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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Jugendspiele

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Jugendspiele (Neuaufnahme auf deutschen Schulen).

verständlich darf die Freiheit der Jugend keine schrankenlose sein, wenn die J. nicht ausarten und selbst wieder gesundheitsschädlich werden sollen. »Daß die Jugend selbst eine mit Takt und Wohlwollen geübte Überwachung nicht als Zwang empfindet, beweist am besten der Umstand, daß sie den Lehrer, welcher auch die Freuden des Spieles mit ihr teilt, vor allen liebt und verehrt.« Der Verein hat die Freude gehabt, daß, durch den Vorgang der spielenden Schüler angeregt, bereits auch die Jugend andrer Lebenskreise (Handels- und Gewerbestand) sich den Jugendspielen zuzuwenden beginnt. Die 40. Versammlung der Philologen und Schulmänner Deutschlands, die in der ersten Woche des Oktobers 1889 in Görlitz tagte, nahm von dem ihr durch den Turnlehrer Jordan vorgeführten und durch einleitenden Vortrag des Abgeordneten v. Schenckendorff erläuterten Leben des Spielplatzes mit Anteil Kenntnis. Der Minister v. Goßler sieht darin seinen Wunsch in dem Maße verwirklicht, daß in Görlitz während des Sommers 1890 auf sein Anregen wiederholte Übungskurse für junge Lehrer von höhern Lehranstalten, Seminaren, Stadtschulen etc. veranstaltet wurden. Der weitern Verbreitung der J. in dieser Form wird leider die Umständlichkeit und Kostspieligkeit des Apparats (namentlich auch des Platzes) an vielen kleinern Orten ein schwer zu besiegendes Hindernis entgegenstellen. Auch erregt es in sonst freundlich gestimmten Kreisen Bedenken, daß die J., wenn sie einmal mit dem Schulleben in Verbindung bleiben sollen, vom Turnunterricht grundsätzlich geschieden werden. Recht geeignete Lehrkräfte werden in kleinern und mittlern Städten oft kaum zu beschaffen sein. Immerhin aber kommt schon jetzt der anregende Einfluß solcher Versuche dem gesamten, namentlich großstädtischen Schul- und Erziehungswesen mittelbar sichtlich zu gute. Eine verwandte Richtung im höhern Schulwesen Deutschlands schließt sich noch enger an das Vorbild der englischen großen Schulanstalten an und möchte die höhern Schulen, wenn nicht durchweg zu Alumnaten, so doch zu Tagesschulen (day-schools) in der Art umwandeln, daß der Aufenthalt im elterlichen Hause und der Verkehr mit den Angehörigen vornehmlich auf die ganz arbeitsfreien Abendstunden, auf den Sonntag und die Ferien beschränkt bliebe. Die tägliche Schulzeit, welche sich über den ganzen Tag ausdehnt, kann und soll dann abwechselnd in den Klassenzimmern, im Freien, in Turnhallen, auf Spielplätzen, in Werkstätten, bei der Schwimmschule, auf Ausflügen verbracht werden. So nach dem Idealbild, welches P. Güßfeldt in seiner »Erziehung der deutschen Jugend« (Berl. 1890) entwirft: »Der Tag soll (nach ihm) für sämtliche Schüler damit beginnen, daß sie ½ Stunde lang, womöglich im Freien, richtig angeordnete Freiübungen machen. Die richtige Anordnung ist die, bei welcher jede folgende Übung eine Erholung von der vorangegangenen bietet. Den Freiübungen verwandt sind die Spiele, von denen eine Anzahl aus England eingeführt werden muß. Dieselben bilden die Muskeln zwar nicht gleichmäßig aus, dafür aber einige sehr vollkommen; und sie haben vor den Freiübungen den Vorteil, daß sie das Auge und die Geschicklichkeit üben, d. h. den schnellen und wirksamen Gehorsam des Körpers gegen den Willen. Da die Spiele im Freien vorgenommen werden, so atmet die starker thätige Lunge viel frische Luft. Ein andres ihnen innewohnendes Moment ist der Wettstreit, den sie anregen; nichts spornt die Kräfte so an, wie der Wettstreit zwischen den gleichgestellten Schülern. Hier entscheidet der Erfolg, welcher Ansehen gibt, nicht der Beifall, gespendet von dem Lehrer.