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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Raffael

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Raffael (erste und zweite Künstlerperiode).

ihm für einige Handzeichnungen ein Exemplar seines ganzen "Werkes". Raffaels Auftreten war, wie Vasari berichtet, mehr das eines Fürsten als eines Malers; er kleidete sich prächtig, bewohnte ein schön eingerichtetes Haus im Borgo nuovo etc. Er war nicht vermählt, doch mit Maria da Bibbiena, der Nichte des gleichnamigen Kardinals, verlobt. Nach Vasari hat er bis zu seinem Tod eine Geliebte besessen, die bei ihm wohnte. Sie soll unter dem Namen Fornarina bekannt und die Tochter eines Bäckers gewesen sein. Ihre Züge scheinen der Sixtinischen Madonna zu Grunde zu liegen. Die unter dem Namen Fornarina gehenden Bildnisse rühren teils nicht von R. her, teils stellen sie andre Personen dar. R. starb an einem hitzigen Fieber am Karfreitag (6. April) 1520 in Rom. Das Gerücht, sein unsittlicher Lebenswandel sei die Ursache seines frühen Todes gewesen, ist erst später aufgekommen und völlig unbegründet. Die Zeitgenossen sprechen mit hoher Achtung von seinem sittlichen Charakter, so daß es wahrscheinlich ist, daß seine rastlose Thätigkeit seinen zarten Körper im Übermaß angestrengt und zuletzt aufgegeben hat. Der Leichnam Raffaels ward im Pantheon beigesetzt. Die Marmorstatue der heiligen Jungfrau auf dem Altar über dem Grabgewölbe, deren Ausführung R. selbst dem Lorenzetto anvertraut hatte, wird vom Volk unter dem Namen Madonna del Sasso als wunderthätig verehrt. 1833 wurde die durch Raffaels Brustbild und eine Inschrift bezeichnete Gruft geöffnet und sein Skelett noch ziemlich wohlerhalten gefunden. Raffaels Gesichtsbildung war regelmäßig und einnehmend. Seine Haare waren braun und seine Augen von sanftem, bescheidenem Ausdruck. Seine Gestalt war von schlankem Wuchs und mäßiger Größe.

Seiner ersten Periode, während welcher er sich zur umbrischen Schule, namentlich der des Perugino, hielt, gehören unter andern folgende Werke an: Christus am Kreuz, umgeben von Maria, Johannes, Magdalena und St. Hieronymus, beim Lord Dudley in London; die sogen. Madonna Solly und die heilige Jungfrau, das Christuskind im Schoß auf einem Kissen haltend, zu beiden Seiten St. Hieronymus und St. Franziskus, im Museum zu Berlin; die Krönung der heiligen Jungfrau, ganz in der herkömmlichen Weise der umbrischen Schule, doch schon mit Raffaelscher Individualität, in der Galerie des Vatikans; das kleine Bild eines unter einem Lorbeerbäumchen schlafenden jungen Ritters, dem im Traum die allegorischen Gestalten der Mühen und Freuden des Lebens erscheinen, in der Nationalgalerie zu London; die drei Grazien (nach einer antiken Gruppe), bei Lord Dudley in London; die Madonna aus dem Haus Connestabile, in der Eremitage zu Petersburg; die Vermählung Mariä (Sposalizio), in der Brera zu Mailand, durch Longhis und Stangs Stiche bekannt, ebenfalls noch ganz in Peruginos Weise gehalten, wiewohl Ausdruck und Bewegung bereits lebendiger als bei diesem sind und überhaupt Raffaels Eigentümlichkeit schon überall durchleuchtet (von 1504). Von den Bildern, die R. für den Herzog Guidobaldo in Urbino malte, ist vor allen Christus auf dem Ölberg zu nennen, ein Bild von äußerst sorgfältiger Ausführung, sowie ein St. Michael und St. Georg, beide jetzt im Louvre.

