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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ratifizieren; Ratihabition; Rätikon; Rätĭkon; Ratinés; Ratingen; Ratio; Ratiocĭnatio; Ration; Rationāl; Rationāle; Rationalismus

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Ratifizieren - Rationalismus.

rum (Augsburg) die bedeutendsten. Bojodurum (Passau-Innstadt) bewahrte den Namen der keltischen Bojer; ebenso führen Radasbona (Regensburg, lat. Regina Castra), Sorviodurum (Straubing), Campodunum (Kempten) keltische Namen. Batava Castra (Passau) ist römische Gründung. Brigantium (Bregenz), die Bojerstadt am Lacus Venetus, gab demselben später den Namen Brigantinus Lacus. Unter den zahlreichen dort in ihren Resten nachgewiesenen Römerstraßen waren die ältesten und bedeutendsten die von Augusta Vindelicorum über Parthanum (Partenkirchen), Veldidena (Wilten), den Brenner etc. nach Verona und die von Augusta Vindelicorum über Brigantium und Curia nach Mediolanum. Vgl. Planta, Das alte R. (Berl. 1872); Campell, Historia raetica (hrsg. von Plattner, Bas. 1887).

Ratifizieren (lat.), genehmigen, namentlich die Handlungen eines Vertreters; daher Ratifikation, im diplomatischen Verkehr die durch die Staatsregierung bewirkte Anerkennung von Staatsverträgen, welche von den Vertretern der erstern abgeschlossen wurden. Zur Beurkundung derselben ist die Ausfertigung und der Austausch besonderer Ratifikationsurkunden üblich, welche den abgeschlossenen Vertrag und dessen Genehmigung enthalten und von dem Inhaber der Staatsgewalt unterschrieben und besiegelt werden, in konstitutionellen Staaten auch von den verantwortlichen Ministern zu kontrasignieren sind. Die Ratifikation solcher Verträge pflegt gewöhnlich am Schluß derselben ausdrücklich vorbehalten zu werden (Ratifikationsklausel), indem zugleich eine Ratifikationsfrist festgesetzt wird, die z. B. bei dem Frankfurter Friedensvertrag vom 10. Mai 1871 eine zehntägige war. Im Privatverkehr ist statt Ratifikation mehr der Ausdruck Ratihabition oder Genehmhaltung gebräuchlich. Der Entwurf eines deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs (§ 127) gebraucht dafür den Ausdruck Genehmigung (s. d.).

Ratihabition (lat.), s. Genehmigung.

Rätĭkon, Gebirgskette der Zentralalpen, die sich am Schlapiner Joch von der Silvrettagruppe abzweigt, zwischen Vorarlberg und der Schweiz und den Flüssen Rhein, Ill und Lanquart. Im Hauptkamm sind die wichtigsten Gipfel: das Mädrishorn (2848 m), die Sulzfluh (2842 m), Drusenfluh (2834 m), Scesaplana (2968 m) und der Falknis (2566 m). Vom Hauptkamm streichen sieben von O. nach W. länger werdende, durch Flußthäler getrennte Seitenkämme zur Ill, während die Entwickelung des Gebirges nach S. weniger bedeutend ist. In diesen Seitenkämmen ragt besonders hervor die Zimbaspitze (2640 m) unweit des hoch gelegenen Lüner Sees. Die wichtigsten Pässe des R. sind: Schlapiner Joch (2190 m), Antönier Joch (2392 m), Plasseggenjoch (2321 m), Drusenthor (2384 m), Schweizerthor (2170 m), Barthümmeljoch (2309 m), Saminajoch (2376 m) und die Luciensteig (694 m). Vgl. Waltenberger, Die Rätikonkette, Lechthaler und Vorarlberger Alpen (Gotha 1875).

Ratinés (franz., engl. Rateens), friesartige wollene Gewebe, deren Haar auf besondern Maschinen (Ratiniermaschinen) dadurch frisiert, d. h. gekräuselt oder geknötelt, wird, daß Reiber aus Kautschuk, Kork etc. in kreisender Bewegung unter starkem Druck über dasselbe hinweggehen.

