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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Nierenkrankheiten

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Nierenkrankheiten (Allgemeines; Nierenentzündung).

Nervensystem eine Reihe von Wirkungen aus, die unter dem Namen der Urämie zusammengefaßt werden. Zuerst sind es Reizerscheinungen, wie Erbrechen, Angstgefühl, dann Krämpfe und Muskelzuckungen, welchen sich Verlust des Bewußtseins und Lähmungen anschließen, die als urämisches Koma oder urämische Schlafsucht bekannt sind. Der Zustand, zuweilen mit Epilepsie verwechselt, ist höchst bedenklich; wenn die Stoffe nicht binnen 1-2 Tagen abgeschieden sind, woran sich der Darm und die Haut beteiligen, so ist der Tod unvermeidlich. Bei geringen Anlässen, welche wieder eine Mehranforderung an die Nierenthätigkeit stellen, kann sich der urämische Anfall mit all seinen Schrecken wiederholen. Kommt die Störung der Nierenthätigkeit langsam zu stande, oder sind die Umsetzungsstoffe im Blut minder reichlich, so gibt es mannigfache Möglichkeiten. 1) Es kann dann dadurch, daß die gesamte Ernährung leidet, daß also in den Geweben weniger Stoffe verbraucht werden und dem Zerfall anheimfallen, eine Art von knappem Haushalt eintreten, bei welchem nicht mehr Anforderungen an die Harnausscheidung gestellt werden, als die kranken Nieren leisten können. Dieser Ausgleich durch Herabsetzung der Ansprüche ist bei alten Leuten so häufig, daß bei nicht wenigen Greisen, welche mit 70-80 Jahren sterben, die Sektion ganz unerwartet Nierenschrumpfungen aufdeckt, welche seit Jahren keinerlei Krankheitssymptome hervorgerufen hatten. 2) Ein Ausgleich kann dadurch zu stande kommen, daß der Gehalt des Bluts an Harnstoff (Kreatin, Xanthin, Hypoxanthin etc.) einen Reiz auf die Herzthätigkeit ausübt und durch fortdauernden Reiz eine Vergrößerung der linken Herzkammer herbeiführt. Ist dies geschehen, so wird durch das stärker arbeitende Herz in gleicher Zeitdauer eine größere Menge Blut durch die Nieren getrieben, und es können derart die verkleinerten Drüsen bei schneller Durchströmung ebensoviel leisten wie normale Nieren bei der Blutgeschwindigkeit eines normalen Herzens. Diesen Ausgleich nennt man Kompensation, sie besteht, solange die Vergrößerung des Herzens gleichen Schritt mit der Verkleinerung des gesunden Nierengewebes hält; sobald aber irgend eine Schädlichkeit das Herz stört oder lähmt, so stört es die Kompensation, und der Erfolg ist dann derselbe, als hätte die Schädlichkeit die Nieren direkt getroffen, d. h. es kann Urämie und Tod eintreten. Für die Behandlung ist die Möglichkeit eines Ausgleichs der Nierenaffektion durch Herzvergrößerung von unschätzbarem Werte, da sie durch zweckmäßige kräftige Diät, durch Bäder und klimatische Einwirkungen einen Kräftezustand herbeiführen muß, der die gewünschte Mehrarbeit und Hypertrophie des Herzens möglich macht. Bei herabgekommenen Personen ist hierzu keine Aussicht. 3) Bei langer Dauer der schlechten Blutbeschaffenheit erkranken die Gefäße. Abgesehen von chronischen Entzündungen der größern Arterien, verlieren die kleinen Gefäße, Venen und Kapillaren ihre normale Dichtigkeit, sie lassen Blutwasser in die Gewebe austreten, es entstehen Ödeme an den Augenlidern, den Füßen, später im ganzen Gesicht, an den Händen und am Ende allgemeine Wassersucht (s. d.). Auch in dem Stadium der Ödembildung kann noch Besserung eintreten, sobald sich die Herzthätigkeit hebt, ja sogar Kompensation, wenn das Herz durch dauernde Mehrarbeit die Krankheitsursachen stets rechtzeitig aus dem Blut fortschafft. Aber auch in diesem Stadium kann durch plötzliche Steigerung der Schädlichkeiten ein akuter urämischer Anfall mit Ödem der Hirnhäute dem Leben ein Ende machen. Die ärztliche Thätigkeit richtet sich also in jedem Fall auf die Entfernung der schädlichen chemischen Substanzen aus dem Blut und zwar direkt durch Beförderung der Darmthätigkeit und der Schweißabsonderung. Ersteres durch Abführmittel (Karlsbader Kur), letzteres mittels heißer Bäder, Einwickelung in warme wollene Decken, Pilokarpindarreichung, Überführung in warme, trockne Landstriche, wie Oberägypten, Sizilien, Madeira; indirekt durch Regelung der Diät, Verordnung kräftiger Nahrung, guter Luft, etwas Wein, Chinapräparate, welche geeignet sind, die Herzthätigkeit zu heben und dadurch einen möglichst anhaltenden Ausgleich herbeizuführen.

