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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Rouen

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Rouen.

der viel Aufsehen erregte. 1874-75 erforschte er die Schotts von Algerien, 1876 die von Tunesien; 1878 bis 1879 machte er Sondierungen auf dem Isthmus, der die Schotts vom Mittelmeer trennt, fühlte sich dadurch in seinen Ansichten noch bestärkt und gab denselben in zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen Ausdruck, starb aber 14. Jan. 1885 in Guéret, ohne etwas erreicht zu haben. Sein dem Minister erstatteter "Rapport" erschien 1877 in 2. Auflage.

Rouen (spr. ruāng), Hauptstadt des franz. Departements Niederseine, ehemalige Hauptstadt der Normandie, in geographisch bevorzugter Lage am rechten Ufer der Seine, deren Thal hier zwar eng ist, mittels zweier Seitenthäler aber Raum zur Ausdehnung der Stadt bietet. Diese liegt unterhalb der Vereinigung der Seine mit allen größern Nebenflüssen, an einem Punkt, bis zu welchem die Flut das Vordringen von Seeschiffen, wie sie bis in die neueste Zeit üblich waren, gestattete, gleichzeitig aber durch die Windungen des Flusses von der Seeseite geschützt, so daß R. bis in die letzten Jahrhunderte, namentlich aber im Mittelalter, der Punkt war, durch welchen das ganze Seinebecken mit der überseeischen Außenwelt verkehrte. Die Seeleute von R. gehören zu den Entdeckern Frankreichs an entlegenen Küsten. Erst seitdem die Schiffe größer geworden, ist Havre in dieser Hinsicht an die Stelle von R. getreten, das sich durch Baggerungen nur ein für Schiffe von 5 in Tiefgang genügendes Fahrwasser zu erhalten vermocht hat und somit noch immer ein für kleinere Seeschiffe zugänglicher Hafen ist. Den Verlust hat es durch Industrie wie durch Schienenwege zu ersetzen gewußt, die es mit Paris und Havre, mit Fécamp, Dieppe, Tréport, Granville und Cherbourg sowie zahlreichen Binnenplätzen in mehr oder weniger direkte Verbindung setzen. R. hat 6 Vorstädte, von denen St.-Sever am linken Ufer der Seine liegt und mit der Stadt durch eine steinerne, über die Insel Lacroix führende Brücke (von 1829) mit sechs Bogen und eine Hängebrücke verbunden ist. Das frühere altertümliche und charakteristische Aussehen von R., seine alten Straßen und Häuser sind der modernen Umgestaltung der Stadt größtenteils zum Opfer gefallen. Es hat einen Gürtel von Boulevards, welche die Stelle der alten Festungswerke einnehmen, Kais in einer Ausdehnung von mehr als 2 km und 36 Plätze, darunter den Platz des Stadthauses mit einer bronzenen Reiterstatue Napoleons I., den alten Marktplatz, die Place de la Pucelle mit Denkmal der Jeanne d'Arc auf einem Brunnen u. a. Unter den Kirchen, deren Zahl seit der französischen Revolution von 37 auf 14 (dem Gottesdienst gewidmete) herabgesunken ist, sind die hervorragendsten die Kathedrale (Notre Dame) und die Kirche St.-Ouen, zwei gotische Bauwerke, erstere dem Stil des 13., letztere dem des 14. Jahrh. angehörend. Der Bau der Kathedrale ist nach ihrer 1200 erfolgten Zerstörung unter Johann ohne Land wieder aufgenommen worden; die 1509-30 errichtete Fassade hat zwar im Lauf der Zeit sehr gelitten, übt aber, wie auch die beiden Seitenportale, eine imponierende Wirkung aus und ist mit unzähligen fein ausgeführten, wenngleich halb zerstörten Skulpturen geschmückt. Die Kathedrale hat drei Türme, von denen der über dem Kreuz der Kirche emporsteigende Mittelturm (Tour de Pierre) mit in neuester Zeit aufgesetzter eiserner Pyramide, 150 m hoch, nur dem Kölner Dom an Höhe nachsteht. Das Innere der Kirche (Länge 136 m) enthält wertvolle Glasmalereien und 25 Kapellen, darunter die der heiligen Jungfrau mit schönen Grabdenkmälern, insbesondere dem prachtvollen, durch Diana von Poitiers ihrem Gemahl Ludwig von Brézé errichteten Denkmal und dem ebenso schönen Doppelmonument der beiden Kardinäle von Amboise (1518). Ein glänzendes Muster der spätern Gotik ist die Kirche St.-Ouen, welche im wesentlichen 1318-39 erbaut worden ist. Den reich ausgestatteten Turm (87 m hoch) über der Kreuzung fügte man gegen Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahrh. hinzu. Unter den andern Kirchen ist die der spätesten Epoche des gotischen Stils angehörende Kirche St.-Maclou (aus dem 15. Jahrh.) zu erwähnen. Das interessanteste der weltlichen Gebäude ist der Justizpalast (1493-99 erbaut), ein prächtiges, spätgotisches Bauwerk mit reichverzierter Fassade, mit dem großen, kühn gewölbten Saal der Anwalte (salle des procureurs) und einem schönen Saal für den Assisenhof. Bemerkenswert sind außerdem: das erzbischöfliche Palais (aus dem 15. Jahrh.); das Stadthaus, ein modernisierter Trakt der Abtei St.-Ouen, in welchem auch die Bibliothek und die reichhaltige Gemäldegalerie untergebracht sind; der gotische Uhrturm (von 1389), der sogen. Turm der Jeanne d'Arc, Rest des alten von Philipp August erbauten Schlosses; das Hôtel du Bourgtheroulde (aus dem 15. Jahrh.) mit schönem Hof und Reliefs, insbesondere Darstellung der Zusammenkunft Franz' I. mit Heinrich VIII.; drei Theater, das Zollamtsgebäude und viele andre moderne Bauwerke, die den Staats-, den Militär-, den städtischen Behörden und dem Handel dienen. Eine Statue Corneilles (von David d'Angers) steht auf der Brücke, eine von Boieldieu (von Dantan) auf dem Börsenkai. Ferner hat die Stadt 36 Fontänen, eine neue Wasserleitung und kalte eisenhaltige Mineralquellen sowie außer den Boulevards und mehreren Squares schöne Spaziergänge. Für den Lokalverkehr besteht ein Tramway.

