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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Schulmuseum - Schulreform
kleinern, dem Realunterricht und der gewerblichen Anleitung der größern oder gar der erwachsenen Zöglinge die nötigen Mittel darzubieten. Der hohe Wert eines solchen reichlichen Vorrats von Anschauungsmitteln wird heute für alle Schulen und vorzüglich für die Schulen realistischer und technischer Richtung allgemein anerkannt. Der Gedanke, derartige Hilfsmittel an den Schulen zu sammeln, ist geschichtlich eng verwandt mit dem des Anschauungsunterrichts und der Begründung alles Unterrichts auf die Anschauung überhaupt, wie er seit dem 16. Jahrh. mehr und mehr hervortritt. Neben der Beobachtung der Wirklichkeit in Natur, Gewerbe und Kunst wird von Ratichius, Comenius und der von A. Reyher verfaßten Schulmethode Herzog Ernsts des Frommen von Gotha (1642), hier sogar schon für Volksschulen, das Aufsammeln der wichtigsten Gegenstände der Anschauung bei den Schulen empfohlen. Eben darauf drangen nach Basedows Vorgang die philanthropischen Pädagogen in der letzten Hälfte des 18. Jahrh. Heute wird kaum irgend einer höhern Lehranstalt eine derartige Sammlung mehr fehlen. Hier und da ist man sogar in Gefahr, den Wert des Anschauungsapparats in dessen äußerer Vollzähligkeit und Mannigfaltigkeit statt in der glücklichen Auswahl des Bezeichnenden und Lehrreichen zu suchen. An kleinern Volks- und besonders an ärmlichen Landschulen wird immer die Schwierigkeit groß bleiben, auch nur das Nötigste zu beschaffen und zu bewahren, und da sind dann auch die Lehrer kaum in der Lage, die eigne Anschauung mit der Bewegung der Zeit im Schritt zu erkalten. Diesem mehr oder weniger allgemeinen Bedürfnis entgegenzukommen, sind die Schulmuseen im engern deutschen Sinn (französisch musées pédagogiques) bestimmt, d. h., wie sie auch genannt werden, ständige (permanente) Ausstellungen von Lehrmitteln und Schulgeräten in den Hauptstädten und an sonstigen Mittelpunkten des Verkehrs. Der Plan, solche Schulmuseen für weitere Kreise zu gründen, die als Grundlagen einer vergleichenden Schulkunde dienen könnten, scheint zuerst im Kreis der Jünger Pestalozzis entstanden und von dem französischen Publizisten Marc Antoine Jullien de Paris 1817 (»Esquisse d’un ouvrage sur l’éducation comparée«) öffentlich zur Geltung gebracht zu sein. Verwirklicht ist er erst in den letzten Jahrzehnten unter dem Einfluß der Weltausstellungen, die jedesmal auch eine Abteilung für das Schulwesen in sich zu fassen pflegen. Wie aus dem ersten dieser gewerblichen Wettkämpfe, der Londoner Ausstellung von 1851, das große South-Kensington Museum hervorging, so gilt dessen 1856 eröffneter Zweig: The Educational Museum zu London als das erste S. dieser Art. Längere Zeit scheint diese Sammlung auf eine allerdings reiche und vielseitige pädagogische Bibliotheksich beschränkt zu haben. Jetzt sind längst auch Lehrmittel, Schulgeräte, Schulbauten (Pläne, Modelle) etc. in deren Bereich einbezogen; überdies sind besondere kleinere Fachsammlungen angelegt, die an Schulen, Schulbehörden etc. auf Zeit verliehen werden. Eine großartige pädagogische Bibliothek ist auch mit dem National board of education zu Washington verbunden, der ein eigentliches S. in Philadelphia seit 1876 ergänzend zur Seite geht. Für Rußland besteht bereits seit 1864 in St. Petersburg unter Leitung des Generals Kokhovsky ein großes S., dem seither noch mehrere ähnliche Anstalten nachgefolgt sind. In Frankreich ward der Gedanke eines zu gründenden Schulmuseums