Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Vereinigte Staaten von N.-A.

111

Vereinigte Staaten von N.-A. (Ackerbau).

lichen religiösen und kirchlichen Verhältnisse, die sich der Geschichte des Landes und dem Volkscharakter gemäß gestalteten, entwickelten natürlich mancherlei Extravaganzen, welche die geschlossenen Staatskirchen Europas nicht aufweisen können; dagegen sind auch der religiöse Eifer und die Rührigkeit in den amerikanischen Kirchen weit stärker als in den meisten Ländern der Alten Welt. Abgesehen von den ansehnlichen Beiträgen für Bau und Unterhaltung gottesdienstlicher Gebäude und der Prediger, bringen die Amerikaner alljährlich sehr beträchtliche Summen auf für mancherlei kirchliche und philanthropische Zwecke. Viele Sekten unterhalten Reiseprediger, deren die Baptisten und Methodisten zu Tausenden im Land herumreisen lassen. Die Wirksamkeit der verschiedenen Missionsvereine erstreckt sich über alle Erdteile; auch die Bibelgesellschaften entfalten einen weitreichenden Einfluß. Von nicht geringem Belang sind die Sonntagsschulen, deren erste 1791 zu Philadelphia gegründet wurde, und die Temperanz- oder Mäßigkeitsvereine (s. d.), welche seit ihrer Gründung zu Boston 1813 sich über alle Staaten ausgedehnt haben und einige Millionen Mitglieder (temperance-men) zählen. Auch auf die Umgestaltung des Gefängniswesens haben namentlich die kirchlichen Vereine nicht geringen Einfluß geübt, doch waren hier zuerst die Quäker zu weit gegangen und durch Begründung der strengsten Einzelhaft im pennsylvanischen System sogar hartherzig geworden. Zu den philanthropischen Vereinen müssen wir auch die Amerikanische Kolonisationsgesellschaft rechnen, deren Zweck darauf gerichtet ist, freie Neger und Farbige nach Afrika hinüberzuschaffen.

Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft bildet in den Vereinigten Staaten noch immer den wichtigsten Erwerbszweig. Denn sie beschäftigte 1880: 7,670,493 Menschen, einschließlich von 4,225,945 Farmern (Landwirten) u. 3,323,876 Arbeitern, und lieferte Produkte im Wert von 2213 Mill. Doll. Es gab 4,008,907 Farmen, zusammen 2,169,367 qkm groß, von welcher Fläche indes nur 1,152,387 qkm landwirtschaftlich verwertet waren. Die durchschnittliche Größe jeder Farm betrug 54 Hektar, und es gab nur 104,505 Farmen, die größer als 202 Hektar waren. Kleingrundbesitz herrscht allerdings vor, aber viele der Farmer sind wirkliche Pachter, und der Großgrundbesitz nimmt rasch zu. Im J. 1883 sollen acht der größten Eigentümer sich in 73,000 qkm geteilt haben, während die großen Eisenbahngesellschaften gar 810,000 qkm ihr Eigentum nannten. Die noch nicht vergebenen Staatsländereien sollen 1887 einen Umfang von 9,275,410 qkm gehabt haben, dabei waren aber der Kultur nie zugängliche Wüsteneien und 1,300,000 qkm in Alaska eingeschlossen. Veräußert wurden im Lauf des Jahrs 104,639 qkm. Jeder amerikanische Bürger hat durch das Heimstättengesetz (s. d.) Anspruch auf 65 Hektar, bez. 32⅓ Hektar Land, wenn er sich auf demselben niederläßt, es bebaut und 200 Doll. dafür zahlt. Auch wer 2 Hektar mit Bäumen bepflanzt, kann Anspruch auf 65 Hektar erheben, wenn er den Minimalpreis von 1¼ Doll. pro Acre (3,10 Doll. pro Hektar) zahlt.

