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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Per procūra; Per recápito; Perquirieren; Perraud; Perrault; Perrens; Perrin; Perron; Perrōne

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Per procura - Perrone.

den Oberbefehl über die niederländischen Streitkräfte und schloß, von Engländern und Preußen unterstützt, 1814 Gorkum, Bergen op Zoom und Antwerpen ein. Nach dem ersten Pariser Frieden ward er als Gesandter nach Berlin geschickt, bei Napoleons Rückkehr von Elba aber als Generalleutnant an die Spitze der 2. Division der Niederländer gestellt, mit welcher er bei Waterloo gegen Ney kämpfte. König Wilhelm I. erhob ihn hierauf in den erblichen Grafenstand und schickte ihn zum zweitenmal als Gesandten nach Berlin. P. starb 29. Nov. 1856 in Dresden. - Sein ältester Sohn, Wilhelm, Graf von P., geb. 17. Juli 1819, ward königlich preußischer Kammerherr und 1853 preußischer Ministerresident am nassauischen Hof und für die Freie Stadt Frankfurt, 1860 Gesandter zu Neapel, 1862 zu München, 1863 im Haag, dann in Brüssel und zog sich 1875 in das Privatleben zurück. Der zweite Sohn, Friedrich, Graf von P., geb. 11. Aug. 1821, preußischer Generalmajor à la suite, war bis 1888 Oberhofmarschall des Kaisers Wilhelm I., ward dann Oberstgewandkämmerer. Der dritte, Ludwig, Graf von P., geb. 19. Juni 1827, ist preußischer Vizeoberschloßhauptmann.

Per procūra (ital., lat. per procurationem), durch Stellvertretung, in Vollmacht (s. Prokura).

Perquirieren (lat.), nachforschen; Perquisition, gerichtliche Nachforschung; Perquisitionsprotest, s. Platzprotest.

Perraud (spr. perro), Jean Joseph, franz. Bildhauer, geb. 3. April 1819 zu Monay (Jura), bildete sich in Paris unter Ramey dem jüngern und Alex. Dumont sowie in der École des beaux-arts, wo er 1847 den großen Preis für Rom erhielt, infolgedessen er fünf Jahre in Italien verweilte. Die ersten Arbeiten, mit denen er nach seiner Rückkehr auftrat, eine Statue Adams (1855) und die Gruppe der Kindheit des Bacchus (1863, Louvre), fanden wegen ihrer technischen Vollendung, ihrer streng anatomischen Formen und der korrekten Durchbildung aller Details große Anerkennung; aber man vermißte den höhern künstlerischen Schwung und die Wärme des Gefühls. Unter seinen übrigen Schöpfungen sind die bedeutendsten: die Verzweiflung (1869, Louvre), die heil. Genoveva, die sitzende Figur der Gerechtigkeit und die die Gesetztafeln haltenden Karyatiden für den Justizpalast, die Gruppe des lyrischen Dramas an der Fassade der Neuen Oper, die Marmorstatue Galatea, die Marmorgruppe: der Tag (in der Avenue du Luxembourg, 1875). P. hat auch zahlreiche Büsten ausgeführt. Er starb 1. Nov. 1876 in Paris.

Perrault (spr. -ro), Charles, franz. Dichter, geb. 12. Jan. 1628 zu Paris, wurde Advokat, darauf Kommis bei seinem Bruder, dem Generalsteuereinnehmer, dann 1664 von Colbert mit der Oberaufsicht über die königlichen Bauten betraut, gehörte der Kommission an, welche für die königlichen Gebäude Aufschriften zu machen hatte, aus welcher später die "Académie des inscriptions et belles lettres" entstand; starb 16. Mai 1703. Seit 1671 Mitglied der Akademie, las er 1687 in einer Sitzung derselben sein höchst mittelmäßiges Gedicht "Le siècle de Louis le Grand" vor, welches den Anlaß gab zu dem berühmten Streit über die Alten und Modernen, in welchem Boileau sein unerbittlicher Gegner war. Den richtigen Grundgedanken seines Kampfes gegen die blinde Vergötterung und Nachahmung der Alten entwickelt er in "Le parallèle des anciens et des modernes" (1688-96, 4 Bde.), schießt jedoch oft über sein Ziel hinaus. Es fehlt ihm an Geschmack und Stil. Quinault steht ihm höher als Racine, der Maler Le Brun höher als Raffael; sein Hauptzweck ist der Ruhm seines Königs. Unsterbliches Verdienst aber erwarb sich P. durch sein Werk "Contes de ma mère l'Oye" (1697; in zahlreichen neuen Ausgaben, z. B. von Lacroix 1877, von Dilley 1880; mit Illustrationen von Doré, 1882), in dem die Märchen von Dornröschen, Rotkäppchen, Blaubart, dem gestiefelten Kater, Aschenbrödel, Däumling etc. in liebenswürdiger und einfacher Prosa erzählt werden. Eine Redaktion in Versen ist ihm weniger gelungen. Eine Auswahl aus seinen Werken veranstaltete de Plancy (1826) und P. Lacroix (1842). Vgl. Deschanel, Boileau, Charles P. etc. (Par. 1888). - Sein Bruder Claude P., geb. 1613, gest. 9. Okt. 1688, Arzt und Baumeister, lieferte die Zeichnungen zur östlichen Hauptfassade des Louvre und übersetzte den Vitruv.

