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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Französische Litteratur der Schweiz

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Französische Litteratur der Schweiz (bis 18. Jahrh.).

nallitteratur, obwohl nicht zu leugnen ist, daß auch jetzt noch die Hauptorte Genf, Lausanne, Neuchâtel und Freiburg, auf die sich die geistige Bewegung konzentriert, ihren Sonderinteressen nachgehen und im Banne des Kantonalismus jeder zentralisierenden Richtung mißtrauisch entgegentreten. Die Hauptrolle hat immer Genf gespielt, teils wegen seiner ausgezeichneten Lage, teils weil es im 16. Jahrh. der Hauptsitz der französischen Reformation wurde; seit dieser Zeit hat es europäische Bedeutung erlangt.

Die Zeit vor der Reformation hat in litterarischer Beziehung nicht viel Bemerkenswertes aufzuweisen. Einige liebenswürdige Gedichtchen des tapfern Ritters Otto von Grandson aus dem 14. Jahrh. (kürzlich entdeckt und veröffentlicht von A. Piaget, 1889), Chroniken, die von den Heldenthaten der Schweizer in den Kriegen mit Karl dem Kühnen berichten, mehrere »Mystères« und »Soties«, die zum Teil schon von hugenottischem Geiste durchweht sind, das ist alles. Die interessanteste Persönlichkeit ist noch der Gefangene von Chillon, Franz Bonivard (1493 bis 1570), dessen Chronik die mannhafte Gegenwehr der Stadt Genf gegen die Herrschaftsgelüste des Herzogs von Savoyen schildert, und der in diesen Kämpfen seine Überzeugung mit langjähriger Gefangenschaft büßen mußte. Er führt uns schon mitten in die Reformationszeit hinein; denn als er 1536 infolge der Eroberung des Waadtlandes durch die Berner seine Freiheit erhielt, hatte Farel schon die Herzen vieler Genfer Bürger der neuen Lehre gewonnen und Calvin bewogen, sich in Genf niederzulassen, Farel ging nach Neuchâtel und begründete hier die Reformation; in Lausanne wirkte Viret, ein tüchtiger Gelehrter, einflußreicher Prediger und geschickter Polemist. Calvin entwickelte in Genf eine wunderbare Thätigkeit: er begründete die Kirche angesichts der Feinde, machte die Bibel zur Grundlage des Staates, reinigte die Sitten, unterdrückte die innern Zwistigkeiten, brachte, da er eigentlich mehr Humanist als Theolog war, die Studien zu Ehren und richtete den höhern Unterricht an der neugegründeten Akademie ein, an der nun Pastoren, Lehrer und Gelehrte für ganz Europa ausgebildet wurden. Er war ein Meister der französischen Sprache (die Franzosen nennen ihn einen der Väter ihrer Sprache), und seine umfassende litterarische Thätigkeit hat hauptsächlich dazu beigetragen, Genf zu seiner einflußreichen Stellung zu erheben. Der Bücherhandel nahm einen kolossalen Aufschwung, in den Druckereien wurden die reformatorischen Schriften nicht nur für Frankreich, sondern auch für Deutschland, Holland, England gedruckt, und zahlreiche Humanisten, wie Cordier, die beiden Stephani, Hotman, Casaubonus, Beroaldus u. a., nahmen in Genf vorübergehenden oder dauernden Aufenthalt. Dazu kamen ca. 2000 Flüchtlinge aus Frankreich und Italien, die ihre Kunst und ihren Gewerbfleiß, aber auch ihre starren republikanischen Ideen und die traurige Stimmung der Verbannung mitbrachten. Calvin und seine Amtsgenossen führten ein strenges Regiment, und so konnte es nicht ausbleiben, daß sich Sitten und Lebensführung gänzlich änderten. Die Stadt bekam ein ernstes, mürrisches Antlitz; mit Härte wurde die Kirchenzucht geübt; Spiele und Zerstreuungen, Aufwand in Kleidung, in Essen und Trinken waren verpönt, jede sündhafte und unanständige Äußerung wurde streng bestraft. Nach Calvins Tod (1564) galt Theodor v. Beza unbestritten als das Haupt des französischen Protestantismus. In seiner Jugend hatte er andern Anschauungen gehuldigt, wie seine leichtfertigen Jugendgedichte beweisen; in Genf aber war er durch die mächtige Persönlichkeit Calvins bezwungen und bekehrt worden und wirkte nun 42 Jahre lang als Lehrer und Prediger mit großartigem Erfolg. In Charakter, Geschmack und Neigung das Gegenteil seines strengen Freundes, als Schriftsteller ihm nicht gewachsen, übertraf er ihn doch an Anmut und Eleganz; seine zahlreichen satirischen und polemischen Schriften zeigen den glänzenden Redner, und seine Psalmenübersetzung ist nicht ohne dichterischen Schwung. Überhaupt steht in dieser Periode fast alle litterarische Thätigkeit im Dienste der Religion, und anderseits sind die, die den Musen opferten, fast durchweg Pastoren und Pastorensöhne. So ist auch Bezas einzige Tragödie, »Le sacrifice d'Abraham«, weiter nichts als eine eindringliche Predigt, und die einzigen Gedichte, die poetisches Gefühl verraten, sind von dem Neuchâteller Pastor Blaise Hory hinterlassen. Außerhalb dieses Bannkreises steht das frostige allegorische Schauspiel »L'ombre de Garnier Stoffacher« (1584), wohl die älteste Version des Tellschusses, und die zahlreichen Reimereien, die an die berühmte »Escalade« (1602) anknüpfen; Chappuzeaus Drama »Genève délivrée« (1662) ist wohl noch die erträglichste. Den tapfern Hugenotten Agrippa d'Aubigné mochten die Schweizer gern zu den Ihrigen rechnen, weil er seine Jugendzeit und die letzten Jahre seines Lebens (1620-1630) in Genf zubrachte; allein seine dichterische Thätigkeit, besonders seine kraftvollen »Tragiques«, gehören unzweifelhaft Frankreich an.

