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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Mongolen

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Mongolen.

Statur, den kurzen Hals, die schmächtigen Gliedmaßen, kleinen, schwarzen Augen, schmalen, geraden Augenbrauen, hohen, vorstehenden Backenknochen, die breite und platte Nase, fleischigen Lippen, das kurze Kinn und die großen, abstehenden Ohren gemein. Die Schädelbildung zeigt den brachykephalen Typus. Der Breitenindex beträgt (nach Broca) bei M. und Türken 81,40-81,49, bei Chinesen 77,60, bei Indochinesen 83,51, bei Finnen 83,69, bei Lappen 85,07. Das schwarze Haupthaar ist schlicht und grob, der dünne Bart wächst in der Regel nur um Lippen und Unterkinn. Die Farbe der Haut ist weiß mit einem Stich ins Gelbliche; die eigentlichen M. haben ein bräunliches Gesicht mit roten Wangen, auch teilen sie nicht mit den andern M. den Hang zum Fettwerden, sind vielmehr hager, dabei aber stark. Die Beine sind infolge ihrer eigentümlichen Reitmethode (mit sehr kurzen Steigbügeln) ein wenig nach außen gebogen, weshalb sie etwas gekrümmt einhergehen und ihr Gang stark wackelnd erscheint. Vermöge des Phlegmas, welches dem Mongolen innewohnt, ist seine Gemütsstimmung vorwiegend eine sanfte und friedliche. Daher hat auch der Buddhismus in Zentral- und Ostasien so große Fortschritte machen können. Das schließt aber keineswegs eine kriegerische Stimmung aus. Doch ist der Mongole nur dann zum tapfern Krieger geworden, wenn begeisterte Männer, die es verstanden, ihn zu fanatisieren, sich an die Spitze stellten. Die M. haben große Reiche gegründet, aber keins derselben vermochte lange den Tod des Urhebers zu überdauern. Die großen Reiche im fernen Osten Asiens, deren Bewohner durchgehends der mongolischen Rasse angehören, haben ihre Dauer vor allem dem Phlegma ihrer Bewohner zu verdanken sowie dem Umstand, daß sie den ernsten Angriffen höher begabter Rassen nicht ausgesetzt waren. Die Kulturformen, welchen wir innerhalb der mongolischen Rasse begegnen, sind so mannigfaltig, daß diese Rasse in ihren einzelnen Völkern alle Kulturstufen repräsentiert. Zu den Naturvölkern mit dem Schamanismus als Religion gehören die Fischer- und Jägervölker sowie die Renntiernomaden der Samojeden, Ostjaken, Lappen, Wogulen, Tungusen und die Lohitavölker; zu den halbkultivierten Viehnomaden die schamanischen Himalajavölker, Sifan und Jakuten, die buddhistischen M. und Tibeter, die mohammedanischen Turko-Tataren; zu den ackerbauenden Kulturvölkern die Völker des chinesischen Kulturkreises (Chinesen, Japaner, Koreaner, Anamiten), des indischen Kulturkreises (Birmanen, Siamesen) und des europäischen Kulturkreises (Finnen, Magyaren, Tscheremissen, Mordwinen, Permier, Osmanen u. a.).