Mit Raffaels erstem Aufenthalt in Florenz beginnt seine zweite Künstlerperiode, in welcher er sich durch das Studium Fra Bartolommeos und Leonardos allmählich von der Weise Peruginos entfernte. Als die frühsten Bilder, die er in Florenz ausführte, gelten die schöne Madonna del Granduca (Palast Pitti in Florenz), die, obwohl noch an die Schule Peruginos erinnernd, doch schon eine großartigem, einfachere Haltung zeigt, und die Madonna Terranuova (Berliner Museum). Seine ersten Porträte waren die Bildnisse des Angelo und der Maddalena Doni im Palast Pitti, denen später das Selbstbildnis (in den Uffizien) folgte. Dieser ersten Zeit gehört auch das bereits erwähnte Fresko in einer Kapelle der Kirche San Severo in Perugia an: Gott Vater, ein Buch haltend, schwebt mit dem Heiligen Geist über dem Heiland; zwei halberwachsene Engel stehen anbetend zunächst dem Heiland, welcher zum Segnen die Arme erhebt; rechts und links auf Wolken sitzen sechs Kamaldulenser. In der Haltung des Ganzen erscheint hier R. großartiger und in der Behandlung breiter als je zuvor. Der untere Teil des Gemäldes (ebenfalls sechs Kamaldulenser) ist von Pietro Perugino nach dessen eigner Erfindung ausgeführt worden. Während seines zweiten Aufenthalts in Florenz malte R. für Lorenzo Nasi das unter dem Namen der Madonna mit dem Stieglitz (del cardellino) bekannte Madonnenbild, ein Bild voll lieblicher Einfalt und himmlischer Grazie, jetzt in den Uffizien zu Florenz. Auch das unter dem Namen der heiligen Jungfrau im Grünen bekannte Bild in der Wiener Galerie stammt aus dieser Zeit. In Florenz entstand auch die heilige Familie unter der Fächerpalme, jetzt bei Lord Ellesmere in London, welche schon entschieden Raffaels Eigentümlichkeit zeigt. Während seines dritten Aufenthalts in Urbino malte er für den Herzog unter andern ein Bild des heil. Georg, jetzt in der Eremitage zu Petersburg. Dieser florentinischen Periode gehören ferner an: die heilige Familie aus dem Haus Canigiani, in der Münchener Pinakothek; eine Grablegung Christi (1507) für Atalante Baglioni, ein ausgezeichnetes Gemälde, zu dem der Künstler besonders ernste Studien machte, jetzt in der Galerie Borghese zu Rom; die Predella in der vatikanischen Galerie (gestochen von Amsler); die Madonna des Hauses Orléans in Chantilly bei Paris; die Madonna aus dem Haus Niccolini und die Madonna auf der Steinbank (gestochen von Mandel), beide bei Lord Cowper in Panshanger; die heilige Familie mit dem Lamm, in Madrid; die Madonna aus Sant' Antonio in Padua und die Madonna Ansidei (beide in der Nationalgalerie zu London). Von großer Lieblichkeit im Ausdruck ist das Madonnenbild aus dem Haus Tempi, in der Münchener Pinakothek (gestochen von Raab); eine überaus graziöse Darstellung der Madonna aber jene aus dem Palast Colonna, jetzt im Museum zu Berlin (gestochen von Mandel). Unvollendet, wie das vorige, ließ R. auch das unter dem Namen La belle jardinière bekannte Madonnenbild im Museum des Louvre, eins der schönsten Raffaels. Ein andres Bild aus derselben Zeit stellt die Madonna dar, wie sie von dem schlafenden Kinde den Schleier aufhebt, um es dem kleinen Johannes zu zeigen, der knieend und lebhaft bewegt auf dasselbe hindeutet. Diese Komposition, als Madonna mit dem Schleier (au linge) bekannt, ist jedoch nicht mehr im Original, sondern nur noch in Kopien erhalten. Unter den letzten Werken, welche R. in Florenz begann, ist das unter dem Namen der Madonna del Baldachino bekannte Gemälde, welches er für den Altar der Familie Dei in San Spirito zu malen übernahm, das bedeutendste (jetzt im Palast Pitti in Florenz). R. ahmte darin die Art und Weise des Fra Bartolommeo vollkommen nach, aber der Ausdruck der Köpfe atmet Raffaelschen Geist. Dieses Bild ist jedoch von fremder Hand vollendet worden.