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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Viehzehnt; Viehzölle; Viehzucht

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Viehzehnt - Viehzucht.

mers Kühe zur Weide auf den Alpen übernimmt. Er erhält die Milch und das Kalb, zahlt aber einen Pachtzins oder liefert eine bestimmte Zahl von Käsen oder ein bestimmtes Gewicht von Butter ab. Auch der sogen. Eisernviehvertrag (contractus socidae) gehört hierher (s. Eisern).

Viehzehnt (Blutzehnte, Fleischzehnte, Uchtpenning, Schmalzzehnte, Wirtschaftszehnte), ein früher vielfach vorkommender Zehnt, welcher in einer Abgabe bestand, die der Verpflichtete von den durch seine Gutswirtschaft gewonnenen Tieren und von deren Nutzungen leisten mußte. Dabei ward oft zwischen großem (Pferde, Rindvieh, Schafe, Schweine etc.) und kleinem V. (Federvieh, Bienen, Eier, Butter etc.) unterschieden.

Viehzölle, Zölle auf die Einfuhr von Vieh, wurden annähernd zu den Sätzen, wie sie bis 1865 bestanden, 1879 wieder eingeführt und durch Gesetz vom 24. Mai 1885 erhöht und zwar je für 1 Stück Pferde auf 20 Mk., Stiere und Kühe auf 9 Mk., Ochsen auf 30 Mk., Schweine auf 6 Mk. Für jüngeres Vieh (Jungvieh, Kälber, Spanferkel) sind die Sätze niedriger, für Schafvieh 1 Mk., Lämmer 0,50 Mk., die Einfuhr von Ziegen ist frei.

