Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schelle; Schellenbaum; Schellenberg; Schellentracht; Scheller; Schellfisch

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Schelle - Schellfisch.

In der Hutfabrikation bildet er ein Surrogat des Leims. Die Auflösung in Borax (Wasserfirnis) wird als unzerstörbare Tinte benutzt.

Schelle (Tintinnabulum), Glocke von hart geschlagenem Messing- oder Silberblech oder aus Glockenmetall gegossen und dann oft kugelförmig (Zimbel). Man gebraucht diese Schellen, welche früher auch als Schmuck an Panzern, Wehrgehängen und als Kleiderzierat (s. Schellentracht) dienten, jetzt nur noch zu den Schlittengeläuten.

Schellenbaum, s. Cerbera.

Schellenbaum, s. Halbmond, S. 12.

Schellenberg, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwickau, Amtshauptmannschaft Flöha, hat ein Amtsgericht, eine Armen- und Arbeitsanstalt, Weberei, Maschinenstickerei und (1885) 1942 evang. Einwohner. Dazu gehört Schloß Augustusburg auf dem 498 m hohen Berg S., 1568-72 vom Kurfürsten August I. erbaut, mit 180 m tiefem Brunnen.

Schellentracht, eine bei Männern und Frauen übliche Stutzertracht, welche im zweiten Viertel des 14. Jahrh. aufkam und sich trotz aller Luxusgesetze bis über die Mitte des 15. Jahrh. erhielt. Ursprünglich wurde nur der Gürtel mit runden, ei- oder birnenförmigen Schellen besetzt. Im 15. Jahrh. trug man einen besondern Schellengürtel wie ein Bandelier quer über Brust und Rücken (s. Abbild.), und man heftete auch am Halsausschnitt des Gewandes und an den Rändern der Ärmel einzelne Glöckchen an. Später sah man sie nur noch an den Kleidern der Hofnarren, besonders an der Narrenkappe.

^[Abb.: Schellentracht.]

Scheller, Immanuel Johann Gerhard, berühmter Lexikograph, geb. 22. März 1735 zu Ihlow in der Provinz Brandenburg, studierte 1757-60 zu Leipzig, ward 1761 Rektor zu Lübben in der Niederlausitz und 1772 des Gymnasiums zu Brieg in Schlesien, wo er 5. Juli 1803 starb. Seine Lexika sind: "Ausführliches lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Wörterbuch" (Leipz. 1783-84, 3 Bde.; 3. Aufl. 1804-1805, 7 Bde.); "Lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Handlexikon" (das. 1792, 2 Bde.), durch Lünemann und Georges vielfach neu aufgelegt; "Kleines lateinisches Wörterbuch in etymologischer Ordnung" (das. 1780; 7. Aufl. von Georges, 1840). Außerdem veröffentlichte er noch: "Ausführliche lateinische Sprachlehre" (Leipz. 1779, 4. Aufl. 1803); "Kurzgefaßte lateinische Sprachlehre" (das. 1780, 4. Aufl. 1814); "Praecepta stili bene latini" (das. 1779-80, 2 Bde.; 3. Aufl. 1797) u. a.

