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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kunstausstellungen d. J. 1890 in Deutschland

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Kunstausstellungen d. J. 1890 in Deutschland (Dresden).

rakteristik so mannigfaltig, wie die Natur selbst ist, zu gestalten und die Schönheit und Anmut der menschlichen Körper in allen ihren Vorteilen für die plastische Kunst auszubeuten. Dadurch haben die berechtigten Forderungen des naturalistischen Stiles eine gebührende Berücksichtigung erfahren, ohne daß der monumentale Stil in malerische Willkür und Verwilderung geraten ist. Auch diejenigen Bildhauer, die vorzugsweise im malerisch- naturalistischen Stile schaffen, haben durch ein intimes Naturstudium wieder eine größere Mäßigung und Ruhe gewonnen, die nun einmal zu den Daseinsbedingungen der Plastik gehört. Der Bahnbrecher der Richtung, R. Begas, war mit einer Marmorbüste der Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen vertreten, die so einfach, mit so selbstloser Unterordnung unter die Natur, so objektiv behandelt ist, daß man an die florentinischen Realisten des 15. Jahrh. erinnert wird. G. Eberlein hatte in einer verwundeten Nymphe, der ein Hirt einen Dorn aus dem Fuße zieht, und in einem Knaben, der einen Zweig zu einem Bogen biegt, wieder seine große Gewandtheit in der malerischen Komposition und in der Marmortechnik bewährt. Emil Hundrieser, M. Klein (Kentaur und Nymphe), B. Roemer, ein eifriger Vertreter der Polychromie, P. Otto (Bronzefigur einer Vestalin), K. v. Üchtritz, ein Schüler Tilgners, der mit Vorliebe frei stehende und Wandbrunnen, Figuren für dekorative und kunstgewerbliche Zwecke und Büsten im Barock- und Rokokostil komponiert, und Max Unger gehören derselben Richtung an, die das malerische Element in der Plastik zu starker Geltung bringen will. Neben diesen Vertretern zweier Schulen, die eine Zeitlang in entschiedenem Gegensatz standen, sich aber jetzt mehr und mehr berühren, thaten sich noch Ludwig Manzel durch eine schwungvoll komponierte und mit feinstem Formenverständnis durchgeführte Gruppe: Friede durch Waffen geschützt, M. Lock durch eine aus sechs Figuren bestehende kolossale Gruppe einer durch Tiefe und Wärme der Empfindung ausgezeichneten Kreuzabnahme, Hans Latt durch die von ernstem Studium des nackten Körpers zeugende Figur einer Nymphe, die eine Schlange tränkt, und der Tierbildner Richard Rusche durch eine Reihe von bronzenen Jagdhunden hervor, die mit vollendeter Naturwahrheit nach ihren Rasseeigentümlichkeiten charakterisiert sind.

In der Malerei lag der Schwerpunkt auf der Marine-, Landschafts- und Tiermalerei, die jetzt mit besonderm Eifer gepflegt werden. Insbesondere hat die Marinemalerei eine Anzahl begabter Künstler aufzuweisen, die durch ihre größere koloristische Virtuosität und durch die Leichtigkeit des modernen Reiseverkehrs es dahin gebracht haben, daß durch sie selbst E. Hildebrandt in den Hintergrund gedrängt worden ist. Karl Saltzmann, der Begleiter des Kaisers auf seinen Nordlandsfahrten, H. Hendrich, der seine See- und Strandbilder mit Figuren und Vorgängen aus der nordischen und germanischen Heldensage staffiert, Richard Eschke, der jüngst die Plankton-Expedition begleitet und dadurch Gelegenheit zu Ozeanstudien unter allen Witterungsverhältnissen gefunden hatte, H. Bohrdt und der aus Hamburg gebürtige, jetzt in Berlin ansässige Schnars-Alquist sind die Hauptvertreter der modernen Marinemalerei, die in der Wahl ihrer Motive keine Grenzen kennt und vor keinem der Farbenprobleme zurückschreckt, die das Weltmeer in unerschöpflicher Fülle bietet. Aus der großen Zahl der alten und jungen Landschaftsmaler, die gegenwärtig in Berlin auf der Höhe stehen, heben wir als besonders charaktervolle Erscheinungen E. Bracht, W. Bröker, L. Douzette, Th. v. Eckenbrecher, H. Eschke, Eduard Fischer, P. Flickel, H. Gude, Hans Herrmann, Franz Hoffmann-Fallersleben, E. Körner, Konrad Lessing, A. Leu, K. Ludwig, A. Normann, F. Possart, K. Rahtjen, Paul Söborg und Paul Vorgang hervor. Die Tiermalerei, die mehr auf die Darstellung der wilden Tiere in der freien Natur ausgeht, im Gegensatz zu Paul Meyerheim, der seine Studien zumeist in zoologischen Garten und Tierbuden gemacht hat, besitzt in R. Friese und W. Kuhnert zwei hervorragende Vertreter. Aus Düsseldorf ist in Heinrich Hartung ein Landschaftsmaler hervorgegangen, der in Darstellungen aus den Rheingegenden (Siebengebirge, Sommer, Frühling) eine koloristische Kraft und eine Poesie der Stimmung entfaltet hat, die ihn als einen ebenbürtigen Nachfolger Oswald Achenbachs ausweisen.