Nach dieser allgemeinen Darstellung der Krankheitserscheinungen, welche bei jeder Nierenaffektion auftreten können, welche einander ablösen und in mannigfache Zusammensetzungen sich wiederholen, bedarf es nunmehr zur Besprechung der einzelnen Vorgänge wesentlich einer anatomischen Schilderung.

Die Nierenentzündung (Nephritis) tritt in zwei Hauptformen auf: der parenchymatösen und der interstitiellen Nephritis. Die erstere betrifft das eigentliche Drüsengewebe, die Harnkanälchen, während die andre in dem Gerüstwerk von Gefäßen, in deren Maschen die Harnkanälchen angeordnet sind, ihren Sitz hat. Nicht selten kommen beide Formen nebeneinander vor, doch so, daß jede derselben anatomisch mit Leichtigkeit von der andern unterschieden werden kann. 1) Die akute Nierenentzündung stellt sich sehr häufig als eine Komplikation des Scharlachfiebers dar, kommt im Verlauf des sogen. Choleratyphoids vor, gesellt sich auch zuweilen zu den Masern und verwandten Ansteckungskrankheiten hinzu. Auch als Folge von Erkältungen und durch den Gebrauch starker harntreibender Mittel hat man die akute Nierenentzündung eintreten sehen. In manchen Fällen ist ihre Ursache nicht zu ermitteln. Die anatomischen Veränderungen, welche bei der akuten Nierenentzündung und zwar stets in beiden Nieren in gleichem Grad auftreten, bestehen in einer Schwellung der gewundenen Harnkanälchen, welche sich mit feinster körniger Eiweißtrübung fällen; zuweilen bersten einzelne der Gefäßknäuel und ergießen ihr Blut in die Harnkanälchen. In diesem Stadium ist völlige Rückbildung möglich. Bleibt diese aber aus, verschwinden die Eiweißkörnchen nicht, so geht die Krankheit in 2) das chronische Stadium über, bei welchem die Trübung stärker wird, die Eiweißsubstanz sich in Fetttröpfchen umwandelt und die befallenen Harnkanälchen zu Grunde gehen. Dieses chronische Stadium tritt oft ohne akute Vorläufer ein, es kommt im Kindesalter selten, im Mannesalter dagegen sehr häufig vor und wird mehr beim männlichen als beim weiblichen Geschlecht angetroffen. Als Ursache derselben sind in erster Linie Erkältungen, namentlich dauernde Einwirkung der Kälte und Nässe auf die Haut, dann auch der reichliche Genuß spirituöser Getränke zu nennen. Oft gesellt sich ferner diese Krankheit zu langwierigen Eiterungen, namentlich der Knochen, hinzu oder erscheint neben gewissen Herzleiden. Sind die Harnkanälchen der Rinde zum Teil verfettet, so sind zwei Ausgänge möglich. Entweder sie bleiben an Ort und Stelle liegen, die Nieren erscheinen dann groß, dick, die Oberflächen sind glatt, hellgelblich, mit zahllosen opaken gelben Flecken übersäet, die Marksubstanz ist stärker bluthaltig, das Bild entspricht den Beschreibungen, die John Bright von der nach ihm benannten Krankheit (Brightsche Nierenkrankheit) entworfen hat. Im zweiten