Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Silurische Formation

978

Silurische Formation.

Silurische Formation (hierzu Tafel "Silurische Formation"), älteste Schichtenfolge der Petrefakten führenden Gesteine, die Zurechnung der unter dem Namen der kambrischen Formation (s. d.) auch wohl als selbständig ausgeschiedenen untersten Abteilung vorausgesetzt. Überlagert wird das Silur durch die jüngere devonische Formation (s. d.). Die Gesteine der Silurformation sind: Sandsteine, Konglomerate, Grauwacken, Thonschiefer (Alaunschiefer), welche, wie die sie begleitenden Kalke, Dolomite und Mergel, samt den gelegentlich auftretenden Kieselschiefern, auch in ihrer petrographischen Beschaffenheit den sedimentären Charakter deutlich an sich tragen. Eng verknüpft mit ihnen treten aber in einigen Gegenden (Schottland, Norwegen) auch Gesteine auf (und zwar zum Teil selbst versteinerungsführend), welche sich petrographisch von den Gneisen, Glimmer- und Hornblendeschiefern der azoischen Formationen in nichts unterscheiden und doch ihren Lagerungsverhältnissen nach der silurischen Formation zugezählt werden müssen: ein noch zu lösendes Problem der Petrogenese. Als untergeordnete Gesteine der Silurformation finden sich Anthracite und, teils erbohrt, teils durch das Auftreten von starken Solen wahrscheinlich gemacht, Steinsalzlager.

Die Verbreitung der Silurformation ist zunächst in Großbritannien eine bedeutende. Der Teil von Wales, den die alten Silurer bewohnten, hat ihr den Namen gegeben; außerdem tritt sie in Cornwall, Irland und Schottland auf. Auf dem europäischen Kontinent ist sie in Portugal, Spanien und Frankreich (Bretagne) entwickelt. Deutschland besitzt im Harz, im Frankenwald, im Fichtelgebirge und in den Sudeten silurische Gesteine an der Oberfläche anstehend. In den Alpen zieht sich ein schmaler Zug silurischer Schichten westöstlich, bei Schwaz in Tirol beginnend, bis in die Gegend von Wiener-Neustadt und findet, durch Tertiärbildungen oberflächlich unterbrochen, seine Fortsetzung nördlich von Preßburg, während im Murthal bei Murau und Graz isolierte Partien den azoischen Gesteinen aufgelagert sind. Ein reichgegliedertes Silurbecken besitzt Böhmen zwischen Pilsen und Prag und über beide Orte nach SW. und NO. noch hinweggreifend. Über sehr bedeutende Horizontalstrecken verbreitet treten silurische Gesteine in Rußland auf, südlich vom Finnischen Meerbusen, im W. bis auf die Inseln Dagö und Ösel sich erstreckend im Anschluß an die schwedischen Vorkommnisse auf Gotland und Öland, im O. bis zu den Ufern des Ladogasees. Die Gesteine dieser russischen Ablagerung zeigen einen bei so alten Materialien auffallenden Zustand der Unreife: anstatt der Sandsteine sind Sande, an der Stelle der Thonschiefer plastische Thone entwickelt, welche man nach ihrer petrographischen Beschaffenheit für viel jünger halten würde, wenn nicht die organischen Reste ganz zweifellos auf ein silurisches Alter hinwiesen. Außerdem tritt in Rußland die Silurformation als ein schmaler Streifen auf, der die azoischen Gesteine des Urals nach O. und W. garniert. Skandinavien besitzt silurische Territorien bei Christiania und am Mjösensee in Norwegen sowie im südlichen Schweden. Ganz besonders mächtig aber und weitverbreitet sind die Silurschichten jenseit des Ozeans, in Nordamerika.

