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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Baukunst der Gegenwart

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Baukunst der Gegenwart (Berliner Monumentalbauten).

sich die einen bemühten, ihn von den Kleinlichkeiten seiner ursprünglichen Lebensbedingungen zu befreien und ihn nach den Anforderungen des modernen Lebens und seiner Verkehrsbedürfnisse umzumodeln, suchten die andern ihre Befriedigung in der Nachahmung und Überbietung seiner phantastischen Launen und barocken Ausschreitungen. Ist schon in der Geschichte der Baukunst des 16. und 17. Jahrh. die zeitliche Grenzlinie zwischen Spätrenaissance und Barockstil nirgends mit Sicherheit zu ziehen, so hat sich der Übergang in unsrer Zeit noch schneller und unmerklicher vollzogen. In dem Grade, als die Prachtliebe und die Repräsentationslust des modernen Lebens wuchsen, nahm auch die Neigung zu den üppigsten Kunstformen zu, und da der Stil der deutschen und italienischen Spätrenaissance dieser Neigung nicht mehr ausreichend entsprechen wollte, suchten die Architekten ihre Vorbilder in den letzten Entwickelungsstufen der Renaissance, im italienischen und französischen Barockstil. Unser geschichtlicher Sinn, unsre Kenntnis der Entwickelungsgeschichte des menschlichen Geistes in seiner künstlerischen Thätigkeit haben sich inzwischen so erweitert, geläutert und gereift, daß wir in den Kunstperioden des Barockstils und des Rokoko, das eigentlich kein Baustil, sondern nur ein neue Grundformen mitbringendes, dekoratives System ist, nicht mehr Zeiten des Verfalls und Sinkens des Kunstgeistes erblicken, sondern gelernt haben, sie als Erscheinungen zu würdigen, die die allgemeine Kultur, aus der sie erwachsen sind, ebenso getreu widerspiegeln, wie die Kunst des Altertums und der Renaissance ihren Nährboden. Unter diesen objektiven Gesichtspunkten ist die Wiederaufnahme des Barockstils in unsrer Zeit, die in keiner andern deutschen Stadt so lebhaft betrieben worden ist wie in Berlin, zu beurteilen.

