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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Marseille

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Marseille (Bevölkerung, Handel und Schiffahrt).

Promenaden außerhalb der Stadt sind: Der Prado, mehr als 4 km lang, mit schönen Alleen bepflanzt und von Villen in seiner ganzen Ausdehnung umsäumt, von der Stadt zum Meer beim Château des Fleurs vorbeiführend, letzteres mit Hippodrom, Schießstätte und einem schönen, 50 Hektar großen Park. Am Ende des Prado befindet sich das der Stadt gehörige Schloß Borelli mit archäologischem Museum (s. unten), Wettrennplatz und schönen Parkanlagen, weiter die Promenade de la Corniche, welche sich längs der Küste in einer Ausdehnung von 7 km hinzieht, eine prachtvolle Aussicht auf das Meer gewährt und zahlreiche schöne Villen enthält. Im übrigen ist die nächste Umgebung der Stadt kahl und vegetationslos; erst etwas entfernter ist der Boden gut bebaut und mit Gärten und Weinbergen sowie mit zahlreichen (über 4000) Landhäusern, sogen. "Bastides", meist zweistöckigen Gebäuden mit kleinen Gärten, bedeckt.

[Bevölkerung.] Die Bevölkerung von M., welche 1801 erst 90,500, 1835: 148,597 Seelen betrug, belief sich 1861 schon auf 260,910, 1881 auf 360,099 (wovon 269,340 auf das eigentlich städtische, 90,759 auf das weitere Gemeindegebiet kommen), endlich 1886 auf 376,143 Einw. und ist somit nach Paris und Lyon die größte Stadtbevölkerung in Frankreich. Unter der Bevölkerung von M. befinden sich zahlreiche fremde Staatsangehörige, namentlich etwa 40,000 Italiener, der Religion nach etwa 15,000 Protestanten und 3000 Juden. Der Typus des Menschenschlags ist schön; ein feuriges Auge, eine rasch accentuierte Sprache, lebhafte Gebärden unterstützen die ausdrucksvolle Physiognomie. Die Hauptbeschäftigung bilden Handel und Schiffahrt; doch ist M. nicht nur ein großer Hafen- und Handelsplatz, sondern auch der Sitz einer wichtigen Industrie, deren Entwickelung der Handel teilweise seinen hohen Aufschwung verdankt. Der wichtigste Gewerbszweig ist die Seifenfabrikation, die im 16. Jahrh. von Savona und Genua hierher verpflanzt worden ist. Dieselbe beschäftigt in der Stadt und Umgebung 85 Etablissements mit gegen 5000 Arbeitern und produziert jährlich Seife im Wert von 85 Mill. Frank. Als Hilfsgewerbe dient der Seifenfabrikation die Produktion von vegetabilischem Öl (in 40 Fabriken mit 2000 Arbeitern, welche namentlich Sesam und Erdnüsse verarbeiten) und von Soda. Bedeutende Industriezweige sind weiter: die Zuckerraffinerie (2 Etablissements mit 2450 Arbeitern); die metallurgische Industrie in Eisen und Blei (Erze aus Italien, Algerien, Spanien), Weißblech und Metalllegierungen; die Lederfabrikation, früher in noch höherer Blüte (jetzt 25 Gerbereien mit 1700 Arbeitern, Rohmaterial aus Marokko, Algerien etc.); die Wollwäscherei; die Behandlung und Präparierung von Weinen aus Languedoc und Var zum Export nach den Antillen, Indien und Algerien; die Fabrikation von Kerzen, Mehl (100 Mühlen mit 800 Arbeitern), Zündhölzchen, Weinstein, Flechtwerk und Matten (namentlich aus Esparto), Juwelierarbeiten, Stöpseln, Bier, Kesselschmiedewaren, Konserven, Salzfleisch, Konditorwaren, Teigwerk, Tabak, Papier, Hüten, Marmorarbeiten und Ziegeln. Die Schiffkonstruktion ist gegenwärtig auf die Reparatur von Schiffen beschränkt, da sich der eigentliche Schiffbau von der Stadt weggezogen hat. Von Bedeutung ist auch die Fischerei, besonders der Kabeljaufang; 1885 liefen 31 Schiffe mit 4294 Ton. vom Fischfang ein und brachten eine Ausbeute von 3,7 Mill. kg Stockfisch mit.

