser L. in Schwindsucht kommt nicht vor, es sei denn, daß schon vor Beginn der L. Tuberkulose vorhanden war. Die Ursachen der kruppösen L. werden gewöhnlich auf schroffe Temperaturwechsel, kalte Ostwinde etc. bezogen, doch kommt diese L. auch bei warmer Jahreszeit vor. In dem entzündeten Gewebe finden sich Bakterien von der Form der Diplokokken, welche einen mit Anilinblau färbbaren Hof besitzen. Die nähern Umstände, unter welchen diese Kokken eine L. bedingen, sind noch unbekannt, es ist nach neuesten Untersuchungen wahrscheinlich, daß dieselbe Art im Speichel normaler Menschen vorhanden ist. Ansteckend ist die L. nicht, Angaben dieser Art bedürfen noch der Bestätigung. Die Behandlung wurde früher mit reichlichen Blutentziehungen eingeleitet, welche jedoch nur bei sehr vollblütigen Personen von Nutzen sind. Man beschränkt sich jetzt darauf, das Fieber zu mäßigen, Schädlichkeiten, namentlich kalte, unreine Luft, fern zu halten, den Auswurf zu befördern und durch Wein und kräftige Nahrung nach dem Fieber den Verlust an Eiweiß zu ersetzen. Als Nachkur sind Höhenkurorte oft von gutem Erfolg.

Alle weitern Prozesse sind sekundäre Fälle von L., d. h. solche, bei welchen sich zu einem Hauptleiden eine L. hinzugesellt. Hierher gehören 2) die Kinderpneumonie, welche sich an Masern, Scharlach und andre akute Krankheiten anschließt und unter hohem Fieber, ähnlich der kruppösen L., verlaufen kann. Das Lungenexsudat ist großenteils zellig, also weniger fest als das fibrinöse, die Lösung geht daher meistens leichter vor sich, jedoch können sich hier sehr leicht chronische, in Schwindsucht übergehende Nachschübe anschließen. Eine besondere Art der Kinderpneumonie ist 3) die ebenfalls meist rein katarrhalische Bronchopneumonie. Hierbei geht immer ein Katarrh der Bronchien oder Krupp voraus, welcher von den feinsten Bronchien auf das Lungengewebe selbst übergreift. Nahe diesem Prozeß steht 4) die Schluckpneumonie, eine L., welche bei Kindern und Erwachsenen durch Verschlucken von Speise oder sonstigen zersetzungsfähigen oder reizenden Substanzen in Luftröhre und Bronchien zu stande kommt. Namentlich Geisteskranke, welche gefüttert werden müssen, Personen, welche am Krebs der Zunge oder Speiseröhre leiden, sind der Gefahr dieser L. ausgesetzt. Auch sie beginnt als Entzündung der Bronchien, welche auf die Lungenbläschen übergreift und eine fibrinöse oder katarrhalische Hepatisation setzt. Da die hepatisierten Stellen hierbei immer dem Verbreitungsbezirk der vorher erkrankten Bronchien entsprechen, so nehmen diese Bronchopneumonien immer einzelne scharf umschriebene Lungenläppchen ein, sie sind lobulär. Sofern die verschluckten Massen sich zersetzen, geht aus dieser L. leicht Lungenbrand (s. d.) hervor. 5) Als Senkungspneumonie (hypostatische Pneumonie) bezeichnet man solche Lungenentzündungen, welche sich bei Personen, die viele Wochen in Rückenlage im Bett zugebracht haben, in den tiefst gelegenen Teilen der Lunge durch Senkung des Bluts nach unten ausbilden. Diese meist katarrhalische L. kommt nur bei zunehmender Herzschwäche, bei alten Leuten, marantischen Kranken, nach schwerem Typhus etc. vor und endet, wenn nicht die Herzthätigkeit sich hebt, mit dem Tod. Eine besondere Form endlich ist 6) die käsige Pneumonie, welche durch die Wucherung von Tuberkelbacillen hervorgebracht wird. Sie beginnt mit einer meist rein zelligen oder zellig-fibrinösen Ausschwitzung in die Lungenbläschen. Diese katarrhalische Hepatisation geht durch Eintrocknung der Zellen und Nekrose des hepatisierten Abschnitts in käsige Hepatisation über, welche dann durch weitere Schmelzung zur Bildung von Höhlen, d. h. Schwindsucht, führt. Da sich die käsige Pneumonie nicht selten nach Scharlach, Typhus, Wundfieber bei geschwächten Rekonvaleszenten einstellt, so herrscht vielfach die Unklarheit, daß jede Form der L. zur Schwindsucht führen könnte, während es sich dabei niemals um einen direkten Übergang, sondern um eine Komplikation mit dieser spezifischen bacillären L. handelt.

Lungenfäule (Lungensucht), alte summarische Bezeichnung verschiedenartiger beim Rindvieh vorkommender Krankheitszustände der Lungen, die zu einer teilweisen Umwandlung der Lungensubstanz in eine weiche, eiterartige oder käsige Masse führen, eine bedeutende, selbst tödliche Abmagerung verursachen und vermeintlich eine sehr langsam verlaufende Krankheit darstellen. In dieser Auffassung ist die L. identisch mit der Lungenschwindsucht (vgl. Perlsucht). Mehrfach wurde als L. auch die Lungenseuche des Rindes bezeichnet. Gegenwärtig wird der Name nicht mehr verwandt. Die Kenntnis seines begrifflichen