Ratingen, Stadt im preuß. Regierungsbezirk und Landkreis Düsseldorf, an den Linien Düsseldorf-Kupferdreh und Troisdorf-Speldorf der Preußischen Staatsbahn, hat eine evangelische und eine kath. Pfarrkirche, ein Amtsgericht, Papier-, Röhren- und Kessel-, Watten- und Ölfabrikation, Dachziegelbrennerei, Maschinenschlosserei, eine Dampfsägemühle, Kalksteinbrüche und (1885) 5586 meist kath. Einwohner. In der Nähe das Etablissement Cromford mit großer Baumwollspinnerei und Weberei. Vgl. Kessel, Geschichte der Stadt R. (Köln 1876 ff., 2 Bde.).

Ratio (lat.), Rechnung; Vernunft; Vernunftschluß; in der Mathematik s. v. w. Verhältnis.

Ratiocĭnatio (lat.), Redefigur, bei welcher der Sprechende sich selbst auffordert, irgend eine aufgestellte Behauptung zu begründen.

Ration (franz.), bestimmter Anteil, besonders beim Militär die Menge Futter (Hafer und Heu), welche einem Dienstpferd täglich zukommt.

Rationāl (rationell, lat.), Bezeichnung aller Erkenntnisse, welche durch das reine Denken, also durch Vernunftschlüsse, gewonnen werden, im Gegensatz zu denjenigen, welche bloß aus Erfahrung oder Überlieferung beruhen. In diesem Sinn spricht man von rationeller Landwirtschaft, rationellem Heilverfahren, rationeller Theologie (s. Rationalismus) etc. - In der Mathematik heißt eine Zahl r., wenn sie sich durch die Einheit und aliquote Teile derselben genau ausdrücken läßt, irrational dagegen, wenn dies nicht der Fall ist. Das Verhältnis zweier Größen ist r., wenn sie kommensurabel (s. d.) sind.

Rationāle (lat.), ein dem Ephod der jüdischen Hohenpriester nachgebildetes, dem erzbischöflichen Pallium (s. d.) ähnliches Schultergewand, bestehend aus zwei scheinbar getrennten Stücken, die durch Spangen oder durch ein stoffliches Ornament zusammengehalten wurden, auf dem das Pektorale (s. d.) befestigt war.

Rationalismus (v. lat. ratio, "die Vernunft"), in der Theologie die Denkweise, welche in der menschlichen Vernunft ebensosehr das Organ und den Maßstab der Religion wie im sittlichen Handeln ihren eigentlichen Inhalt erblickt. Als innerhalb der Kirche anerkannte Denkweise konnte sich der theologische R. erst auf dem Boden des Protestantismus ausbilden, besonders seitdem in England die sogen. Freidenker (s. Deismus) nicht nur einzelne christliche Dogmen, sondern den Begriff der Offenbarung selbst einer strengen Kritik unterzogen, während die Freigeister (esprits forts) in Frankreich vollends als die wahre Philosophie einen platten Naturalismus zu begründen gesucht hatten. Anders gestalteten sich die Dinge in Deutschland, wo im sogen. Zeitalter der Aufklärung (s. d.) der ursprüngliche Supernaturalismus (s. d.) der protestantischen Theologie, welcher nur einen formalen, d. h. auf die systematische Darstellung der Dogmen gerichteten, Vernunftgebrauch gestattete, angeregt durch die dogmengeschichtlichen Studien, wie sie Semler (s. d.), die exegetischen, wie sie Ernesti (s. Hermeneutik) und J. D. Michaelis ^[Michaelis 1)] (s. d.) anbahnten, und die allgemein kulturhistorischen Impulse, wie sie von Lessing (s. d.) und Herder (s. d.) ausgingen, zu einer vorurteilslosern Prüfung des Bibelinhalts fortschritt. Vollendet erscheint dieser theologische R. erst in Kants Schrift "Die Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft", die den Schwerpunkt der religiösen Interessen ganz in das sittliche Moment verlegt. In der Folge ward nun die positive Religion mehr und mehr bloß als äußere Handhabe der Moral betrachtet und das eigentlich Religiöse auf wenige abstrakte Sätze zurückgebracht. Gott, Freiheit und Unsterblichkeit waren die Lieblingsideen, um die sich der rationalistische Religionsunterricht und die rationalistische Predigt bewegten. Der R. hat ein Verstandeschristentum aufgestellt, dem, so ehrlich und treu es gemeint war, doch das Frische, Kräftige, Lebensvolle und Poetische des biblischen Christentums gänzlich