Per recápito (besser: per ricápito, ital.), durch Ablieferung von Waren an den Empfänger.

Perrens (spr. -rängs), François Tommy, franz. Historiker, geb. 20. Sept. 1822 zu Bordeaux, besuchte die Normalschule und ist seit 1853 Professor am Lycée Bonaparte in Paris, seit 1862 zugleich Lehrer an der Académie des sciences morales et politiques. Von seinen Werken sind zu erwähnen: "Jérôme Savonarole" (1853; 3. Aufl. 1859, 2 Bde.); "Deux ans de révolution en Italie 1848-49" (1857); "Étienne Marcel et le gouvernement de la bourgeoisie au XIV. siècle" (1860; 2. Bearbeitung in der auf Kosten der Präfektur herausgegebenen "Histoire de Paris", 1875); "Histoire de la littérature italienne" (1867); "Les mariages espagnols sous le règne de Henri IV et la régence de Marie de Médicis" (1869 von der Akademie mit einem Preis gekrönt); "Éloge historique de Sully", welche Schrift 1870 den Preis der Beredsamkeit von der Akademie erhielt; "L'Église et l'État sous le règne de Henri IV et la régence de Marie de Médicis" (1872, 2 Bde.): "La démocratie en France au moyen-âge" (1873; 2. Aufl. 1875, 2 Bde.); "Histoire de Florence jusqu'à la domination des Médicis" (1877-84, 6 Bde.) und "Histoire de Florence depuis la domination des Médicis jusqu'à la chute de la République" (1888 ff.).

Perrin (spr. -äng), Pierre, franz. Dichter, aus Lyon gebürtig, gest. 1680 in Paris, war in Verbindung mit dem Komponisten Robert Cambert Begründer der französischen Oper. Weiteres s. Cambert.

Perron (franz., spr. -óng, Beischlag), im weitern Sinne niedrige steinerne Terrasse, welche sich längs eines Gebäudes hinzieht oder in dasselbe hineingebaut und überdacht ist; im engern Sinn die mit Steinen eingefaßte und gewöhnlich mit einem auf eisernen Säulchen ruhenden Dach überdeckte niedrige Terrasse längs der Empfangsgebäude der Bahnhöfe. Inselperron, ein zwischen den Geleisen der letztern hinziehender P.; auf frequenten Straßen oder Plätzen eine erhöht gepflasterte Stelle, auf welcher Fußgänger vor dem Fuhrwerk Schutz finden.

Perrōne, Giovanni, röm. Normaldogmatiker, geb. 1794 zu Chieri, wirkte als Professor in Rom und in Ferrara, war seit 1850 Rektor des Collegium Romanum und starb 29. Aug. 1876. Er hat sich unter anderm durch folgende in viele europäische Sprachen übersetzte Werke bekannt gemacht: "Praelectiones theologicae" (Rom 1825 ff., 9 Bde.; 31. Aufl., Tur. 1866; Regensb. 1881, 2 Bde.); "De immaculata Mariae conceptione" (Rom 1847; deutsch, Regensb. 1855); "Il protestantismo e la regola di fede" (Rom 1853, 3 Bde.; deutsch, 2. Aufl., Regensb. 1857, 2 Bde.); "De romani pontificis infallibilitate" (Tur. 1874). Seine Biographie schrieb Feret (Par. 1876).