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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Russisches Reich

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Russisches Reich (Geschichte 1831-1854).

haber Diebitsch, wegraffte, und erst im September 1831 von Paskewitsch durch die Einnahme von Warschau beendet. Polen verlor darauf seine Selbständigkeit, wurde durch ein organisches Statut (Februar 1832) als ein untrennbarer Teil mit dem russischen Reich vereinigt und die polnische Armee der russischen einverleibt. Da außer den nach Sibirien verbannten Polen eine große Zahl, namentlich aus den höhern Ständen, ausgewandert war, so war die Ruhe in Polen für längere Zeit hergestellt. Nach diesen glänzenden Erfolgen betrachtete sich Kaiser Nikolaus als den Schützer der bestehenden Ordnung in Europa und schritt als solcher 1833 zu gunsten der Türkei ein, als dieselbe von Mehemed Ali von Ägypten bedroht wurde: eine russische Flotte warf im Bosporus Anker, 5000 Russen stellten sich bei Skutari auf, um Konstantinopel gegen die Ägypter zu decken, und ein zahlreiches Landheer eilte den Türken über den Pruth zu Hilfe. Der Friede von Kutahia zwischen dem Sultan und Mehemed Ali machte dieser Aktion ein Ende; zum Dank für dieselbe erhielt Rußland in einem geheimen Artikel des Vertrags von Hunkjar Skelessi (8. Juli 1833) das Zugeständnis, daß die Dardanellen für die Kriegsschiffe der übrigen Mächte geschlossen bleiben, für die russischen offen sein sollten. Noch entschiedener trat Nikolaus als Gebieter von Europa und Hort der Legitimität nach der Februarrevolution auf; er war willens, 1848 in Preußen gegen die Revolution einzuschreiten, was aber abgelehnt wurde, schickte 1849 eine russische Armee unter Paskewitsch nach Ungarn, um den Österreichern bei der Unterdrückung der dortigen Insurrektion zu helfen, und hatte die Genugthuung, daß die ungarische Hauptarmee unter Görgei vor seinen Truppen bei Világos 13. Aug. die Waffen streckte. Er spielte darauf in der deutschen Frage den Schiedsrichter zwischen Österreich und Preußen und zwang letzteres, seine Unionspläne aufzugeben (Olmützer Punktationen, 29. Nov. 1850).

Im Innern änderte Nikolaus an den bestehenden Staatseinrichtungen wenig. Es wurden Ministerien des kaiserlichen Hauses (1826) und der Reichsdomänen (1837) errichtet, alle Ukase seit der "Uloshenie" des Zaren Alexei Michailowitsch (1649) unter der Leitung Speranskijs gesammelt, gesichtet und die noch in Kraft befindlichen als neue Gesetzsammlung herausgegeben. Für das Heer wurde durch Gründung einer großen Anzahl von Militärschulen und Kadettenkorps gesorgt. Prächtige Schlösser, Bau- und Kunstwerke wurden in Petersburg, Moskau und an andern Orten errichtet, der russische Hof war der glanzvollste in Europa. Aber nur soweit der Zar Interesse und Verständnis hatte und sein Auge reichte, waren die Dinge in äußerer Ordnung. Das Beamtentum, unterwürfig nach oben, war willkürlich und gewaltthätig nach unten, vor allem aber unredlich und bestechlich. Trotz der langen Friedenszeit, und obwohl die Branntweinsteuer immer höhere Erträge abwarf, wurden die Finanzen nicht in guten Stand gebracht, so daß andre drückende Steuern, wie die Kopfsteuer, nicht abgeschafft werden konnten. An der Leibeigenschaft wurde nichts geändert und für die Entwickelung von Gewerbe und Handel wenig gethan. Der Verkehr mit dem Ausland wurde, um das Eindringen der revolutionären Ideen des Westens zu verhindern, möglichst beschränkt; Reisen ins Ausland wurden gar nicht oder nur gegen eine hohe Paßsteuer gestattet, und alle eingeführten Bücher und Journale wurden ebenso wie die in Rußland selbst erscheinenden von einer scharfen Zensur überwacht, die vernichtete und verbot, was ihr beliebte. Die Universitäten (Warschau und Wilna wurden aufgehoben und an ihrer Stelle Kiew errichtet) waren einer strengen Beaufsichtigung unterworfen, und mehrere Jahre lang wurde die Zahl der Studierenden auf ein bestimmtes Maß beschränkt. In kirchlicher Beziehung geschah nichts für die Hebung des verwahrlosten niedern Klerus. Auch auf diesem Gebiet war man vor allem auf äußere Machterweiterung bedacht. Auf der Synode zu Polozk (1839) wurde die Vereinigung der seit 1596 mit der römisch-katholischen Kirche unierten Griechen in den polnischen Provinzen mit der russischen Staatskirche beschlossen und trotz aller Proteste des Papstes ihre Durchführung mit Güte und Gewalt begonnen. In den baltischen Provinzen wurden zahlreiche esthnische und lettische Bauern durch falsche Vorspiegelungen zum Übertritt zur griechischen Kirche verleitet und die Rückkehr zum lutherischen Glauben bei den strengsten Strafen verboten. Nikolaus betrachtete sich aber nicht nur als Oberhaupt der russischen Staatskirche, sondern auch als Protektor der gesamten griechischen Kirche des Orients, und dies gab den Anlaß zum Ausbruch des fünften russisch-türkischen Kriegs (1853-56), des sogen. Krimkriegs (s. d.).

