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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Regen

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Regen (Entstehung, Verteilung etc.).

Luftschichten. Die erstere Art der Mischung verschiedener Luftschichten hat ihre Ursache in der zeit- und ortweise stattfindenden größern Erwärmung eines Ortes oder eines größern Erdgebiets, die zweite in den Winden. Wenn warme, feuchte Winde zum Aufsteigen gezwungen werden, indem sie über ein Land mit steil aufsteigenden Gebirgen anwehen, so entstehen dadurch massenhafte Niederschläge an den Abhängen dieser Gebirge (s. unten). Ebenso entstehen häufigere Niederschläge, wenn warme, feuchte Winde längere Zeit über kältere Länder wehen. Winde, welche viel Feuchtigkeit enthalten und daher auch oft Niederschläge zur Folge haben, nennt man Regenwinde. Bei uns in Europa sind dies Südwestwinde, im allgemeinen sind es überall die warmen Seewinde (s. Wind). Die Regenverhältnisse der Erde sind deshalb ebensowohl von der Gestaltung ihrer Oberfläche wie auch von den vorherrschenden Winden abhängig. In betreff der Regenverteilung über die ganze Erde kann man verschiedene Regengürtel unterscheiden: drei in der tropischen Zone und je drei auf jeder der beiden Halbkugeln in den außertropischen Zonen. Für die tropischen Gegenden oder die Regionen der Windstillen oder Kalmen (s. d.) ist die große Regelmäßigkeit der Regenverhältnisse sowie die große Menge des Regens besonders charakteristisch. Im Stillen und im Atlantischen Ozean werden im Gürtel der Kalmen durch die fast stets senkrecht auffallenden Sonnenstrahlen die untern Luftschichten stark erwärmt, sie steigen, schwer mit Wasserdämpfen beladen, empor und kühlen sich in den obern Luftschichten ab, so daß ihr ungeheurer Vorrat an Wasserdampf zu Regenwolken und zu R. verdichtet wird. In diesem Kalmengürtel regnet es das ganze Jahr hindurch durchschnittlich mehr als 9 Stunden am Tag. Der Kalmengürtel verschiebt sich mit der Sonne und nimmt z. B. im Atlantischen Ozean im August seine nördlichste Lage unter 10° nördlich vom Äquator ein, wo er sich als Regengürtel besonders an der afrikanischen Küste geltend macht, während er im Februar sich am weitesten nach S. (2°-3° nördlich vom Äquator) verrückt hat und besonders regnerisch an der südamerikanischen Küste auftritt. Im Stillen Ozean verschiebt sich der Kalmengürtel nur wenig und liegt dem Äquator sehr nahe; über den Festländern von Amerika und Afrika schwankt dieser Regengürtel mit täglich fallendem R. zwischen 3° südl. und 5° nördl. Br., indem er der Bewegung der Sonne folgt. Zu beiden Seiten desselben bis 15° vom Äquator liegen auf jeder Halbkugel je ein Regengürtel, innerhalb dessen für jeden Ort im Lauf des Jahrs zweimal eine Regenzeit, die eine im Frühling, die andre im Herbst, eintritt, also jedesmal in der Zeit des Jahrs, wo die Sonne am höchsten steht. In der Nähe der Wendekreise schmelzen die beiden Regenperioden in eine einzige zusammen (Zeit der Wolken), die auf der nördlichen Halbkugel in die Monate Mai bis Oktober fällt, also in die Zeit unsers Sommers, während dem Winter eine Trockenperiode entspricht (Zeit der Sonne). Ausnahmen von diesen allgemeinen Regenverhältnissen werden vielfach durch die örtlichen Windrichtungen und die Konfiguration der Erdoberfläche hervorgerufen. So gehört die Westküste des tropischen Südamerika zu den trockensten Gebieten der Erde, da hier die Winde aus S. und SW. vorherrschen, die über einen kalten Meeresstrom geweht haben und daher wenig Feuchtigkeit mit sich