Der Getreidebau hat zwar stetig zugenommen, aber nicht im Verhältnis zur Bevölkerung, so daß in der That nur zwei Gebiete wirklichen Überschuß für die Ausfuhr haben, nämlich die Binnenstaaten, von Tennessee bis Dakota, und die pacifischen Staaten. Unter allen Getreidearten gebührt dem Mais der erste Platz, denn er ist seit undenklichen Zeiten das Hauptnahrungsmittel der Einwohner gewesen und ist es noch jetzt. Er gedeiht in allen Staaten, ist im S. lohnender als Weizen und wird im W. vielfach zum Mästen des Viehs verwendet. Nächst dem Mais ist der Weizen die Hauptgetreideart in den Vereinigten Staaten und der bedeutendste Ausfuhrartikel unter den Körnerfrüchten. Sein Gebiet erstreckt sich vom N. Virginias bis in den fernen Westen und Kalifornien. Gerste und Hafer werden überall, mit Ausnahme der südlichsten Staaten, in bedeutender Menge gebaut. Im J. 1887 waren 573,921 qkm mit Getreide bebaut und ergaben einen Ertrag von 937 Mill. hl (Mais 513 Mill. hl, Weizen 161 Mill. hl). Der Reisbau ist seit dem 17. Jahrh. in Südcarolina heimisch und verbreitete sich von dort aus über sämtliche tief gelegene Bezirke der Südstaaten. Kartoffeln (1880: 60 Mill. hl) sind im N., Bataten oder süße Kartoffeln (12 Mill. hl) im S. wichtige Nahrungspflanzen. Von Obst werden namentlich Äpfel und Pfirsiche gezogen, aber in den Südstaaten und in Kalifornien gedeihen auch Südfrüchte ganz vorzüglich. Der Weinbau verbreitet sich immer mehr. Man hat mit Erfolg die einheimischen Rebensorten, namentlich die Catawbatrauben, veredelt und zieht jetzt in Ohio und Missouri einen trinkbaren Wein. Das wahre Weinland Amerikas ist aber vorläufig Kalifornien. Hopfen (11,8 Mill. kg) wird vornehmlich in den nördlichen Staaten gebaut. Rohrzucker wurde zuerst 1726 in Louisiana angepflanzt, und dieser Staat produziert auch jetzt noch fast allen Rohrzucker der Vereinigten Staaten. Der Krieg vernichtete diesen Zweig des Landbaues fast vollständig: 1861 erzeugte Louisiana 209 Mill. kg Zucker, 1870 nur 37 Mill., aber 1880: 145 Mill. und 1884: 130 Mill. kg, außer 1,3 Mill. hl Melasse. Auch die Produktion von Ahornzucker macht keine Fortschritte (1880: 16,6 Mill. kg), und die Versuche mit Rübenzucker sind ohne wesentlichen Einfluß gewesen. Kaffee wird in den Vereinigten Staaten nicht gebaut, wohl aber baut man in Kalifornien mit Erfolg Thee. Tabak wird namentlich in Kentucky, Virginia und Ohio gebaut, mit sehr schwankenden Ernteerträgnissen (1886: 230 Mill. kg). Ungemein wichtig ist der Bau von Baumwolle längs der ganzen atlantischen Küste, von 34° nördl. Br. bis nach Texas hinein. 1748 wurden die ersten 7 Ballen von Charleston in Südcarolina ausgeführt. Unter den verschiedenen Baumwollarten ist die sogen. Sea Island, die auf den Gestadeinseln an den Küsten Carolinas und Georgias wächst, die geschätzteste. Die Produktion von Baumwolle stieg 1825-60 mit gewissen Schwankungen von 108 Mill. kg auf 1170 Mill. kg. Sodann kam der Bürgerkrieg, aber bald nach Beendigung desselben hob sich die Produktion wieder rasch und erreichte 1883 mit 1545 Mill. kg ihren Glanzpunkt. Im J. 1887 war der Ertrag nur 1016 Mill. kg. Außerdem baut man Flachs in immer zunehmenden Verhältnissen, Hanf, etwas Jute (seit 1870) und ein javanisches Fasergewächs, Ramé (Boehmeria tenacissima). Die Seidenzucht in den atlantischen Staaten hat fast aufgehört, aber in Kalifornien nimmt sie rasch zu. Schließlich sei noch des Sumach erwähnt als einer erst in jüngster Zeit zu Bedeutung gelangten Handelspflanze. Im allgemeinen kann man auch jetzt noch sagen, trotz der seit 1784 bestehenden landwirtschaftlichen Vereine, der vorzüglichen landwirtschaftlichen Maschinen und der landwirtschaftlichen Akademien, daß das amerikanische System des Landbaues ein Raubsystem ist, welches in den ältern Staaten bereits zur Erschöpfung des Bodens geführt hat. Es lohnt sich eben noch immer besser, jungfräulichen Boden in Angriff zu nehmen, als ein intensiveres System des Landbaues einzu-^[folgende Seite]