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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: China

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China (neueste wirtschaftliche Entwickelung).

Marie, membre du gouvernement provisoire de 1848« (1873); »L'archiprêtre, épisodes de la guerre de cent ans au XIV. siècle« (1880, ein von der Akademie gekröntes Werk) und »La chute de l'ancien régime« (1885-86, 2 Bde.).

China. Die Kämpfe Chinas gegen seine europäischen Feinde haben nicht nur zur teilweisen Erschließung des einst so unzugänglichen Landes für die Europäer geführt, sie haben auch wesentlich dazu beigetragen, den konservativen Ideen der Chinesen eine neue Richtung zu geben. Wie bisher jedem Kriege eine Reihe wichtiger Veränderungen folgte, so sind seit dem letzten Kriege mit Frankreich einige unter den maßgebenden Politikern Chinas zu der Überzeugung gekommen, daß der Eisenbahnbau heutzutage für das große Reich, besonders in strategischer Beziehung, eine Notwendigkeit ist. Unter den einflußreichen Staatsmännern des Landes sind nicht alle mehr so kurzsichtig, daß sie sich gegen jede Neuerung sträuben und sich damit begnügen, ihr Land mit fremden Kanonen verteidigen zu lassen. Der liberale Politiker dagegen studiert alle Hilfsmittel europäischer Überlegenheit, um schließlich den Feind mit seinen eignen Waffen zu bekämpfen, zu denen man jetzt auch die Eisenbahnen rechnet. So hat denn das Jahr 1888 einen kleinen Anfang gesehen; eine kurze Strecke wurde von Tientsin bis zu den Kohlenminen von Kaiping in der Provinz Tschili fertiggestellt und dem Verkehr übergeben. Die Hoffnungen, die der Europäer an dieses Ereignis knüpfte, daß nun binnen kurzem C. von einem Netze von Eisenbahnen umspannt sein würde, haben sich zunächst nicht erfüllt; selbst nicht, nachdem im April 1889 der bis dahin unmündige Kaiser Kuangsii die Zügel der Regierung selbst in die Hand genommen hatte. Zwar wurde der Bau einer den ganzen Norden des Reiches durchkreuzenden Linie, eine Bahn von Peking nach Hankow, ins Auge gefaßt; doch scheiterte der bereits vom Kaiser gutgeheißene Plan an der Warnung einiger Patrioten alten Stiles und an der Unmöglichkeit, in C. selbst die nötigen Gelder aufzutreiben. Trotzdem sind weitere Fortschritte nur eine Frage der Zeit. Sehr viel wird hierzu das Vorgehen Rußlands mit seiner sibirischen Eisenbahn beitragen; denn C. ist sich des Vorsprungs wohl bewußt, den auf diese Weise das mächtige und vor allen andern gefürchtete Nachbarreich gewonnen hat. Ähnlich wie der Telegraph, der seit Jahren von C. Besitz genommen hat, nicht etwa durch ein Reichsgesetz eingeführt worden ist, so dürfte sich auch die Verbreitung der Eisenbahnen von einem kleinen, lokalen Anfang aus vollziehen.

Seit dem im April 1890 erfolgten Tode des Marquis v. Tsêng, der nach seiner Rückkehr von seinem Gesandtschaftsposten in England und Frankreich die Hauptvermittlerrolle zwischen europäisch-fortschrittlichen und chinesisch-konservativen Ideen übernommen hatte, ist der trotz hohen Alters noch rüstig wirkende Vizekönig der Provinz Tschili, Li Hungtschang, als einzige Stütze von eingreifendem Wirken für die Einführung europäischer Kultur übriggeblieben. Er erwarb sich seine ersten bedeutendern Verdienste bei der Unterdrückung der Taiping-Rebellen; nachdem er das Glück gehabt, im J. 1870 einen jahrelang vergeblich bekämpften Aufstand mohammedanischer Unterthanen im Nordwesten des Reiches zu unterdrücken, wurde er als Nachfolger des berühmten Staatsmannes Tsêng Kwofan, Vaters des verstorbenen ehemaligen Gesandten Marquis von Tsêng, zum Generalgouverneur (Tsungtu, von Europäern meist durch »Vizekönig« übersetzt) der Metropolitanprovinz Tschili ernannt. Dort schuf er sich eine Stellung, wie sie wohl selten ein Minister seines Ranges auf so lange Zeit bewahrt hat. Gegenüber dem aus mandschurischen Elementen bestehenden Kaiserhof ist Li Hungtschang als geborner Chinese der mächtigste Vertreter seiner Nation, und die kluge Vorsicht, mit der er es verstanden hat, seine unabhängigen, dem europäischen Fortschritt huldigenden Bestrebungen mit den Traditionen der chinesischen Regierungsformen zu vereinigen, hat ihm bald die Rolle des ersten Staatsmannes namentlich im diplomatischen Verkehr mit fremden Nationen gesichert.