Die Zahl der Einwohner von R. beläuft sich auf (1886) 100,043 (als Gemeinde 107,163). Ihre Hauptbeschäftigung ist Industrie und Handel; in ersterer Beziehung vor allem die Baumwollindustrie, für welche R. gegenwärtig in ganz Frankreich den ersten Rang behauptet. In der Stadt und Umgebung sind etwa 160 Spinnereien mit 1,400,000 Spindeln im Betrieb, welche vorwiegend Garne in gröbern Nummern (in neuerer Zeit meist aus ostindischer Baumwolle) erzeugen. Die Baumwollweberei, welche hauptsächlich auf dem Land betrieben wird, in R. aber ihren geschäftlichen Mittelpunkt hat, liefert Kalikos für den Druck und andre grobe Sorten, bedruckte Waren zu billigen Preisen, Phantasieartikel und Nouveautees, Möbel- u. Tapetenstoffe, gedruckte Tücher und Krawatten, namentlich auch in Türkischrot, sogen. Rouenneries, d. h. Stoffe, deren Gewebe ganz oder teilweise aus gefärbten Garnen besteht, insbesondere Sacktücher, karierte Stoffe, Damenkleiderstoffe, endlich Pikee für Westen. Die Schafwollspinnerei hat sich in den benachbarten Industriestädten Elbeuf und Louviers konzentriert; dagegen ist in R. der Schafwollhandel zur Versorgung der Industrie der Normandie, von Reims und Sedan mit Kolonial- und russischer Wolle, dann die Fabrikation von bunten Schafwollwebwaren und von gemischten Geweben vorwiegend vertreten. Sehr herabgegangen ist die Flachsspinnerei und -Weberei. Andre Industriezweige von R. sind: die Fabrikation von chemischen Produkten, Seifen, Kerzen, Stärke, Leim, Papier, Leder, Zucker, Tabak, Zündhölzchen, Konfitüren, die Färberei und Appretur, die Konstruktion von Maschinen, industriellen Werkzeugen, Lokomotiven und verschiedenen Eisenwaren sowie der Schiffbau.