Der Kaiser glaubte nämlich die Zeit gekommen, der Türkei, "dem kranken Mann", wie er sie nannte, ein Ende zu machen und Konstantinopel mit dem russischen Reich zu vereinigen, da er nach den 1849-50 errungenen Erfolgen von Europa keinen Einspruch erwartete und über die Macht seines Reichs verblendet war. Als daher Kaiser Napoleon III. von der Pforte einen Ferman zu gunsten der lateinischen Pilger in Jerusalem, die von den zahlreichern griechischen oft in rohester Weise mißhandelt wurden, erwirkte und es durchsetzte, daß die Schlüssel zur Kirche in Bethlehem dem griechischen Patriarchen abgenommen und dem lateinischen übergeben wurden, erhob Rußland im Februar 1853 durch den Fürsten Menschikow hierüber bei der Pforte Beschwerde, aber in einer solchen schroffen Form, daß die Ablehnung derselben sicher war. Sofort erfolgte die Kriegserklärung, wurde die türkische Flotte im Hafen von Sinope überfallen und rückten russische Truppen in die Donaufürstentümer und in Armenien ein. Aber der mit völliger Siegeszuversicht begonnene Krieg brachte eine Enttäuschung nach der andern. Die türkischen Truppen verteidigten die Donaulinie mit großer Zähigkeit, England und Frankreich schlossen im März 1854 mit der Türkei ein Schutz- und Trutzbündnis, dem am 28. März die Kriegserklärung an Rußland folgte; Österreich zwang die russische Armee, die Donaufürstentümer zu räumen, und Preußen blieb neutral. Die verbündeten Mächte griffen 1854 Rußland selbst an, sowohl in der Ostsee als am Schwarzen Meer; hier landete ein englisch-französisches Heer auf der Krim, schlug die Russen an der Alma und begann die Belagerung Sebastopols. Allerdings hatte der Krimkrieg scheinbar kein großes Resultat, indem die Verbündeten mit Aufgebot aller Kräfte nur das in einen Trümmerhaufen verwandelte südliche Sebastopol eroberten, vernichtete aber dennoch die russische Suprematie, die so lange auf Europa gelastet hatte. Es zeigte sich in dem Krieg, daß Rußland außer einigen wenigen Kreisen keinen Freund in Europa besaß, da es in seinem brutalen Übermut die Interessen und Gefühle der gebildeten Welt verletzt hatte, und daß die Heeresmacht, deren Besitz den Zaren so stolz und hochmütig gemacht, und die so viel Geld verschlungen hatte, eine stumpfe, unbrauchbare Waffe war. Trotz der großen Tapferkeit der Offiziere und Mannschaften, trotz der Genialität eines Totleben war die rus-^[folgende Seite]