Die Sprachen der zur mongolischen Rasse gehörigen Völker sind ebenso mannigfaltig wie die Kulturstufen, zu denen sich die einzelnen Völker erhoben haben; dabei sind merkwürdigerweise die Sprachen der am tiefsten stehenden Stämme Nordsibiriens durch eine mehr oder weniger entwickelte Formfülle ausgezeichnet, während die hoch entwickelten Chinesen sich in der äußern Form ihrer Sprache an die einsilbigen Idiome Birmas und Siams anschließen. Die Sprache der eigentlichen M. gehört zu den die Silben und Wörter ohne Beugung aneinander schließenden Sprachen; der Wortschatz ist ein Gemisch aus eignen, chinesischen, türkischen und tibetischen Wörtern (vgl. Uralaltaische Sprachen). Die Schrift ist eine uigurische, die ihrerseits eine aramäische Schriftgattung ist, und wurde im 13. Jahrh. angenommen. Das Alphabet besteht aus 7 Vokalen, 6 aus diesen abgeleiteten Diphthongen und 17 Konsonanten; man schreibt in senkrechten Linien von der Linken zur Rechten. Grammatiken der mongolischen Sprache lieferten I. J. ^[Isaak Jacob] Schmidt (Petersb. 1831), Kowalewski (Kasan 1835) und Bobrownikow (das. 1849), eine mongolische Chrestomathie Kowalewski (das. 1836-47, 2 Bde.). Wörterbücher liegen vor von I. J. ^[Isaak Jacob] Schmidt (Petersb. 1835) und Kowalewski ("Dictionnaire mongol-russe-français", Kasan 1844-49, 3 Bde.). Die Litteratur ist vorzugsweise eine religiöse und besteht meist in Übertragungen aus dem Tibetischen und Chinesischen; aber auch wichtige Geschichtswerke weist sie auf. Man druckt mit Holzblöcken; die Klöster sind der Sitz der Bücherkundigen und Gelehrten, der gemeine Mann ist völlig unwissend. Als Produkte des mongolischen Volksgeistes sind die Erzählungen hervorzuheben, die jeder auswendig weiß, der auf den Namen eines gebildeten Mannes Anspruch erhebt. Manche derselben sind von bedeutendem Umfang und beweisen die enorme Gedächtniskraft dieses Naturvolks. Von den wenigen durch den Druck veröffentlichten Werken nennen wir: "Geschichte der Ostmongolen" von dem Mongolenfürsten Ssanang-Ssetsen Khungtaidschi (um 1660; mongolisch und deutsch von I. J. ^[Isaak Jacob] Schmidt, Petersb. 1829); "Die Thaten des Gesser-Chan" (hrsg. von I. J. ^[Isaak Jacob] Schmidt, das. 1836; deutsch, das. 1839); "Mongolische Annalen von Altan-Tobtschi" (mongolisch und russisch von Galsang Gombojew, das. 1855); "Mongolische Märchensammlung" (mongolisch und deutsch von Jülg, Innsbr. 1868); "Proben der Volkslitteratur der mongolischen Stämme" (hrsg. von Pozdnjejew, Petersb. 1880, russisch). - Die Kleidung der M. ist bei beiden Geschlechtern dieselbe, bei den Weibern nur etwas mehr verziert. Sie besteht im Sommer aus dunkeln Nankingröcken, im Winter aus Schafpelzen, die man mit einem Riemen zusammengürtet, von welchem Messer, Pfeife und Tabaksbeutel herabhängen. Bei Regenwetter tragen die Vornehmen rote, die Gemeinen schwarze Tuchmäntel. Den Kopf bedeckt eine im Winter mit Fuchs- oder Schaffell verbrämte Mütze, an den Füßen trägt man plumpe Stiefel nach chinesischem Schnitt. Beinkleider tragen beide Geschlechter gleichmäßig. Das Haupthaar scheren die Männer bis auf den Scheitel, an dem ein Zopf geflochten wird; die Frauen teilen es nach beiden Seiten, flechten es in Zöpfe und schmücken es mit Perlen und Korallen. Den Bart scheren die Männer, rupfen ihn auch wohl aus. Die Wohnungen bestehen in runden Jurten aus hölzernen Gitterwänden, die mit Filzdecken behängt sind; in der Mitte ist der Herd, auf dem nur Dung gebrannt wird. Im Winter beherbergt die Jurte auch die kleinern Haustiere. Die Nahrung ist größtenteils der Viehzucht entnommen. Ein Hauptgericht ist Ziegelthee, mit Hirsemehl gekocht und mit Salz, Butter und Milch angerichtet. Aus der Milch werden nicht nur Butter und Käse bereitet, man destilliert daraus auch einen starken Branntwein. Die Unsauberkeit der M. ist groß, das Baden ist ihnen ebenso wie den Chinesen und Kalmücken unbekannt, ihre Kochgeschirre reinigen sie nie. Die Haustiere, welche den Reichtum der M. ausmachen, sind: das Kamel, das Pferd, das Schaf mit dem Fettschwanz, das Rind, das auch zum Tragen und Reiten abgerichtet wird. Neben der Viehzucht wird noch etwas Jagd betrieben. So sind die M. auf immerwährendes Wandern angewiesen; selten bleibt man länger als 3-4 Wochen auf einem Platz. Kleine Mittelpunkte einer seßhaften Bevölkerung sind die Kuren oder Flecken, aber nur die Fürsten, Beamten, Soldaten im Dienst wohnen hier in Häusern. Die Verfas-^[folgende Seite]