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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Vereinigte Staaten von N.-A.

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Vereinigte Staaten von N.-A. (Geschichte 1663-1766).

das Land südlich vom 36. Breitengrad acht Edelleuten, welche für die neue Ansiedelung Carolina durch den berühmten Philosophen Locke eine feudale Verfassung ausarbeiten ließen, die sich zwar als unhaltbar erwies, der Kolonie aber im Gegensatz zu den Neuenglandstaaten ein aristokratisches Gepräge verlieh, welches durch die Ausbreitung der Negersklaverei seit dem Assientovertrag (1713), welcher einer englischen Gesellschaft das Monopol des Negerhandels zugestand, und die dadurch ermöglichte Anlage großer Plantagen in den Südstaaten noch verschärft wurde.

Die britische Krone hatte anfangs den amerikanischen Kolonien eine gewisse Selbständigkeit eingeräumt, suchte sie aber allmählich unter ihre unmittelbare Botmäßigkeit zu bringen. Wiederholt wurden früher erteilte Freibriefe aufgehoben und königliche Gouverneure mit unbeschränkter Machtvollkommenheit ernannt. Auch nach dem Sieg des parlamentarischen Systems im Mutterland 1688 wollte die britische Regierung jenseit des Ozeans eine direkte Herrschaft ausüben und die materielle Entwickelung der Kolonien nur insoweit zulassen, als sie Englands Handel und Industrie zum Vorteil gereichte. Durch kleinliche Beschränkungen suchte man sie immer wieder zu hemmen: nur englische Schiffe durften mit den Kolonien Handel treiben; der Verkehr derselben untereinander war durch hohe und lästige Abgaben erschwert, sie durften nur in England einkaufen und verkaufen; die Eisenindustrie war verboten, die Zuckerraffinerie so hoch mit Zöllen belastet, daß sie nicht aufkommen konnte, u. dgl. m. Die Kolonien sollten nur Rohstoffe, wie Tabak, Indigo, Zucker, Wolle und Brotfrüchte, erzeugen, um selbst zahlungsfähig zu bleiben und zugleich dem Konsum und der Industrie Englands das erforderliche Material zu liefern. Gleichzeitig stieß die Ausbreitung der englischen Ansiedelungen in Amerika selbst auf Schwierigkeiten. Die germanisch-protestantische Kolonialwelt, welche sich unter Georg II. noch um das vom General Oglethorpe am Savannahfluß gegründete Georgia vergrößerte, sah sich von einem Gürtel romanisch-katholischer Pflanzstätten der Franzosen und Spanier umgeben, welcher sich von dem Mündungsgebiet des St. Lorenz bis zu den Großen Seen im Innern und den Mississippi abwärts an der Küste des Mexikanischen Meerbusens bis Florida erstreckte. Namentlich die Franzosen, teils stolze, auf Englands Macht eifersüchtige Edelleute, teils fanatische Jesuiten, bemühten sich, durch eine Reihe von Forts die englischen Besitzungen von dem Binnenland abzuschneiden. 1690 kam es zu dem ersten größern Zusammenstoß (König Wilhelms-Krieg) zwischen Engländern und Franzosen um Akadien, welches die erstern an sich zu reißen strebten. Im Frieden von Ryswyk (1697) behaupteten die Franzosen den Besitz Akadiens; nachdem Königin Anna-Krieg (1701-13) mußten sie zwar im Frieden von Utrecht das Land an Neuengland abtreten, doch vermochte sich dies bloß in den Besitz des südlichen Teils zu setzen. Der nördliche Teil blieb den französischen Ansiedlern auch nach dem ersten König Georgs-Krieg (1744-48) im Frieden von Aachen; erst 1755 wurden sie durch einen brutalen Gewaltakt der englischen Regierung vertrieben. Hiermit begann der zweite König Georgs-Krieg (1755-63), der mit dem Siebenjährigen Krieg in Europa gleichzeitig war. Die Kolonien, durch das hochherzige Vertrauen, das ihnen William Pitt schenkte, gewonnen, wetteiferten in Hingebung und Opferwilligkeit mit dem Mutterland, und die vereinten Anstrengungen wurden mit dem glänzendsten Erfolg belohnt. 1758 wurden Cape Breton und die Prince Edwards-Insel besetzt und das Fort Duquesne (Pittsburg) von Washington erobert; 13. Sept. 1759 siegte General Wolfe bei Quebec über die Franzosen unter Montcalm, am 18. kapitulierte diese bedeutende Festung, und bald fiel auch der zweite Hauptplatz der Franzosen in Kanada, Montreal, in die Hände der Engländer, denen im Frieden von Paris (10. Febr. 1763) Kanada und Florida von Frankreich und Spanien abgetreten wurden. Hiermit war der Sieg der germanisch-protestantischen Rasse über die romanisch-katholische in Nordamerika entschieden.

