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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Rückenmarksnerven; Rückenmarksschwindsucht; Rückenmarksseele; Rückensaite

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Rückenmarksnerven - Rückensaite.

ist, kann nur von einer symptomatischen Behandlung, Linderung der Schmerzen etc. die Rede sein. Vgl. E. Leyden, Klinik der Rückenmarkskrankheiten (Berl. 1874-75, 2 Bde.); Erb, Krankheiten des Rückenmarks (2. Aufl., Leipz. 1882).

Rückenmarksnerven, paarige Nerven, welche symmetrisch an den Zwischenwirbellöchern nach außen treten. Jeder Rückenmarksnerv entspringt mit zwei Wurzeln, einer vordern und einer hintern. Letztere enthält das Spinalganglion; hinter diesem verschmelzen beide Wurzeln zu einem Nervenstrang, der an den verschiedenen Körperstellen verschieden stark entwickelt ist. Die vordern Wurzeln der R. führen motorische, die hintern sensible Nervenfasern (Bellsches Gesetz). Nach der Vereinigung der vordern und hintern Wurzeln sind die R. gemischte Nerven. Ihre motorischen Fasern versorgen die willkürlichen Muskeln des Rumpfes und der Gliedmaßen; doch auch glatte Muskeln werden von ihnen innerviert, so treten z. B. Fasern an den Darm sowie an die Harn- und Geschlechtswerkzeuge. Ferner begeben sich motorische Fasern der R. an den größten Teil der Arterien des Körpers. Auch sekretorische Fasern (z. B. solche für die Schweißabsonderung) sind in den R. enthalten. Die sensibeln Fasern der R. vermitteln die Sensibilität der ganzen Körperoberfläche mit Ausnahme einzelner Abschnitte am Kopf. S. Tafel "Nerven" I, Fig. 3; II, Fig. 5.

