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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Russische Litteratur

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Russische Litteratur (Nationallitteratur im 19. Jahrhundert).

bitterm Groll sich und andre peinigt, geht gleichsam an sich selbst zu Grunde; keine passende Anwendung für sie findend, ist er zu klug, um mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, und auch zu jugendlich und lebensvoll, um sich der philosophischen Beschaulichkeit hinzugeben. Etwas später (1843) erschien Herzens Roman "Wer ist schuld?", in welchem der Held Beltow, der vergebens nach einer größern sozialpolitischen Thätigkeit strebt, Rußland verläßt und sich den Leidenschaften und, trotz seiner demokratischen Gesinnungen, dem vornehmen Müßiggang ergibt. Um dieselbe Zeit tritt der größte der russischen Humoristen, Nikolai Gogol (1809-52), mit seinen Erzählungen und Theaterstücken auf. Die vier eben erwähnten Dichter berühren in ihren Schilderungen mehr die gebildeten oder höhern Kreise; Gogol aber führt den Leser in alle Schichten der Gesellschaft, und voll Schmerz über ihren jammererweckenden moralischen Zustand trifft er sie mit der Geißel seines Spottes. Seinem unvergleichlichen Humor läßt er die Zügel schießen, und mit Thränen betrachtet er seine Typen, an denen er immer noch das rein Menschliche herauszufinden weiß, um den denkenden Leser nicht verzweifeln zu lassen. Dies gilt namentlich von dem größten Werk Gogols, dem unvollendet gebliebenen Roman "Die toten Seelen", in welchem der Held Tschitschikow das innere Großrußland durchreist und dabei mit den verschiedensten Charaktertypen zusammentrifft. In seinen Novellen zeichnet Gogol öfters das Volksleben Kleinrußlands mit einem anmutigen Humor. Seine Komödien, namentlich "Der Revisor", worin er das russische Beamtenwesen geißelt, sind unübertroffen geblieben. Gogols Schreibart ist ganz realistisch, der kleinste Zug ist aus dem Leben gegriffen, und ihm folgen darin alle spätern Romanschriftsteller. Er gilt für das Haupt der "Enthüllungslitteratur" (Oblitschítelnaja Litteratúra, d. h. der Litteratur, welche die Mängel der Gesellschaft aufdeckt), obwohl bei ihm ein ideales Streben nicht abzuleugnen ist. Wir erwähnen nur kurz die weniger bedeutenden Dichter und Erzähler: Benediktow, Gräfin Rastoptschin, Fürst Wjasemskij, Graf Sollogub (vortreffliche Erzählungen, z. B. "Geschichte zweier Galoschen", "Tarantas"), Alex. W. Druschinin (geb. 1824, "Polinjka Sachs") und die Vertreter des historischen Romans, Sagoskin ("Jurij Miloslawski"), Laschetschnikow ("Der Basurman", "Der Eispalast") und Masaljskij ("Die Strelitzen", "Die Regentschaft Birons").