Viehzucht (Viehzüchtung), die künstliche, von bestimmten Grundsätzen geleitete Paarung derjenigen landwirtschaftlichen Haustiere, welche unter dem Namen Vieh zusammengefaßt werden. Sie hat die Aufgabe, Tiere zu produzieren, welche den größtmöglichen Grad von Leistungsfähigkeit nach der gewünschten Richtung, d. h. das höchste Maß der Nutzbarkeit für bestimmte Zwecke und im Verhältnis zu den aufgewandten Mitteln, besitzen. Man züchtet das Pferd lediglich als Arbeitstier, das Rind als Erzeuger von Milch, Fleisch und Fett und als Arbeitstier, das Schaf als Erzeuger von Wolle, Fleisch und Fett, das Schwein ausschließlich als Erzeuger von Fleisch und Fett. Jedes der genannten Haustiere stellt eine besondere Art dar. Zu einer Art oder Spezies gehören nach zoologischer Auffassung die Tiere, welche sich untereinander fruchtbar verpaaren, und deren Nachkommen ebenfalls bedingungslos fruchtbar sind. Zwischen einigen Arten, z. B. Pferd und Esel, ist eine Befruchtung möglich; aber die Nachkommen (Bastarde) sind unfruchtbar. Ausnahmsweise ist der Bastard bei der sogen. Anpaarung, d. h. bei der Begattung mit einem Tier der Stammarten, fruchtbar. Eine Unterabteilung oder Varietät der Art ist die Rasse. Der Züchter stellt zu einer Rasse alle Tiere einer Art, welche sich von andern Tieren derselben Art durch charakteristische Merkmale unterscheiden und diese Charakteristik auch vererben. Die Rasse schließt noch viel weniger als die Art den Begriff der Unabänderlichkeit ein; sie behält die Charaktere vielmehr nur so lange, als die Verhältnisse nicht mächtig genug sind, dieselben zu ändern. Die gegebene Definition gilt deshalb immer nur für die Gegenwart. Die verschiedenen Rassen der Haustiere lassen sich zunächst in zwei große Gruppen scheiden. Man findet in gewissen Gegenden Tiere, die seit undenklichen Zeiten in gleicher Beschaffenheit dort vorhanden waren, die gewissermaßen geographisch begründet sind, so in Oberschlesien und Litauen die kleinen ponyartigen Pferde, in Spanien die Merinos, in Galizien und Polen die hochbeinigen, flachrippigen Schweine. Diese Tiere sind nicht gerade mit besonderm Züchterbewußtsein gezüchtet, sondern sie sind Kinder der natürlichen und der dort recht einfachen wirtschaftlichen Verhältnisse. Der Einfluß von Klima und Boden auf Lungenthätigkeit, Gliederstärke etc. ist gewiß nicht zu verkennen, wie der Gegensatz der Niederungs- und der Schweizerkuh deutlich zeigt. Der Einfluß des Menschen ist aber beschränkt auf den Schutz vor Unbilden des Klimas durch Bauten, auf die Verwendung von Hilfsmitteln, welche der Ideenkreis des Volkes darbietet. Wo die Kulturzustände und damit auch die Wirtschaftsweise des Volkes eine Fortentwickelung nicht erfahren, da werden auch die Haustiere in voller Ursprünglichkeit fortdauern. Solche Rassen nennt man natürliche (primitive); sie sind charakterisiert durch eine relativ geringe Leistungsfähigkeit im ganzen (oberschlesisches Pferd) oder durch Einseitigkeit in den Leistungen (Merinoschaf). Diesen gegenüber stehen die Kulturrassen (Züchtungsrassen). In dem Bestreben, Eigenschaften hervorzubringen, welche bestimmten Gebrauchszwecken am besten entsprechen, hat man Tiere ausgewählt und fortgesetzt miteinander gepaart, welche in ihrem Körperbau und den Äußerungen ihrer Lebensthätigkeit dem Gewünschten sich am meisten annäherten. Durch geeignete Haltung und durch opulente Ernährung von früher Jugend an hat man es so nach und nach erreicht, Tiere herzustellen, welche entweder durch große Schnelligkeit und Ausdauer oder durch gute Futterverwertung exzellieren. Es hat also in den Tieren nicht eine Neubildung, sondern nur Steigerung bereits vorhandener Eigenschaften stattgefunden, und nicht die Vererbung allein, sondern auch Haltung und Ernährung sind bei der Bildung der Kulturrassen wirksam gewesen. Die physiologische Eigenschaft großer Leistungsfähigkeit nach einer oder der andern Richtung hin nimmt bei diesen nahezu den Charakter spezifischer Eigentümlichkeiten an, die sich in der Anlage auch vererben; aber sie geht wieder verloren, wenn die entsprechende Haltung und Ernährung in Wegfall kommen: die Rassen entarten dann. Die Kulturrassen sind nicht geographisch gebunden, sondern nur an die Kultur, die sie erzeugte; in gewissem Sinn besitzen sie eine kosmopolitische Bedeutung. Sie sind auch nicht abgeschlossen, sondern mit der Entwickelung der Kultur entstehen neue Anforderungen und damit neue Rassen. Zwischen diesen beiden großen Gruppen stehen die unreinen Rassen oder rasselosen Tiere, welche in einzelnen Landstrichen oder auch zwischen Tieren der natürlichen Rassen auftreten, ohne bestimmte, sie deutlich charakterisierende Kennzeichen aufzuweisen. Sie zeigen ein Gemisch von Formen und Farben und entbehren der Gleichmäßigkeit in der Vererbung. Weitere Unterabteilungen der Rasse sind: Schlag, Stamm, Zucht, Familie. Trotz aller Ähnlichkeit der zu einer Rasse gehörigen Tiere hat doch jedes seine Eigentümlichkeiten, sein Individuelles. Diese Eigentümlichkeiten des Individuums zu erkennen, ist die große Aufgabe des Viehzüchters und des Viehhalters; beide wählen die für ihre Zwecke passendsten Tiere aus. Gewisse Verschiedenheiten werden nun schon bedingt durch das Alter: bei dem jungen Tier sind die Glieder lang im Verhältnis zum Rumpf, Zähne und Hörner unentwickelt, die Behaarung eine andre, die geschlechtlichen Fähigkeiten noch nicht vorhanden. Wenn auch bei der Betrachtung der Individualitäten das nicht ausgewachsene Tier noch nicht in Betracht kommt, so ist es doch wichtig, demselben möglichst früh anzusehen, was aus ihm wird. Weitere Differenzen werden gesetzt durch das Geschlecht: das männliche Haustier ist größer, stärker, hat schärfer ausgeprägte Formen, kräftigere Muskeln, festere Knochen, straffere Gewebe, eine dickere Haut, stärkere Hörner; seine