« Wesentlich zu den gleichen Ergebnissen in dieser Hinsicht gelangt H. Raydt in seinem inhaltreichen Buche: »Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Englische Schulbilder in deutschem Rahmen nach einer Studienreise aus der Bismarck-Schönhausen-Stiftung« (Hannov. 1889). Raydt meint, daß die J. in Deutschland nicht zu allgemeiner Verbreitung und guter Entwickelung auf den höhern Schulen gelangen werden, wenn die Regierungen sich nicht entschließen, sie ebenso obligatorisch (!) zu machen wie das Turnen. Er empfiehlt, irgendwo an geeigneter Stelle im Deutschen Reiche eine englisch-deutsche Musterschule zu gründen und in dieser etwa halb und halb englische und deutsche Knaben miteinander zu erziehen. Da könnten die deutschen Knaben von den englischen das Spielen lernen, und die deutschen Pädagogen könnten sich an solcher Musteranstalt von der Möglichkeit überzeugen, gesunde körperliche Ausbildung mit kräftiger Geistesentwickelung zu vereinen. »Gelänge es«, schreibt er, »einer solchen Schule deutsche Idealität, Gemütsleben und wissenschaftliche Gründlichkeit mit englischer Charakterbildung, körperlicher Kraft, Energie und Entschlossenheit zu vereinigen, so könnte damit eine Musteranstalt für die ganze Welt geschaffen werden.« Annähernd verwirklicht findet Raydt sein Ideal in der Stadt Braunschweig, wo die J. an einigen Anstalten obligatorisch eingeführt sind und hauptsächlich durch die eifrigen Bemühungen des Professors Koch in hoher Blüte stehen. Die Schüler der beiden dortigen Gymnasien haben vier freie Nachmittage. An einem der freien Nachmittage sind die Schüler gezwungen, zwei Stunden lang auf dem Spielplatz an den Bewegungsspielen teilzunehmen. Außer an den obligatorischen Spielnachmittagen spielen die Knaben auch an den andern freien Nachmittagen, und der Erfolg dieses seit 1876 durchgeführten Herkommens ist ein günstiger. Dennoch hält aber Raydt auch insofern an dem englisch-schottischen Muster fest, wie er die allgemeinere Ausbreitung der Alumnate an den öffentlichen Lehranstalten dringend herbeisehnt. An Fläche verlangt er nach seinen britischen Erfahrungen für den Spielplatz auf je 50 Schüler mindestens 1 Hektar. Womöglich soll der Spielplatz, der übrigens auch andern Anstalten oder Vereinen einzuräumen wäre, im Winter unter Wasser gesetzt und zum Eislauf benutzt werden.

Die äußern Schwierigkeiten, denen allgemeinere Durchführung solcher Ideen in Deutschland begegnet, brauchen nicht weitläufig dargelegt zu werden. Sie würde, von allem andern abgesehen, eine wesentliche Verteurung des Studienganges für den Staat wie für die beteiligten Kreise der Gesellschaft bedingen. Aber auch tiefer begründete Einwände sind nicht ausgeblieben. Auf dem empfohlenen Wege muß eine weitere Einengung des häuslichen Einflusses zu gunsten der Anstaltserziehung und ebenso gewiß eine Herabdrückung der Lehrziele im eigentlichen Schulunterricht herauskommen. Weder das eine noch das andere wird in Deutschland ohne schwere Bedenken aufgenommen werden. Es ist leicht gesagt, aber ein folgenschweres Wort: »Viele von den bisher gelehrten Kenntnissen fallen aus. Die Schüler werden damit auf das spätere Leben verwiesen und sollen sich zwischen 18 und 28 Jahren diejenigen Kenntnisse erwerben, welche sie für ihren Beruf oder ihre freiwillig geübte wissenschaftliche Thätigkeit gebrauchen.« Nicht jeder wird durch Güßfeldts Berufung auf ein gelegentlich hingeworfenes Paradoxon