führen. Als Beispiele tropischer Regenmengen führen wir Sierra Leone an der Westküste von Afrika an, mit einer jährlichen Regenmenge von 4800 mm. Zu Maranhão in Brasilien beträgt dieselbe 7100, zu Cayenne 3513, in Britisch-Guayana 2138, zu Caracas 3946, zu Havana 3301, zu Veracruz in Mexiko 4650, auf den Sandwichinseln 1400, auf Tahiti (Gesellschaftsinseln) 1210, bei Kap York, an der Nordspitze von Australien, 2200 mm. Noch größer sind die Regenmengen in Vorderindien und überhaupt im Südwestmonsun-Gebiet des Indischen Ozeans. Während der Nordostmonsun (s. Monsune) wohl auch R. mitführen kann, bringt der Südwestmonsun, welcher die Dämpfe des warmen Indischen Ozeans gegen das Land hinantreibt, für Vorderindien ungemein große Regenmengen, welche, obwohl fast nur dem Sommerhalbjahr angehörig, diejenigen aller andern regenreichen Orte der Erde bei weitem übertreffen. Zunächst trifft nämlich der Südwestmonsun im S. der Halbinsel von Vorderindien das hohe Gebirge der Westghats und wird dadurch zur Abgabe eines Teils seines Dampfgehalts gezwungen. Auf der Malabarküste betrug die Regenhöhe im Durchschnitt der Jahre 1876-83: 5432 mm und schwankte dabei zwischen 4088 mm im J. 1881 und 7648 mm im J. 1882. Im Innern des Landes, hinter dem Gebirgswall der Westküste, sinkt die Regenmenge bis unter 800 mm; aber auf dem Abhang des Himalaja, nördlich von Kalkutta, steigt dieselbe wieder und erreicht in Tscherrapundschi, 1250 m ü. M., die Höhe von 12,520 mm (etwa 20mal größer als bei uns). Dies ist die bis jetzt bekannte größte jährliche Regenmenge. In einem Monat (im Juni 1851) sind zu Tscherrapundschi 3738 mm R. gefallen, also ebensoviel wie in Berlin in 6 Jahren. In den außertropischen Zonen verteilt sich die Regenmenge gleichmäßiger über die verschiedenen Jahreszeiten als in den Tropen; aber die jährliche Regenmenge ist bedeutend niedriger, wenn es auch einzelne Gegenden gibt, in welchen dieselbe an die der tropischen Gegenden heranreicht, so namentlich an den Westküsten der Kontinente. An den Polargrenzen der Passate herrschen die subtropischen R. und bilden hier die Zone mit Herbst- und Winterregen. Gegenden mit subtropischen R. sind auf der nördlichen Halbkugel der nördliche Atlantische Ozean zwischen 28° und 42° nördl. Br., die Mittelmeerländer und der nördliche Stille Ozean zwischen 23° u. 40° nördl. Br. sowie auf der südlichen Halbkugel die Meere und deren östliche Küsten zwischen 24° und 40° südl. Br. Je weiter wir uns von den Grenzen der Tropen entfernen, in desto verschiedenern Jahreszeiten tritt das Regenmaximum auf; in manchen Gegenden gibt es zwei solcher Maxima, die durch Zeiten schwächern Niederschlags voneinander getrennt sind. In der gemäßigten Zone regnet es in allen Monaten des Jahrs, aber in manchen mehr als in andern. Dies hängt von der herrschenden Windrichtung und den Höhenverhältnissen ab. Diese fünfte Regenzone nennt man auch Gürtel mit R. zu allen Jahreszeiten. Wo bewaldete Gebirge den Niederschlag begünstigen, wird es in der Höhe mehr regnen als in den Thälern oder am Fuß des Gebirges. In den Alpen geht die jährliche Regenmenge noch über 2000 mm hinaus, in der Umgebung des St. Bernhard und der Grimsel, teils als Sommerregen, teils als Herbstregen. Letztere treten besonders deutlich auf an der Westküste von Europa, wo im Herbst südwestliche Winde herrschen, die über das noch ziemlich erwärmte Meer hinstreichen, so besonders im Oktober in England, während für Schottland und Irland die Nähe von Gebirgen einen wesentlichen Einfluß auf die Kurve der monatlichen Niederschläge ausübt und