Schellfisch (Gadus Gthr.), Gattung aus der Ordnung der Weichflosser und der Familie der Schellfische (Gadoidei), Fische mit mehr oder weniger verlängertem, mit kleinen, weichen, zahnrandigen Schuppen bedecktem Körper, drei Rücken- und zwei Afterflossen, selbständiger Schwanzflosse, schmaler Bauchflosse und einem Bartfaden an der Spitze der Unterkinnlade. Der Kabeljau (Gadus Morrhua L., s. Tafel "Fische I", Fig. 12), bis 1,6 m lang, bis 50 kg schwer, oberseits grau mit gelblichen Flecken, längs der Seitenlinie weiß gestreift, unterseits gelblichweiß, bewohnt das Atlantische Meer vom 40.° an und das Eismeer bis zu 75° nördl. Br., in einer kleinern Varietät als Dorsch (Bergenfisch, G. Calliaras L. ^[richtig: Gadus Callarias L.]) auch die Ostsee, hält sich hauptsächlich in den Tiefen dieser Meere auf, geht aber zur Fortpflanzung in ungeheuern Scharen (Bergen), welche mehrere Meter hoch übereinander schwimmen und einen Raum von einer Seemeile und mehr einnehmen, auf verhältnismäßig flach liegende Bänke, wie die von Neufundland und Rockall, und laicht an der östlichen Seite des Ozeans wegen des Golfstroms schon im Februar, an der westlichen im Mai und Juni in einer Tiefe von 25-40 oder 50 Faden. Das Weibchen enthält 4 (9) Mill. Eier; die Jungen erreichen in sechs Monaten eine Länge von 20 cm und sind im dritten Jahr fortpflanzungsfähig. Er ist ungemein gefräßig, nährt sich von Fischen, Krebsen, Muscheln und wird leicht mit der Grundschnur und Handangel, nur an der norwegischen Küste in Netzen gefangen. Als Köder dienen nebenbei gefangene Kapelans, Tintenschnecken, Heringe oder die Eingeweide des Kabeljaus. Die gefangenen Tiere werden enthauptet, ausgeweidet und der Länge nach in zwei Hälften zerschnitten, die man auf Gerüsten an der Luft trocknet (Stockfisch); ein andrer Teil der Fische wird gesalzen und dann auf den Klippen getrocknet (Klippfisch) oder eingesalzen in Fässer verpackt (Laberdan). Die Lebern werden auf Leberthran verarbeitet, die Köpfe dienen als Viehfutter, aus den übrigen Abfällen bereitet man Fischguano. Seine hauptsächliche Bedeutung hat der S. als Fastenspeise in katholischen Ländern. Etwa 4000 Schiffe mit einigen 20,000 Schiffern sind allein in der dreimonatlichen Fangzeit an den Lofoten und im Westfjord versammelt und bereiten dort die oben genannte Ware, während von den englischen Fischereigründen der Fisch meist frisch ins Land verschickt wird. Seit 15-20 Jahren gelangt der Dorsch in größern Quantitäten auch in die größern Binnenstädte Deutschlands. Viele der früher ergiebigsten Gründe, wie die Doggerbank, die Süd- und Westküste Islands etc., sind mehr oder weniger erschöpft oder andrer Verhältnisse halber unergiebig geworden; die großartigste Fischerei wird aber schon seit fast 300 Jahren an den Küsten von Neufundland, Neuschottland und Neuengland betrieben. Die Zahl der jährlich gefangenen Kabeljaus wird auf 400-600 Mill. Stück geschätzt. In Schottland hat man Kabeljaus längere Zeit in Salzwasserteichen gehalten, mit allerlei Muscheln gefüttert und gute Resultate erzielt. Auch in verhältnismäßig sehr kleinen Behältern ist der Kabeljau lange zu erhalten. Der S. (G. Aeglefinus L.), 45-60 cm lang und bis 8 kg schwer, gestreckter gebaut, am Rücken bräunlich, an den Seiten silbergrau, mit schwarzer Seitenlinie, lebt überall in Scharen in der Nordsee, findet sich seltener und nur bis Kiel hinab in der Ostsee, scheint beständig auf der Wanderung begriffen zu sein, weilt z. B. in der Nähe der friesischen Küste vom März bis Mai und Juli und dann vom Oktober bis Januar und kommt im Februar und März hart an die Küste, um zu laichen. Man fängt ihn viel mit Grundleine und Handangel, weniger mit Netzen und bringt ihn frisch auf die Märkte Englands, Nordwestfrankreichs, Deutschlands, Hollands und Norwegens; sein Fleisch, welches man auch einsalzt, ist sehr geschätzt. Der Wittling (Merlan, G. Merlangus L.), 30-40 cm lang, ohne Bartfaden, hell braungrau, an den Seiten und am Bauch weiß, mit dunkeln Flecken an der Wurzel der Brustflossen, findet sich in den westeuropäischen