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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Rembrandt

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Rembrandt.

war ihm bereits im Tod vorangegangen. 1852 ward ihm zu Amsterdam ein Denkmal gesetzt. R. ist einer der originellsten Künstler; ohne wissenschaftliche Vorbildung, ohne große Anleitung, ohne Anschauung großer Meisterwerke erreichte er eine außerordentliche Höhe. Seine Stoffe sind meistens dem heimatlichen Leben entlehnt. Die derbste Figur im Volk gibt ihm Anlaß zum Studium und gewinnt unter seiner Hand einen machtvoll packenden Ausdruck charakteristischer Wirklichkeit, der durch einen poetischen Hauch verklärt wird. Er benutzte seine Studien nach dem Leben aber auch, wenn er Szenen aus dem Alten und Neuen Testament darstellte, die er im Licht seiner Zeit sah, ohne Rücksicht auf geschichtliche Treue, die aber gerade deshalb um so wirkungsvoller sind, denn sie geben die geistige und materielle Atmosphäre, in welcher R. lebte und dachte, mit der Wahrheit des Sittenbildes wieder. Sein Hauptmittel malerischer Wirkung ist das Helldunkel. Aus Schatten und Dunkelheit läßt er in scharfer Beleuchtung die charakteristischen Stellen des Bildes kraftvoll hervortreten. Er läßt die Formen mehr ahnen, als daß er sie ausführt. Nur die Köpfe sind gut gezeichnet, die Richtigkeit der übrigen Glieder sowie Schönheit der Verhältnisse gelten ihm als Nebensache. Nichtsdestoweniger beachtet er auch das Kleinste und Unscheinbarste und entfaltet eben in dem scheinbar Zufälligen einen eigentümlichen Reiz. Seine Malweise hat im Lauf der Zeit stark gewechselt: zuerst malte er mit subtilem Pinsel und mit hellem Lichte. Dieser ersten Periode gehören außer dem Paulus von 1627 der Geldwechsler (1627, Berliner Museum), die Gefangennahme Simsons (1628, königliches Schloß zu Berlin), die Verleugnung Petri, die Darstellung im Tempel und andre im Privatbesitz befindliche Bilder kleinen Formats an, welche sich durch scharfe Betonung der Lokalfarben mit grellem Licht kennzeichnen. Den Übergang zu seiner zweiten Periode bildet die heilige Familie mit lebensgroßen Figuren von 1631 (Münchener Pinakothek). Das erste Hauptwerk dieser zweiten Periode, während welcher er sich an Th. de Keyser anschloß, ist die "Anatomie des Dr. Tulp" (1632, im Museum des Haag). In dieser Zeit entstanden auch die meisten seiner Selbstbildnisse und die seiner Gattin Saskia. In der Zeit von 1637 bis 1642 kam auf seinen Bildern ein goldig-brauner Ton zur Herrschaft, der sich schließlich zu dem für R. charakteristischen "farbigen Helldunkel" entwickelte, welches die Zeit bis etwa 1654 beherrschte. An der Spitze dieser Epoche steht sein zweites Hauptwerk, die sogen. Nachtwache (1642), in Wirklichkeit kein Nachtstück, sondern der Auszug der Amsterdamer Schützengilde zur Tageszeit, der Gipfelpunkt seiner Helldunkelmalerei in goldigen Tönen; seine Behandlung ist hier gleichweit von Ausführlichkeit und Skizzenhaftigkeit entfernt. Mit der Zeit aber steigerte sie sich zu ungewöhnlicher Kühnheit und wurde teilweise dekorativ, seine Farbe ging mehr ins Braune über. Das Hauptbild dieser Zeit sind die Staalmeesters (1661). R. entlehnte den Stoff zu einer großen Anzahl von Bildern dem Neuen Testament. Er stellte die heilige Familie dar auf der Rast während der Flucht nach Ägypten (Berlin) oder, in bescheidener Handwerkerhäuslichkeit, die Familie des Schreiners (Louvre), die Familie des Holzhackers (Kassel). Gleicherweise in das Alltagsleben hineingestellt und demselben entnommen sind die Heimsuchung (von 1640, London), Christus zu Emmaus, dann der barmherzige