Nächst ihm gehört zu den Freunden europäischen Fortschritts als einer der mächtigsten der jetzige Vizekönig der beiden Provinzen Hupe und Hunan, Tschang Tschihtung, der sich im besondern als ein wichtiger Vorkämpfer im Interesse der Eisenbahnfrage erwiesen hat. Wie die meisten höhern Beamten Chinas ein hervorragender Gelehrter und Mitglied der Akademie von Peking, genoß er schon als solcher bedeutenden Rufes, als eine mit Geschick verfaßte Denkschrift über die russischen Beziehungen zu C. im J. 1879 die Veranlassung zu seinem Eintritt in die höhere politische Laufbahn wurde. Vom Amte eines Zensors wurde er zu der wichtigen Stellung eines Gouverneurs der Provinz Schensi berufen, wo er durch die energische Rücksichtslosigkeit, mit der er die Krebsschäden des dort wuchernden Beamtenschlendrians zu beseitigen suchte, seine Thatkraft bewies. Während des Streites mit Frankreich um die Herrschaft in Tongking (1884) wurde Tschang zum Vizekönig der wichtigen Grenzprovinzen Kuangtung und Kuangsi ernannt, wo er durch Errichtung von Kriegsschulen für Landheer und Marine mit Heranziehung europäischer Kräfte, Versuche zur Anlage einer Kanonengießerei, Gewehrfabrik etc. fördernd im Sinne des europäischen Kulturfortschritts wirkte. Unter seinen Auspizien wurde in Kanton eine Münze eingerichtet, die, zunächst mit der Herstellung von Kupfermünzen beschäftigt, seit August 1890 die Prägung silberner Thaler vom Werte der im Lande kursierenden mexikanischen Dollars sowie der nötigsten silbernen Scheidemünze unternahm, eine Neuerung, die sich in aller Stille vollzogen hat und doch einen Umschwung von unabsehbarer Tragweite für die wirtschaftlichen Verhältnisse Chinas veranlassen kann. Mancherlei industrielle Schöpfungen europäischen Stiles entstanden unter seinem Schutze. Als im J. 1889 die verschiedenen Statthalter im Reiche aufgefordert wurden, Denkschriften über die Einführung von Eisenbahnen in C. einzureichen, da trat Tschang Tschihtung energisch für die geplante Linie Hankow-Tientsin ein. Die Folge war seine Berufung zum Vizekönig in Hupe und Hunan, wo er an Ort und Stelle die beste Gelegenheit zur Ausführung seiner Pläne gehabt haben würde, wenn nicht der Gedanke, daß nur chinesische Fonds dazu verwendet werden sollen, bisher sich als ein unüberwindliches Hindernis erwiesen hätte.

Als ein wichtiges Versuchsfeld für den modernen Fortschritt im europäischen Sinne, zugleich auch für die Kolonisationsbestrebungen der Regierung, dürfen wir die Insel Formosa betrachten. Es ist merkwürdig, daß ein von der Natur so reich ausgestattetes Land in der unmittelbaren Nachbarschaft des seiner Zeit in Ostasien allmächtigen Reiches, das seine Flotten unterjochend und erobernd über den Indischen Archipel bis in die indischen Kulturgebiete entsandte, den Chinesen während dieser ganzen Periode so gut