Die nähere Gliederung der Silurformation trägt insofern einen lokalen Charakter an sich, als die in dem einen Land aufgestellte Schichtenfolge sich niemals weit verfolgen oder Schicht für Schicht mit der Entwickelung in einem andern Land parallelisieren läßt. Dagegen gelingt wenigstens ganz allgemein die Durchführung einer Teilung in eine obere und eine untere Abteilung des Silurs im engern Sinn des Wortes und der kambrischen (s. d.), oft als selbständig unterschiedenen Formation im Liegenden dieser beiden Abteilungen. Die Trilobitengeschlechter Paradoxides, Trinucleus und Ellipsocephalus gehören neben Lingula prima ausschließlich dem Kambrium und dem Untersilur an, wo auch die Frequenz der Graptolithen kulminiert, während Calymene Blumenbachii, Pentamerus Knightii, Hypanthocrinus decorus und Cardiola interrupta für obersilurische Schichten charakteristisch sind. Der kambrischen Formation gehören unter anderm in Thüringen die Phykodenschichten und die Saalfelder Griffelschiefer, der Fukoidensandstein Schwedens, die Obolusschichten in Rußland, die Longmyndgruppe, die Lingula Flags und die Tremadocschiefer in England an, während die amerikanischen Geologen in dieser Abteilung takonische und akadische Schichten sowie den Potsdamsandstein unterscheiden. Böhmens Silur gliedert Barrande in acht mit A bis H bezeichnete Etagen, von denen A, B und C der kambrischen Formation zuzuzählen sind, in der zuletzt genannten die sogen. Primordialfauna eingeschlossen. Zum Untersilur werden gezählt die Dachschiefer des Fichtelgebirges, die Leimbacher Schiefer in Thüringen, die Vaginatenkalke Nordeuropas, in England die Llandeilo Flags, die Caradoc- und die untere Llandoverygruppe, in Nordamerika die Quebec-, Trenton- (mit den Utikaschiefern), Hudson- und Cincinnatigruppe. Im böhmischen Silur entspricht ungefähr Barrandes Etage D mit der sogen. zweiten Fauna dem Untersilur, nur spielt sich hier eine eigentümliche Anomalie ab. In mehreren Niveaus der Etage D stellen sich nämlich Schichten ein, die, obgleich konform eingelagert, eine entschieden obersilurische Fauna enthalten. Für Barrande sind diese Schichten Kolonien, ihre Reste eingewanderte Tiere benachbarter Silurbecken, welche ihrer Fauna nach in der Entwickelung schon weiter vorgeschritten waren und durch Niveauänderungen vorübergehend mit dem großen Silurbecken Böhmens in Verbindung standen. Die Gegner der Barrandeschen Erklärung (so namentlich Lipold) nehmen Lagerungsstörungen an, ein keilartiges Einklemmen jüngerer Schichten zwischen ältere (vgl. unten unter Litteratur). Zum Obersilur zählt man außer Barrandes böhmischer Etage E in England die obere Llandoverygruppe, die Wenlock- und die Ludlowstufe, in Nordamerika die Niagaragruppe mit der Clintonuntergruppe und die Salinagruppe. Bestimmte am Harz entwickelte Schichten (die Tanner Grauwacke und die Wieder Schiefer) wurden früher ebenfalls dem Obersilur zugerechnet, sind aber neuerdings unter dem Namen Hercin als eine besondere Facies des Unterdevons gedeutet worden, welcher auch die Tentakulitenschichten Thüringens und die böhmischen Etagen F bis H mit der sogen. dritten Fauna beizuzählen sein würden.

Flora und Fauna der silurischen Formation sind fast ausschließlich marin: einige Landpflanzen (Lepidodendron) gehören zu den seltensten Funden; die oben erwähnten Anthracitflöze sind wahrscheinlicher von Fukusbänken abzuleiten. Das tierische Leben ist ein überraschend formenreiches: zählt doch Barrande über 10,000 silurische Arten. Von niedern Tieren sind außer Schwämmen besonders einige Abteilungen der Korallen (Hydrozoa) wichtig. So bilden vor allen die Graptolithen ein vorzügliches Leitfossil, da sie einesteils auf silurische Schichten beschränkt sind und schon im Devon vollständig ver-^[folgende Seite]