Inzwischen hatten die Reformatoren, ihrem Prinzip getreu, überall Schulen eingerichtet, in den Dörfern Elementarschulen, in den Städten Lateinschulen, auch die Akademie von Lausanne. Aber der Zuzug von Fremden hatte bedeutend abgenommen; die Refugiés und die Humanisten wandten sich vorzugsweise nach Holland und machten dies Land zum Mittelpunkt ihrer litterarischen Thätigkeit. Das 17. Jahrh. bedeutet einen Stillstand in der geistigen Entwickelung der französischen Schweiz. Der Widerruf des Edikts von Nantes brachte neues Blut nach Genf; diesmal hatten die Naturwissenschaften und die Mathematik am meisten Vorteil davon. Auch die Opposition gegen den Calvinismus wurde starker und nachhaltiger; während noch 100 Jahre früher Sebastian Castalion, ein Gegner der Prädestinationslehre und Apostel der Toleranz (»Conseil à la France désolée«), in die Verbannung gehen mußte, wurde jetzt unter dem Einfluß Turrettinis, Professors der Kirchengeschichte seit 1694, und seines Freundes Osterwald, Verfassers des großen Katechismus und einer weitverbreiteten Bibelübersetzung (1744), die Praxis der Genfer Kirche milder und toleranter, und es konnte sich im Anschluß an den von Deutschland herübergekommenen Pietismus ein liberaler Protestantismus entwickeln, der in Marie Huber (gest. 1753) und in Béat de Muralt (gest. 1749) seine Hauptvertreter fand. Muralt ist zugleich der bemerkenswerteste Schriftsteller jener Zeit; seine »Lettres sur les Anglais et les Français« können die würdigen Vorläufer der »Lettres persanes« von Pascal und der »Lettres anglaises« von Voltaire genannt werden. Viel schroffer standen sich die politischen und sozialen Parteien gegenüber, die Négatifs, Représentants und Natifs; ihre Zwistigkeiten nahmen oft einen blutigen Ausgang und konnten zum Teil nur mit Hilfe des Auslandes beigelegt werden. Daraus erklärt sich auch die Unmasse von politischen Schriften, Satiren und Liedern, die in dieser