namentlich feit der Ausstellung von 1867 wieder lebendig. J. Simon suchte ihn 1871 als Unterrichtsminister zu verwirklichen; aber die wechselnde Bewegung der Politik verzögerte dies, bis 1878 unter dem Minister Bardoux der rührige Inspektor des Primärunterrichts, 55. Buisson, die günstige Gelegenheit der Weltausstellung zur Begründung der längst geplanten Anstalt glücklich benutzte. Das vorige Jahrzehnt sah ähnliche Sammlungen teils von Staats wegen, wie in Stockholm (1877). Brüssel (1878), Rom (1874), teils aus städtischen Mitteln, wie in Wien (1872, permanente Lehrmittelausstellung), und Berlin (1877), teils aus Anregung von Vereinen, wie in Zürich (1875, permanente Schulausstellung), Berlin (1876), Magdeburg (1877), Königsberg (1879), Bern (1879) u. a., entstehen. Nach und nach folgten diesen Vorgängen alle größern staatlichen und städtischen Schulverwaltungen, so daß ein wohlversorgtes und geordnetes S. bereits heute als unerläßliches Erfordernis für solche gilt. Vgl. Buisson, Dictionnaire de pédagogie (unter: Musées pédagogiques, Par. 1887), und die betreffenden Angaben im »Pädagogischen Jahresbericht«.
*Schulreform (Bewegung auf dem Gebiet des höhern Schulwesens). Es ist eine eigentümliche und überraschende Erscheinung, daß in Deutschland selbst so wenig Zufriedenheit mit den Einrichtungen des öffentlichen höhern Schulwesens herrscht, während das Ausland auf dieses Gebiet unsers Volkslebens 5 mit hoher Achtung hinblickt und das deutsche, namentlich das preußische, Schulwesen in mancher Hinsicht sich zum Muster nimmt. Die in weiten Kreisen empfundene Unruhe und Unsicherheit, die sich als Unzufriedenheit äußert, beruht hauptsächlich in der bunten Mannigfaltigkeit und Uneinigkeit, die im Lauf der geschichtlichen Entwickelung in das deutsche Schulwesen eingedrungen ist. Während bis tief in das vorige Jahrhundert hinein das gesamte öffentliche Unterrichtswesen als ein Seitenzweig der Kirche erschien, der Nahrung und Pflege für alle feine Lebensäußerungen nur durch diese und ihren theologischen Lehrstand empfing, hat seitdem die Schule zwar durchweg gegenüber der Kirche ein selbständiges Dasein gewonnen, aber nicht als in sich lebendig geeinter Körper. Gleichzeitig mit der Loslösung von der Kirche hat sich das Auseinanderstreben der Schule in verschiedene, fast ganz getrennte Zweige vollzogen, so daß namentlich höherer und niederer Unterricht, Gelehrten- und Volksschule heutzutage fast gar keine, Lebensinteressen miteinander gemein haben und Jahrzehnte hindurch fast völlig geschiedene Wege verfolgten. Im höhern Schulwesen selbst haben sich mehr und mehr zwei Richtungen ausgeprägt, die humanistische und die realistische, die zwar nicht von Haus aus gegeneinander laufen, insofern sie für verschiedene Bedürfnisse und Berufskreise arbeiten wollen, aber doch oft sich gegenseitig durchkreuzen und thatsächlich zumeist in einer fühlbaren und nicht selten peinlichen Spannung leben. Am reinsten spricht dieser Gegensatz sich aus zwischen dem Gymnasium, das, den Überlieferungen des Zeitalters der Wiedergeburt getreu, beide alte Sprachen, Latein und Griechisch, festhält und als vornehmstes Bildungsmittel pflegt, und der eigentlichen Realschule, die. nur das Bedürfnis der höhern Erwerbstände im Auge, auf die alten Sprachen ganz verzichtet und neuen Mathematik und Naturkunde die neuern Sprachen in den Vordergrund des Lehrplans rückt. Zwischen beiden hat aber die Mischform des Realgymnasiums sich eingefunden, die zuliebe dem bei den Regierungen und im gebildeten Teil des Volkes noch weit-^[folgende Seite]