Wie vor 20 Jahren die Wiedereinführung des italienischen Renaissancestils in Berlin vorzugsweise von Privatarchitekten im Gegensatz zu den in der Schinkelschen Schule gebildeten und an dem hellenischen Klassizismus festhaltenden Staatsbaubeamten betrieben und vertreten wurde, so stehen auch die Träger der neuen Bewegung in der Zeit, die wir hier berücksichtigen (1883-90), zumeist im Dienste der privaten Bauthätigkeit, während die im Auftrag des Staates entwerfenden Architekten wiederum das konservative Element darstellen, indem sie an der italienischen Renaissance festhalten, die ihnen die besten Ausdrucksformen für den Monumentalbau gewährt. Dieser Grundsatz ist während der letzten sieben Jahre sowohl bei den meisten vom Staate unternommenen Bauausführungen als bei den großen Konkurrenzen um Monumentalbauten zur Geltung gebracht worden. In dem Wettbewerb um das Reichstagsgebäude wurden zwei Entwürfe im Stile der italienischen Hochrenaissance mit den ersten Preisen gekrönt, von denen der Paul Wallots zur Ausführung bestimmt wurde. Nach mehrfacher Umarbeitung des ursprünglichen Entwurfs sind die anfangs sehr einfach gehaltenen Architektur- und Schmuckteile kräftiger und reicher entwickelt, aber dabei nirgends die Grenze überschritten worden, die nach unserm modernen Stilgefühl die Hochrenaissance vom Barock trennt. Die Vollendung des gewaltigen Baues, an dessen Ausführung sich zahlreiche neue Kräfte schulen, die sich zum Teil schon an großen Aufgaben bewährt haben, wie z. B. Rettig und Pfann in der Konkurrenz um das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I., wird für das Jahr 1895 erwartet. Auch in dem zweiten großen Wettbewerb, der von Berlin aus den deutschen Baukünstlern während der letzten sieben Jahre geboten wurde und die Forderung von Plänen zu Erweiterungsbauten für die königlichen Kunstmuseen zum Gegenstand hatte, wurden die im Stile der italienischen Renaissance komponierten Entwürfe von den Preisrichtern bevorzugt. Diese Konkurrenz sollte nur Material liefern, und eine vorläufige Entscheidung ist erst 1889 erfolgt, indem Franz Schwechten, Fritz Wolff und Ernst Ihne mit der Ausarbeitung von Plänen zu drei besondern Museen für Gipsabgüsse, antike Skulpturen und die Kunst der Renaissance beauftragt wurden. Auch diese Pläne, deren Ausführung bestimmt in Aussicht genommen ist, bewegen sich in den Stilformen der italienischen Renaissance. Ein dritter großer Monumentalbau, der schon seit länger als 40 Jahren der Gegenstand lebhafter Wünsche ist, ohne daß er über die einleitenden Stadien hinausgedeihen wollte, der Neubau eines protestantischen Doms in Verbindung mit einer Gruft für die Hohenzollernfürsten, ist im Widerspruch zu dem Verlangen der deutschen Architektenschaft, die in einem monumentalen Kirchenbau eine ihrer höchsten Aufgaben sieht, nicht zum Thema eines allgemeinen Wettbewerbs gemacht worden. Auf Grund eines Entwurfs des Kaisers Friedrich, der sich schon als Kronprinz eingehend mit dem Gedanken eines Dombaues beschäftigt und sich in J. C. ^[Julius Carl] Raschdorff einen künstlerischen Mitarbeiter erkoren hatte, wurde dieser mit der speziellen Aufstellung der Pläne betraut, nach denen der Dom ausgeführt werden soll. Sein Hauptmerkzeichen ist eine mächtige Kuppel, die sich an das für Kuppelbauten klassisch gewordene Vorbild, die Peterskirche in Rom, anschließt.

Gleich diesen noch im Entstehen begriffenen Monumentalbauten sind auch die übrigen im Laufe der bezeichneten Epoche vollendeten Staats- und öffentlichen Bauten, soweit sie ein künstlerisches Gepräge tragen, im Stile der italienischen Renaissance ausgeführt worden, so das Museum für Naturkunde, das mit den benachbarten Gebäuden der landwirtschaftlichen Hochschule und der Bergakademie zu einer Gruppe vereinigt worden ist, von August Tiede, das Museum für Völkerkunde von H. Ende, die Kriegsakademie von F. Schwechten, mit zwei Fassaden, deren eine in Sandstein ausgeführt ist, während die andre, in ihrer Gliederung und ihrem dekorativen System an die Bauten der lombardischen Frührenaissance erinnernd, aus rotem Backstein mit reichem Terrakottaschmuck errichtet ist, das Gebäude der kaiserlichen Oberpostdirektion von Tuckermann, das Geschäftshaus für das Landgericht und Amtsgericht II. von Hermann und Endell, der neue Packhof von Fritz Wolff, das Gebäude für den brandenburgischen Provinziallandtag von Ende u. Böckmann, das Ständehaus für den Teltower Kreis von F. Schwechten. Eine Ausnahmestellung nimmt das kaiserliche Patentamt von Fr. Busse ein, dessen Fassade, der vom neuern Privatbau eingeschlagenen Richtung folgend, die reichen Formen des Barockstils zeigt. Allen diesen Bauten gemeinsam ist die Gediegenheit des Materials. Ganz in Haustein ausgeführte Fassaden sind nichts Ungewöhnliches mehr, und wo die Mittel nicht zu ganzen Sandsteinfassaden ausreichen, werden die Flächen zwischen den Architekturteilen mit Backsteinen von gefälliger Farbe verblendet, in deren Herstellung die moderne Thonwarenindustrie eine hohe Vollendung erreicht hat, die sich auch auf die Fabrikation von Terrakotten zum Zweck der Ausschmückung von Fassaden mit Gesimsen, Konsolen, Rosetten, Friesen, Bändern, figürlichen Reliefs, Gruppen, Vasen etc.