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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Rind

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Rind (Rassen des Hausrindes).

kurzen, in der Stirn breiten Kopf mit weitem Kehlgang und starker Wamme am Hals, die bereits vorn am Kehlgang beginnt und den Kopf noch kürzer erscheinen läßt, als er in Wirklichkeit ist; der Rücken ist gerade, vor dem Becken mitunter etwas erhöht und dann im Kreuz nach hinten abfallend; die Hüften sind breit und hoch, die Gliedmaßen kurz und kräftig gestellt. Flotzmaul, Hörner und Klauen sind fast immer dunkel gefärbt. Die Größe ist bei den dazu gehörigen Schlägen sehr verschieden. Durch den Aufenthalt auf den Alpweiden sind die Tiere körperlich kräftig entwickelt; sie eignen sich für die Benutzung zur Arbeit, nähren sich verhältnismäßig leicht und sind mittelmäßig im Milchertrag, der in der besten Milchzeit 8-10 Lit. pro Tag beträgt; die Milch ist aber reich an festen Bestandteilen. Die Mastfähigkeit wird gerühmt. Das Braunvieh ist früher nach den ebenen Gegenden Süddeutschlands, sogar bis nach Sachsen, ausgeführt und zur Verbesserung der dort heimischen Landrassen verwendet worden. Man unterscheidet folgende Schläge: in der Schweiz den großen Braunviehschlag oder die Schwyzer Rasse (Fig. 2), den mittlern Braunviehschlag und den kleinen Braunviehschlag; in Tirol den Montafuner Schlag, die im Welser und Klosterthal verbreiteten Schläge und den Bregenzerwälder Schlag; in Bayern den Algäuer Schlag, wegen seiner Milchergiebigkeit berühmt, fast hellgrau, erreicht ein Gewicht bis höchstens 450 kg und ist fast durch ganz Deutschland und bis nach Schweden verbreitet.

III. Bos frontosus. Die zu dieser Rasse gehörigen Viehschläge, die in den Alpenländern des südlichen Deutschland am meisten verbreitet sind, unterscheiden sich von dem Braunvieh durch ihren schwerern Körperbau und besonders durch ihre gefleckte Haarfärbung (Fleckvieh). Die sehr starke und breite Stirn mit kräftigem Genick und kurzem, starkem Hals machen die Tiere zur Arbeitsleistung mit dem Stirnjoch durch ihren überaus kräftigen Körper mit breiter Brust und kräftigen, gut gestellten Gliedmaßen sowie durch ihre starke Konstitution besonders geeignet. Als Arbeitsvieh werden die hierher gehörigen Schläge für Feldarbeiten und zum Schleppen von schweren Lasten auf Wegen und Chausseen verwendet. Dabei besitzen die weiblichen Tiere eine gute Milchergiebigkeit, und die verschnittenen Ochsen zeigen sich sehr mastfähig. Einzelne Schläge zeichnen sich durch ein hohes Körpergewicht aus, das bei erwachsenen männlichen Tieren bis zu 1500 kg heranreicht. Man unterscheidet nachstehende Schläge: 1) in der Schweiz den Freiburger, Berner (Fig. 1), Simmenthaler, Emmenthaler, Schwarzenberger Schlag; 2) in den Salzburger Alpen den Pinzgauer, Pongauer, Lungauer und Landler, Brixenthaler Schlag; 3) in Tirol den Zillerthaler, Duxer, Pusterthaler, Oberinnthaler Schlag. Vgl. Kaltenegger u. a., Die österreichischen Rinderrassen (hrsg. vom k. k. Ackerbauministerium, Wien 1879-84, 2 Bde.); Nörner, Das Fleckvieh der Schweiz (Berl. 1888).

Die zu Bos brachyceros und B. frontosus gehörigen Viehschläge haben namentlich im südlichen Deutschland das ursprünglich dort verbreitete Landvieh ganz verdrängt. Es sind sogen. Mittelrassen entstanden, welche teils der Brachyceros-, teils der Frontosus-Rasse näher stehen (Fig. 10, fränkischer Zugochs).