III. Die zweite internationale Ausstellung von Aquarellen, Pastellen, Handzeichnungen etc. in Dresden.

Der große Aufschwung, den die Aquarellmalerei und die Zeichnung mit Pastellstiften nach dem Vorgang der Engländer, Franzosen und Italiener neuerdings in Deutschland genommen, hatte die Dresdener Kunstgenossenschaft auf den Gedanken gebracht, im J. 1887 eine internationale Ausstellung von Aquarellen und Pastellzeichnungen zu veranstalten, die ein ziemlich anschauliches und umfassendes Bild von den damaligen Leistungen in jenen beiden malerischen Techniken in den Hauptkunstländern Europas gab und in Deutschland manch ein hervorragendes Talent des Auslandes (wir nennen als das bedeutendste den Italiener Gustavo Simoni) zum erstenmal bekannt machte. Der günstige Erfolg dieser Ausstellung ermutigte zu einer zweiten, die mit erweitertem Programm in den Monaten August und September 1890 stattfand und, was die Beteiligung von seiten der Künstler betraf, unter den gleichzeitigen Ausstellungen in München und Berlin nicht zu leiden hatte. Sie enthielt über 2500 Nummern, unter denen sich freilich eine große Anzahl von Tusch-, Feder- und Bleistiftzeichnungen befand, die bereits in illustrierten Zeitungen und Büchern reproduziert worden waren. In diesen Blättern zeigt sich aber ganz besonders der große Fortschritt, den die zeichnerische Technik, der Geschmack, die Eleganz und die Lebendigkeit der Darstellung und das Geschick in der Erfassung eines dankbaren Moments in den letzten Jahren in Deutschland gemacht haben. Die Münchener René Reinicke (s. d.), Chr. Speyer, E. Unger und P. Bauer, der Wiener W. Gause, der Leipziger O. Gerlach und der in Berlin lebende Fr. Stahl können sich in Bezug auf geistreiche Auffassung und Darstellung mit den besten französischen Illustratoren messen, vor denen sie meist noch eine größere Frische des Humors und Tiefe der Empfindung voraus haben.

Einen internationalen Charakter hatte die Dresdener Ausstellung freilich nur in sehr bescheidenem Maße, da England fast ganz ausgeblieben und Frankreich, Holland, Belgien, Rußland, Spanien und die norwegischen Länder numerisch nur sehr schwach vertreten waren. Am zahlreichsten hatten sich die Künstler Italiens beteiligt, das wie kaum ein zweites Land auf den Absatz seiner künstlerischen Erzeugnisse im Ausland angewiesen ist. An ihrer Spitze stand wiederum der Römer Gustavo Simoni, dessen aquarellierte Szenen aus dem Volksleben in Italien und Algier, zum Tell mit architektonischem Hintergrund, den Charakter der Volksrassen mit großer Schärfe wiedergeben und eine Leuchtkraft und Tiefe des Kolorits zeigen, die andre Künstler vor ihm der Wasser-^[folgende Seite]