[Handel und Schiffahrt.] Seine Größe und Bedeutung verdankt jedoch M. zunächst seinem Handel und seiner Schiffahrt, welche sich beide in den schon jetzt großartigen Hafenanlagen konzentrieren. Die Stadt besitzt zwei Häfen: den Alten Hafen, ein von der Natur gebildetes, gegen den Mistral (Nordwestwind) geschütztes Becken von 28 Hektar Oberfläche, welches bis 600 Handelsschiffe von einer seiner geringen Tiefe (4-7 m) entsprechenden Größe fassen kann, und den Hafen Joliette, 1853 in einer Flächenausdehnung von 22 Hektar angelegt und mit dem Alten Hafen durch einen Kanal verbunden. Hierzu kamen in weiterer Folge die Bassins Lazaret (16 Hektar), Arenc und National (je 24 Hektar), alle drei in den letzten Jahren eröffnet, ferner ein nasses und zwei Trockendocks an dem Verbindungskanal zwischen den beiden Häfen, so daß die Gesamtfläche der Hafenanlagen 114 Hektar beträgt, während die Kais eine Längenentwickelung von 9055 m haben. Dennoch genügten weder die Bassins und Kais noch die Docks den Bedürfnissen der Schiffahrt, wie auch der Mangel an einem Vorhafen sich sehr fühlbar machte. Es wurde daher schon seit 1863 die Vergrößerung des Hafens in Aussicht genommen und den auszuführenden Arbeiten ein weit ausgreifendes Projekt zu Grunde gelegt, welches folgende Objekte umfaßt: ein Bassin von 64 Hektar Oberfläche zwischen dem Bassin National und dem Kap Pinède, ein zweites Bassin von noch größern Dimensionen zwischen den Kaps Pinède und Janet, beide Bassins durch Molen von 300-520 m Länge getrennt; eine Verlängerung des Dammes vom Hafen Joliette und von den daran befindlichen Bassins zu den neuen Bassins; einen Vorhafen, gebildet durch den Damm der Bassins und durch einen Wellenbrecher von 2800 m Länge; ein Trockendockbassin mit 12 Werften sowie ein nasses Dock; neue leicht gebaute Magazine (Hangars); Herstellung von Schienenwegen auf den Hafendämmen. Nach Vollendung aller dieser Arbeiten wird kein Hafen der Welt bei direkter Verbindung mit dem Meer eine gleiche Wasserfläche und eine ähnliche Ausdehnung der Kais aufweisen. Vor dem Hafen von M. breitet sich die Reede, südöstlich vom Kap Croisette, nordwestlich vom Kap Couronne begrenzt, aus. Von der offenen See führen in dieselbe vier Zufahrten zwischen den der Reede vorgelagerten kleinen Inseln Ratoneau und Pomègues, der mit einem runden Turm als Wahrzeichen versehenen Klippe Canoubier und dem Felseneiland If (s. d.). Die Reede von M. ist durch vier Leuchttürme bezeichnet, darunter eine Leuchte erster Ordnung auf dem Felsen Planier. Vom Hafen gehen Schiffahrtsverbindungen nach den verschiedensten Richtungen aus. Der regelmäßige Dienst der Paketboote für Passagiere umfaßt Linien nach Nizza, Cette, Barcelona, Ajaccio, Bastia, Genua, Livorno, Neapel, Algier, Oran, Philippeville, Tunis. Unter den Schiffahrtsgesellschaften steht obenan die Compagnie des services maritimes des Messageries, welche Linien nach Italien, Malta, Griechenland, der Türkei, Syrien, Ägypten, Algier, Spanien, nach dem Schwarzen Meer, der untern Donau, dem Suezkanal, Ostindien und Australien unterhält. Außerdem bestehen noch zahlreiche andre Gesellschaften für einzelne Schiffahrtskurse. In Verbindung mit den Seekommunikationen steht als Landverkehrsweg die Eisenbahn von Paris über Lyon nach M. und weiter über Toulon und Nizza nach Italien, mit mehreren Zweigbahnen. Die Ergebnisse des Handels und der Schifffahrt von M. waren 1885 folgende: Auf der internationalen Schiffahrt sind im ganzen 4280 handelsthätige Schiffe mit einem Tonnengehalt von 3,152,058 Ton. und einer Bemannung von 119,785 Personen