Rückenmarksschwindsucht (Rückenmarksdarre, Tabes dorsualis), die am häufigsten vorkommende Krankheit des Rückenmarks, beruht anatomisch auf einem Schwunde der Burdachschen oder Gollschen Rückenmarksstränge und der hintern Nervenwurzeln mit Umwandlung dieser Teile in eine erst weiche, graugelbe, dann feste, narbige Masse. Die Entartung schreitet von unten nach oben fort und kann auch auf die Seiten- und Vorderstränge übergehen. Die R. kommt häufiger beim männlichen Geschlecht als beim weiblichen vor. Am ausgebildetsten zeigt sich die Krankheit bei jüngern Männern. Geschlechtliche Erschöpfungen und Syphilis sind in vielen Fällen unleugbare Ursachen der R., doch gewiß nicht die einzigen. Vielmehr scheinen Erkältungen, namentlich bei stark schwitzenden Füßen, oft die Ursache der Krankheit zu sein. Nicht selten folgt der Schwund des Rückenmarks auf eine stellenweise Verödung des Gehirns (Erweichung) insofern, als diejenigen Nervenbahnen, welche zu jenem Gehirnherd als Leitungsdrähte gehören, außer Thätigkeit gesetzt und nun ebenfalls dem Untergang geweiht sind. Die Untersuchungen über diese höchst komplizierten Verhältnisse sind noch weit von einem Abschluß entfernt. Das erste Zeichen der R. ist eine eigentümliche Muskelunruhe, wegen deren der Kranke keine Stellung längere Zeit festhalten kann. Die Muskeln ermüden leicht, aber wenn einmal die erste Ermüdung überwunden ist, so erscheint eine stärkere Anstrengung, z. B. ein weiterer Marsch, ganz wohl möglich und ist für den Kranken selbst wohlthuend. Ab und zu werden die Muskeln von einer gewissen Steifheit befallen; es stellt sich häufig das Gefühl von Eingeschlafensein eines Gliedes, besonders der Beine, ein. Dazu gesellt sich ein Gefühl von Taubsein oder Schmerz in der Lendengegend, welches weiter nach oben fortschreitet, sowie ziehende und stechende Schmerzen in den untern Extremitäten. Bei männlichen Kranken ist der Geschlechtstrieb zu Anfang der Krankheit oft erhöht; später stellen sich ermattende Pollutionen und Impotenz ein. Objektiv wahrnehmbar wird die Krankheit zuerst durch die eigentümliche Unsicherheit der Beine, welche übrigens in dieser Zeit an grober Kraft noch nichts verloren haben. Sehr wertvoll ist das von Westphal beobachtete Kniephänomen, welches darin besteht, daß in sitzender Haltung des Kranken bei herabhängenden Beinen ein kurzer Schlag unterhalb der Kniescheibe nicht, wie bei gesunden Personen, eine schnellende Bewegung des Unterschenkels auslöst. Bald verlieren dann die Gelenke ihren festen Halt, beim Gehen werden die Füße vorgeschleudert, und die Kniee schnappen dabei nicht selten nach rückwärts. Das Stehen mit geschlossenen Füßen wird unmöglich. Der Kranke muß die Beine spreizen. Im Liegen führt dagegen der Kranke jetzt noch alle Bewegungen ohne jede Störung aus. Mit zunehmender Krankheit wird ein rasches und fortgesetztes Gehen unmöglich. Es stellt sich nun ferner eine Abstumpfung des Gefühls in den Beinen ein, und mit diesem Verlust der Empfindlichkeit verbindet sich das Gefühl des Pelzigseins, des Ameisenlaufens, der Wärme und Kälte, manchmal selbst wirklicher Schmerz in den Beinen. Die Entleerung der Harnblase wird schwieriger, der Mastdarm wird unempfindlich gegen die in demselben angehäuften Kotmassen, die Stuhlentleerung ist sehr erschwert. Die Fortschritte in der Krankheit treten nun teils in der Weise ein, daß die Schwäche der schon befallenen Teile wächst und mehr und mehr der vollkommenen Lähmung sich nähert, teils in der Art, daß Schwäche und Lähmung sich auf weitere, bisher gesunde Teile ausbreiten. Vielfach kommt Behinderung der Augenbewegungen, Schielen, Doppeltsehen, endlich Schwachsichtigkeit dazu. Jetzt geht auch die Ernährung des Körpers und das Allgemeinbefinden sehr zurück, der Kranke liegt sich am Kreuzbein, den Schenkelknorren etc. auf, auch andre Organe (besonders Lunge, Harnblase und Gelenke, Arthropathia tabidorum) erkranken. Meist entwickelt sich die R. unaufhaltsam. Weibliche Kranke scheinen einige Aussicht auf Heilung zu haben, während Männer nach 2-3, oft auch erst nach 10 und mehr Jahren stets an der R. zu Grunde gehen. Vorübergehende Besserungen, unter Umständen sogar ein zeitweiser Stillstand der Erkrankung wird erreicht durch Badekuren in Gastein, Rehme, Wildbad und ebenso durch die örtliche Anwendung der Elektrizität. Von dem Gebrauch innerer, medikamentöser Mittel ist wenig zu erwarten. Doch sind die zuweilen äußerst heftigen Schmerzen und die Schlaflosigkeit mit narkotischen Mitteln zu bekämpfen. Im Anfangsstadium haben Westphal und Langenbuch von der Dehnung beider Hüftnerven gute Erfolge gesehen. Vgl. Leyden, Tabes dorsalis (Berl. 1882).

Rückenmarksseele, s. Rückenmark.

Rückensaite (Chorda dorsualis), bei den Wirbeltieren ein den Rumpf der Länge nach durchziehender Stab von gallertig-knorpeliger Beschaffenheit, welcher unmittelbar unterhalb des Rückenmarks und oberhalb der Hauptadern gelegen ist. Während der frühen Stadien des Embryonallebens ist sie bei allen Wirbeltieren vorhanden, geht jedoch später meist ein und erhält sich als Stütze des Rumpfes nur bei den Leptokardiern, Cyklostomen und einigen Fischen (Chimären, Lurchfische) in ihrer ganzen Ausdehnung, bei manchen höhern Wirbeltieren noch in Spuren eines gallertigen Gewebes im Innern der Wirbel oder zwischen denselben. Letztere nämlich bilden sich aus der rings um die R. gelegenen Schicht (Chordascheide) hervor, umschließen die R. und schnüren sie bei weiterm Wachstum mehr und mehr ein. Die R. gehört ihrem Ursprung nach dem innern Keimblatt (Entoblast) an, steht also in naher Beziehung zum Darm. S. auch Embryo, S. 595.