Samariter. Außerordentlich mächtig und ergreifend wirkt R. in den Bildern der Münchener Pinakothek: Christi Abnahme vom Kreuz, einem der schönsten Bilder, die er überhaupt gemalt, voll wunderbarer Lichtwirkung, Christi Grablegung und Himmelfahrt. In seinen Bildern aus dem Alten Testament herrscht ein merkwürdig phantastischer Zug; Modelle aus dem Amsterdamer Ghetto, in absonderlich farbige Kostüme gesteckt, sollen uns die Welt des Orients veranschaulichen. Solcher Art sind: Jakob, seine Enkel segnend (Kassel); Simson, seinem Schwiegervater drohend (Berlin); dann das Dresdener Bild: Simson, bei seiner Hochzeit Rätsel aufgebend, ein Gemälde von außerordentlicher Lebendigkeit und malerischer Wirkung. Mit besonderer Vorliebe behandelte er die Geschichte des Joseph, des Daniel und der Susanna (die schönsten Beispiele in Berlin). Speziell geschichtliche Bilder schuf R. eigentlich nie. Der Mythologie entlehnte er dagegen häufig seine Stoffe, obwohl seine Auffassung, der antiken vollständig entgegengesetzt, durchaus eigentümlich ist und nur auf malerische Wirkung ausgeht. Solcher Art sind: die Entdeckung des Fehltritts der Kallisto (Anhalt), der Raub des Ganymedes (Dresden), Danae (Petersburg), Raub der Proserpina (Berlin) u. a. Das Gebiet, auf welchem R. unübertroffen dasteht, ist das Porträt; keiner vor ihm verstand es, dem menschlichen Kopf so sein individuelles Gepräge zu verleihen und so viel malerisches Interesse abzugewinnen. Meisterhafte Werke dieser Art befinden sich namentlich in der Eremitage zu Petersburg, in den Museen von Berlin, Kassel, Dresden, Wien und London sowie in englischem und französischem Privatbesitz. Er malte oft interessante Modelle in allen möglichen Stellungen und Kostümen, vorzugsweise Köpfe alter Männer, Juden mit buschigem Haupt- und Barthaar. Eine besondere Vorliebe hatte er für die Darstellung seines eignen Porträts; so finden wir eins in Berlin von 1634, ein andres aus etwas späterer Zeit daselbst, mehrere in London, eins in Florenz; auf einem berühmten Dresdener Bild von etwa 1636 bildete er sich ab, das Weinglas schwingend, mit seiner Frau auf dem Schoß. Diese letztere finden wir auf ungemein zahlreichen Bildern, von denen die hervorragendsten sind: eine Zeichnung in Berlin, ein außerordentlich schönes Bild in Kassel und ein noch schöneres von 1641 in Dresden. Zu Rembrandts besten Leistungen im Porträtfach gehören auch die Schützen- und Regentenstücke, Porträtdarstellungen der Vorsteher einer Wohlthätigkeitsanstalt, der Offiziere einer Schützengilde, der Zuhörer eines Professors mit diesem. Die großartigsten Bilder dieser Gattung überhaupt sind: die Nachtwache (Amsterdam) und die Staalmeesters, die Vorsteher der Tuchmachergilde, am Tisch sitzend, in lebhafter Unterredung begriffen (Amsterdam), welches Bild einen großartigen Stil der Auffassung und eine meisterhafte Breite des Vortrags zeigt. Trotz der Porträttreue hat aber R. in diesen Bildern nie den Gesamteindruck aus dem Auge verloren. Auch als Landschaftsmaler ist R. ausgezeichnet. Nur Gegenden seiner Heimat nahm er zum Vorwurf; außerordentliche Feinheit der Komposition, warme Vertiefung in das Detail und poetische Empfindung sind hier seine Vorzüge. Beispiele enthalten die Galerien von Berlin, Braunschweig, Oldenburg und Kassel. Die Zahl seiner nachweisbaren Gemälde, deren Einfluß die ganze Folgezeit beherrschte und noch heute nachwirkt, beläuft sich auf gegen 400. Eine wesentliche Ergänzung seiner künstlerischen Thätigkeit bilden seine Radierungen, welche ebensosehr den Höhepunkt der holländischen Radierkunst bezeichnen wie seine Bilder den der holländischen Malerei. Die Zahl seiner Blätter