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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Mensch

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Mensch (der "Urmensch"; geistige Entwickelung).

die artikulierte Sprache genügen, um ihn als außerhalb des Tierreichs stehend anzusehen. Vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkt muß diese Frage verneint werden.

Die Naturauffassung Darwins wirft ihr Licht auch auf die Frage der Stellung des Menschen zu den Tieren. In folgerichtiger Durchführung des Entwickelungsprinzips sieht sie in ihm nur das Endglied einer unendlichen Reihe von Ahnen; in der gegenwärtigen Schöpfungsperiode sind die sogen. anthropoiden (menschenähnlichen) Affen seine nächsten Verwandten, und beide, M. und Anthropoiden, führen auf einen gemeinsamen Urtypus zurück. Nach Häckel bestand noch eine Zwischenstufe beider, die er als Affenmenschen (Pithecanthropi) oder sprachlose Urmenschen (Alali) bezeichnet. Ihnen soll noch die wichtigste menschliche Eigenschaft, die artikulierte Wortsprache, und damit die höhere Begriffsbildung gefehlt haben. Darwin entwirft folgendes Bild des "Urmenschen": allgemeine Behaarung des Körpers, Bartbildung bei beiden Geschlechtern, beim Mann große Hundszähne als Waffe, bewegliche, zugespitzte Ohren, Fuß mehr zum Greifen eingerichtet. "Die Ahnen des Menschen lebten ohne Zweifel für gewöhnlich auf Bäumen in einem mit Wäldern bedeckten heißen Land." Man stellt sogar als Ursprungsstätte desselben einen jetzt unter die Fläche des Indischen Meers versunkenen frühern großen Kontinent, Lemuria (s. d.), hin, der von Ostafrika bis nach Ostasien gereicht haben soll. Wenn auch in dieser hypothetischen Abstammung des Menschen von den Tieren für die naturforschende Betrachtung nichts Erniedrigendes liegt (ebensowenig wie für die dogmatische in der Formung aus einem Erdenkloß), so muß doch gesagt werden, daß thatsächliche Belege für dieselbe noch ausstehen. Nur so viel steht fest, daß im Skelettbau des Menschen gelegentlich sich Abweichungen vorfinden, die man als Wiederauftauchen affenartiger Bildungen und somit als pithekoide bezeichnen muß, und die im Sinn des Darwinismus als Rückschläge in die frühere niedere Ahnenstufe angesehen werden. Dahin gehört z. B. der sogen. Stirnfortsatz der Schläfenschuppe, eine abnorme Verbindung, welche das Stirn- und Schläfenbein durch Bildung eines Fortsatzes eingehen, während sonst beim Menschen beide Knochen getrennt erscheinen. Dieselbe bedingt, ebenso wie die abnorme Schmalheit der normalen Nahtverbindung zwischen Keil- und Scheitelbein an dieser Stelle, eine Verkümmerung der Stirngegend (Stenokrotaphie nach Virchow). Die anthropoiden Affen Gorilla und Schimpanse besitzen ausnahmslos diesen Fortsatz, während er beim Orang-Utan wenigstens bisweilen vorkommt. Diese tierartige Bildung (Theromorphie) findet sich namentlich bei gewissen niedrig stehenden Menschenrassen. Eine andre hierher gehörige Bildung ist die eigentümliche Gestaltung der Nasenöffnung (Apertura pyriformis), deren unterer Saum nicht, wie sonst, scharfrandig erscheint und so scharf den Nasenboden von der Oberkieferaußenfläche absetzt. Es findet vielmehr ein allmählicher Übergang beider statt, indem statt des Saums eine schiefe Ebene mit grubenartiger Einsenkung besteht (Fossae praenasales). Auch die Verkümmerung der Nasenbeine gehört hierher, die an die Bildung der katarrhinen Affen streift (daher von Virchow Katarrhinie genannt). Die mächtige Entwickelung der Augenbrauenbogen gemahnt, in Verbindung mit einer starken Hebung des mittlern, die Sagittalnaht tragenden Teils des Scheitels, an die Kammbildung bei anthropoiden Affen. Dahin gehört auch der sogen. Torus occipitalis transversus (Schaaffhausen, Ecker, Joseph, Waldeyer), eine im Bereich der Nackenlinien der Hinterhauptschuppe auftretende, bei niedern Rassen häufige pithekoide Bildung. (Vgl. Anthropologie, S. 630.) Auch was bisher von fossilen Menschenresten gefunden ist, spricht nicht für die Annahme einer niedern, den Affen nahestehenden Bildung, und die Hypothese, daß der Vorfahr des Menschen sich von ausgestorbenen Affenarten abgezweigt habe, würde erst dann in der Wissenschaft anerkannt werden können, wenn Zwischenformen und Übergänge von jenen Affen der eocänen Zeit zu den heutigen Menschen irgendwo entdeckt würden. Was das mutmaßliche Alter des Menschengeschlechts betrifft, so haben die anthropologischen Forschungen ergeben, daß dasselbe bedeutend höher anzunehmen ist, als die biblische Überlieferung lehrt (vgl. Anthropologie, S. 629). Die Berechnungen begründen sich meist auf die Dicke von Anschwemmungsschichten, unter denen man Spuren menschlicher Thätigkeit (Topfscherben, Steinwaffen etc.) fand, unter Zugrundelegung einer bestimmten Ablagerungsdauer derselben, und sind daher höchst unsicher und schwankend. Ebenso unbestimmt lautet die Antwort nach der Abstammung von einem oder mehreren Menschenpaaren (Mono- oder Polyphylie). Während Agassiz, dem auch Nott und Gliddon folgen, die einheitliche Schöpfung des Menschen aus dem Grund bestreitet, weil der M. an bestimmte Faunen- und Florengebiete gebunden sei, halten andre, wie Peschel und Quatrefages, für wahrscheinlich, daß der M. nur von einem einzigen Schöpfungsherd aus die Erde bevölkert hat.