Die Viehschläge Frankreichs lassen sich in drei Gruppen einteilen, von welchen die im nördlichen Frankreich verbreiteten der Niederungsrasse (Bos primigenius) sich anschließen (Fig. 5, Bretagner Kuh) und die im mittlern und südlichen Teil dem Braunvieh der Schweiz (Bos brachyceros) nahetreten, während in dem östlichen Teil des Landes eine Durchkreuzung der dort ursprünglichen Schläge mit Schweizer Fleckvieh (Bos frontosus) stattgefunden hat (Fig. 13, Charolaiser Stier). In neuester Zeit wurde zur Verbesserung der Mastfähigkeit vielfach Durham-Vieh (Shorthorns) aus England benutzt. Unter den gemischten Rassen des östlichen Frankreich ragt die weiße Rasse von Charolais (Fig. 13), welche sich den besten englischen Rassen zur Seite stellt, der Stolz der französischen Züchter, besonders hervor. In Großbritannien sind seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Viehzüchter bemüht gewesen, ihre einheimischen Rinderrassen namentlich in Bezug auf die Mastfähigkeit zu verbessern. Die Milchergiebigkeit steht in zweiter Linie, während auf die Benutzung zur Arbeit gar kein Gewicht gelegt wird. Man unterscheidet: 1) Das Vieh auf den Kanalinseln, auf den Inseln Alderney, Jersey und Guernsey, kleines, außerordentlich milchergiebiges Vieh, wahrscheinlich mit der Bretagner Rasse verwandt, aber seit längerer Zeit durch Inzucht in intelligenter Weise verbessert. Die Haarfarbe ist gelblichgrau mit weißen Flecken, das Körpergewicht 310-350 kg. 2) Die langhornige Rasse (B. primigenius?), in Lancaster und in Irland als ein grobknochiger, sehr abgehärteter Viehschlag der Niederungsrasse, dunkelbraun mit weißem Rückenstreifen und sonstigen weißen Abzeichen sowie langen, meistens nach abwärts gerichteten Hörnern. Die Milchergiebigkeit ist kaum mittelmäßig, besser die Mast- und Arbeitsfähigkeit. 3) Die kurzhornige Rasse, Shorthorn- und Durham-Rasse, Holderneß- und Teeswater-Vieh (B. primigenius, Fig. 9). In den östlichen Teilen von England, besonders in den Grafschaften Durham, York, Lincoln u. a., sind milchreiche Viehschläge der Niederungsrasse seit langer Zeit verbreitet gewesen, welche früher durch eingeführtes Vieh aus Holland und Holstein verbessert wurden. Sie waren zwar sehr milchreich, aber die Mastfähigkeit ließ zu wünschen übrig. Die Brüder Colling in der Grafschaft Durham verbesserten diese Rasse mit außerordentlichem Erfolg, das Vieh wurde leicht mastfähig, verlor die Milchergiebigkeit nicht in dem Grad wie das langhornige und wurde dadurch weit vorteilhafter für die Haltung. Die Shorthornrasse ist jetzt die berühmteste, vereinigt Mastfähigkeit und Milchergiebigkeit, während sie als Arbeitsvieh wenig brauchbar ist. Die gemästeten Ochsen erreichen ein Gewicht bis zu 1500 kg; die Haarfarbe ist braunrot mit weißen Abzeichen, oder ganz weiß, oder rotschimmelig; die Hörner sind gelb, das Flotzmaul rot. Die Körperformen werden von keinem andern Viehschlag übertroffen. 4) Die mittelhornige Rasse (B. primigenius), das eigentliche Landvieh umfassend, das aber auch sehr veredelt ist. Hier geht das Streben der Züchter dahin, die Mastfähigkeit zu verbessern, und es ist dazu zum Teil Shorthornvieh verwendet worden; jedoch gibt es noch milchreiche und auch für die Arbeit geeignete Schläge darunter. Man rechnet hierher besonders das Vieh in Wales, Hereford (Fig. 12), Devon, Sussex, im westlichen Hochland, Ayrshire u. Kerry. 5) Die ungehörnte Rasse (B. frontosus) soll in früherer Zeit aus Skandinavien eingeführt sein; andre behaupten, daß sie von dem Hochlandvieh abstamme und die Hornlosigkeit mit der Zeit herangezüchtet sei. Die hierher gehörigen Schläge sind an der östlichen Küste von Schottland heimisch und von da nach einigen Grafschaften in England verbreitet, wie die Schläge von Angus (Fig. 8), Aberdeen, Galloway, Norfolk und Suffolk.