Der Freiheitskrieg gegen England.

Während die Kolonien als Lohn für ihre Dienste und Opfer im letzten Krieg die Verleihung der Autonomie in ihrem innern Staatsleben erwarteten, strebten im Gegenteil der durchaus absolutistisch gesinnte König Georg III. und die Staatsmänner, welche seit Pitts Sturz an der Spitze der britischen Regierung standen, nach straffer Zentralisation aller britischen Besitzungen unter Ministerium und Parlament in London und betrachteten die Kolonien nur als Kanäle, die England Reichtum und Kräfte zuzuführen hätten. Überdies hatte sich während des langen, kostspieligen Kriegs die englische Staatsschuld fast verdoppelt, und die Kolonien sollten zur Deckung der Zinsenlast durch erhöhte Zölle und Steuern in verstärktem Grad herangezogen werden. Wenn die Kolonien auch die höchste gesetzgebende Gewalt des Parlaments nicht bestritten, so verlangten sie doch, daß ihre Landesvertretungen, namentlich bei innerer Besteuerung, um ihre Zustimmung angegangen werden müßten. Die Erhöhung der Eingangszölle für mehrere Handelsartikel und das verschärfte Verbot des Schleichhandels unmittelbar nach dem Frieden wurden daher noch geduldig ertragen, obwohl die Erklärungen der Minister im Parlament, daß damit auch eine Stärkung der königlichen Gewalt beabsichtigt und die Macht der Krone und des Parlaments über die Kolonialstaaten unumschränkt sei, entschiedenen Widerspruch in Versammlungen und in der Presse hervorriefen und dem gegenüber von Männern wie J. ^[James] Otis und J. ^[John] Adams die unveräußerlichen natürlichen Menschenrechte verfochten wurden. Der Erlaß der Stempelakte (22. März 1765) für alle schriftlich abgefaßten Geschäfte sowie einer Bill, welche den Kolonien die Verpflichtung auferlegte, den königlichen Truppen Wohnung und Verpflegung zu gewähren, machte aber die Opposition zu einer allgemeinen. Im Herbst versammelten sich in New York Bevollmächtigte fast aller Provinzen, welche die beiden Parlamentsbeschlüsse für ungültig erklärten und sich auf die natürlichen Rechte des Volkes beriefen; ihre Beschlüsse wurden in Adressen dem König und dem Parlament kundgegeben. Das Stempelgesetz konnte 1. Nov. gar nicht in Kraft treten, da niemand das gehässige Amt des Stempelvertreibers auszuüben wagte und man den Verkauf des Stempelpapiers verhinderte. Nun wurde zwar 18. März 1766 die Stempelakte wieder aufgehoben, aber das Militärverpflegungsgesetz blieb bestehen, und eine vom Parlament gleichzeitig beschlossene Deklarationsbill behielt dem Parlament die höchste gesetzgebende Gewalt für alle Dinge in Amerika vor und erklärte die entgegenstehenden Beschlüsse der amerikanischen Legislaturen und Kolonialkongresse für null und nichtig. Dadurch wurde der beschäftigende Eindruck der Beseitigung der Stempelakte wieder aufgehoben. Die Unabhängigkeitsideen waren schon so verbreitet und der Gegensatz zwischen den Kolonien und dem Mutterland so