Das Leben des Urmenschen kann nur ein höchst kümmerliches gewesen sein, denn vielleicht jahrtausendelang vermochte er sich lediglich aus Stein, Knochen und Horn ganz rohe Werkzeuge herzustellen. Erst allmählich schritt er zur Fabrikation besserer, d. h. feiner behauener und polierter, Steinwerkzeuge fort (s. Steinzeit). Auch diese Periode, aus welcher die Kjökkenmöddinger (s. d.), die Hünengräber (s. d.), die Pfahlbauten (s. d.) etc. stammen, war eine ungemein lange; als dann der M. mit der Verarbeitung der Metalle, insbesondere der Bronze und des Eisens, bekannt wurde (s. Metallzeit), schritt er zu einer höhern Kulturstufe empor. Diese Entwickelung ist zweifellos von örtlichen Verhältnissen abhängig gewesen und hat sich demgemäß an verschiedenen Gebieten des Erdballes zeitlich sehr verschieden verhalten. So kommt es, daß noch jetzt bei gewissen Völkern, die man als Naturvölker bezeichnet, vielfach Zustände sich vorfinden, die denen der rohen Urzeit entsprechen. Auch eine wenigstens örtliche rückläufige Entwickelung, ein Zurückverfallen in tiefere Barbarei aus verhältnismäßig höhern Kulturstufen, ist nicht ausgeschlossen, ohne daß jedesmal an eine Verdrängung eines höhern Kulturträgers durch ein kräftigeres, roheres Volk zu denken wäre.

Das geistige Wesen des Menschen zu erforschen, ist die Aufgabe der Psychologie (s. d.). Die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts zur Zivilisation verfolgt die Kulturgeschichte (s. d.) mit ihren Zweigen: Sprachenkunde, Sitten- und Sagenkunde, Mythologie, Geschichte der Industrie, der Entdeckungen, der Kunst, der Litteratur, des Handels, der Wissenschaften, der Kirche, der Staaten, der Kriege und der Nationalökonomie. Schon in vorhistorischer Zeit tritt der M. mit einem wenn auch geringen Umfang industrieller Fertigkeiten und Kenntnisse auf; unsre Vorfahren lebten offenbar in einem ähnlich rohen Zustand wie die jetzigen Urbewohner