Zu Ende der 40er Jahre, mit den revolutionären Bewegungen in Westeuropa, wurde die Reaktion noch stärker, und die Zensur schlug die Litteratur vollends in Banden. Da kam der Krimkrieg, und das Unglück öffnete endlich die Augen. Herzen gab im Ausland seine Zeitschrift "Kólokol" ("Die Glocke") heraus, die Gesellschaft aus dem Schlaf läutend. Das alte System brach zusammen, und mit der neuen Regierung kam die Befreiung der Leibeignen und die Justizreform. Das lange hart geknebelte Rußland atmete tief auf; alle Fragen des sozialen und politischen Lebens wurden berührt. Man lebte wie im Fieber, und wie in den Zeiten einer Revolution machte man schnell alle Phasen der Entwickelung durch. Voran ging die Litteratur, die Tendenzen und Bestrebungen formulierend, ihnen den Namen gebend und Typen zeichnend, welche dann im Leben vorkommenden Charakteren Abrundung und ganzen Parteien ihre Benennung verliehen. Vor allen sind es Turgenjew und Gontscharow, an deren Romanen, in chronologischer Reihenfolge gelesen, man die Geschichte der innern Entwickelung der Gesellschaft studieren kann. Iwan Turgenjew (1818-83) begründete seinen Ruhm mit dem "Tagebuch eines Jägers" (1847), in welchem er unter dem Vorwand der Jagd verschiedene Gutsbesitzer besucht und in kleinen trefflichen Erzählungen Land und Leute schildert. Dann folgte der Roman "Rudin" (1855), worin er einen talentvollen, strebsamen Mann vorführt, der aber für seine Thätigkeit keinen Boden findet, an Energielosigkeit leidet und schließlich für eine fremde Sache in Frankreich als Barrikadenkämpfer seinen Tod findet. Wenige Jahre später erscheint das "Adlige Nest". Der Held desselben, Lawretzki, ist eine gebrochene edle Natur, welche, ihrer Schwachheit sich wohl bewußt, Kraft und Gelingen von den Bestrebungen der aufwachsenden Jugend erwartet. Im folgenden Roman: "Am Vorabend", stehen wir wirklich am Vorabend der Zeit, wo die thatkräftigen Männer erscheinen sollen. Mit Spannung erwartete man das nun folgende Werk "Väter und Söhne" (1861). Der schnelle Entwickelungsprozeß, der sich in der Gesellschaft vollzog, hatte eiligst die alten Ideale eins nach dem andern zur Seite geräumt; die Formen und Begriffe wurden scharfer Kritik unterworfen und für unhaltbar, zugleich jede Autorität, die auf dem Hergebrachten beruht, für Vorurteil erklärt und schließlich das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Basarow, der Held des letztgenannten Romans, erklärt sich selbst für einen "Nihilisten". Dieser Name kommt hier zuerst auf und ward zum Wahlspruch der Jugend, welche, Basarow nachahmend, ihn an der Hand des Kritikers und Publizisten Pissarew an Schroffheit noch überflügelt und nicht einmal seine Kenntnisse besaß. In voller Verzweiflung schrieb Turgenjew 1867 seinen Roman "Rauch", worin er Väter und Söhne, alle Parteien und Schichten der gebildeten Gesellschaft für bankrott erklärt, in allen Tendenzen nur Nebel und Rauch sehend. Litwinow, den Hauptcharakter in diesem Roman, läßt Turgenjew zum Entschluß kommen, sich von allen Fragen des Tags zurückzuziehen und der stillen Privatthätigkeit zu leben. Erst 1876, nachdem Turgenjew wieder Gelegenheit gehabt, in Rußland selbst Beobachtungen anzustellen, schrieb er seinen letzten Roman: "Neuland", worin der Dichter ein farbenreiches Gemälde der Ideen und der Agitation der russischen Sozialisten vor uns aufrollt, zugleich aber auch ein düsteres Bild der innern Zustände Rußlands entwirft. Der Sozialismus, den uns Turgenjew schildert, ist noch nicht der jetzige Nihilismus, aber er birgt alle Keime desselben in sich. Aus diesem Sozialismus spricht weiter nichts als die Misere der Halbbildung, und darin liegt zugleich seine Impotenz, wie das Turgenjew an den mit künstlerischer Meisterschaft ausgeführten, nach dem Leben gezeichneten Hauptfiguren des Romans erwiesen hat.

Gleichen Schritts, dieselben Fragen berührend, geht mit Turgenjew der nicht weniger verdiente und talentvolle Iwan Gontscharow (geb. 1813; "Eine alltägliche Geschichte", "Oblomow", "Obryw" etc.), neben dem noch Alexei Pissemskij (gest. 1881) genannt sei, der mit groben, aber lebensvollen Zügen das Alltagsleben in photographischer Treue darstellt ("Tausend Seelen"). Als Kritiker und Publizisten sind als Belinskijs Nachfolger zu nennen: Dobroljubow (gest. 1861), A. Grigorjew (gest. 1864), der schon genannte Pissarew (gest. 1868) und der in der Verbannung in Sibirien lebende Nikolai Tschernyschewskij (geb. 1828), dessen einflußreiche publizistische Thätigkeit durch einen Tendenzroman: "Was thun?" (1863), einen Abschluß fand. Stark nihili-^[folgende Seite]