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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Pädagogische Litteratur 1880-90

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Pädagogische Litteratur 1880-90 (praktische Pädagogik).

und -Klage, die sich bald mehr und mehr zur Beschwerde über die durchschnittlich mangelhafte pädagogische Vorbildung des höhern Lehrerstandes zuspitzte, ward dieser Lehrerstand mächtig erregt, teils zur Abwehr ungerechter und übertriebener Angriffe, teils zur Selbstprüfung und zum Streben nach Abstellung der wirklich vorhandenen Mängel, auf die von einsichtigen Männern innerhalb des Kreises der Beteiligten längst aufmerksam gemacht worden war. Zugleich aber erhielt durch diese Angriffe der in das höhere Schulwesen selbst tief eingedrungene Gegensatz der humanistischen und der realistischen Richtung neuen Zündstoff, den die anderweite Festsetzung der Lehrpläne für beiderlei Anstalten trotz der darin den Realschulen erster Ordnung, nun Realgymnasien genannt, gemachten Konzessionen nicht zu neutralisieren vermochte. Wie das Streben nach zweckmäßigerer praktischer Vorbildung des höhern Lehrerstandes zum vorläufigen Abschluß gekommen, ist im Artikel Seminare (pädagogische), und wie der hauptsächlich durch jenen innern Zwiespalt erweckte und genährte Ruf nach Reform der höhern Schulen bisher gewirkt hat, ist im Artikel Höhere Lehranstalten dieses Bandes näher dargelegt. Dort ist auch aus der überreichen Speziallitteratur das Nötigste angeführt. Hier kann nur in Frage kommen, welche Früchte die Erregung und Bewegung für die praktische Litteratur des höhern Schulwesens getragen hat. Unter der erhöhten Nachfrage nach pädagogischer Belehrung und Orientierung hat die »Erziehungs- und Unterrichtslehre für Gymnasien und Realschulen« von W. Schrader (zuerst 1868) bereits die 5. Auflage (Berl. 1889) erlebt. Das Werk ist im einzelnen dabei fortgeschritten und gereift. Enger hat der Verfasser sich an Lotze in den philosophischen Voraussetzungen angeschlossen. Die aufmerksame Verfolgung der höhern Schulen in ihrem Fortgang seit 1882 hat den greisen Schulmann nur in der Überzeugung bestärkt, daß an dem Wesen unsrer Gymnasien nichts zu ändern, ihre Gestalt aber noch enger ihrem idealen Zwecke anzupassen sei. Auch Schraders Schrift über die »Verfassung der höhern Schulen« hat inzwischen mehrere neue Auflagen erfahren. Vielleicht hat doch der Verfechter der humanistischen Tradition zu sehr übersehen, daß in den Klagen und Wünschen der Reformer mit dem wüsten Geschrei fanatischer Gegner der altbewährten Gymnasialbildung sich auch solche Stimmen mischen, welche gerade, um dieses Gut neben den berechtigten Ansprüchen einer neuen Zeit zu erhalten, zum Maßhalten und zur Selbstbeschränkung mahnen. Immerhin kann man sich nur freuen, daß auch seine bewährte und geachtete Stimme bei der Berliner Beratung im Dezember 1890 zu vollem Gehör gekommen ist.

Von der Überzeugung durchdrungen, daß weniger in den Grundlagen und Grundzügen als in der Ausgestaltung und Ausführung an den höhern Schulen Preußens und Deutschlands doch manches der Verbesserung bedürftig wäre, traten seit Beginn des letzten Jahrzehnts zwei Männer zugleich praktisch und litterarisch in die Bresche, die seitdem wesentlichen Einfluß auf den Gang der Dinge gewonnen haben: O. Frick in Halle und H. Schiller in Gießen. Litterarisch griff Frick, Direktor der Franckeschen Stiftungen, zuerst mit seiner schon oben erwähnten Schrift über das Franckesche »Seminarium praeceptorum« in die Bewegung der Zeit ein, das er trotz entgegenstehender Bedenken der Behörden, auf sein geschichtliches Recht gestützt, inzwischen wieder erweckt hatte. Sodann schuf er sich in der Zeitschrift »Lehrproben und Lehrgang«, begründet mit G. Richter, fortgesetzt mit L. Meier (Halle, seit 1885), ein Organ, in dem er in den verschiedensten Formen seinen Grundgedanken: Vertiefung und Klärung der Pädagogik und Methodik für die höhern Schulen zum Ausdruck und zur Geltung brachte. Er knüpfte dabei namentlich im Anfang mehrfach an die Pädagogik der Volksschulen und Volksschullehrerseminare sowie an die Formen der Herbart-Zillerschen Methodik an, ohne seine ursprüngliche, humanistische Grundrichtung zu verleugnen. Auch die 1886 auftauchende Einheitsschulbewegung war ihm willkommen, weil sie eine Vereinfachung des höhern Schulwesens und wohl in seinem Sinne die Aufsaugung der Zwittergestalt des Realgymnasiums verhieß. »Über die Möglichkeit der Einheitsschule« (Hannov. 1887) handelte die von ihm verfaßte erste der Vereinsschriften. Sonst beschränkte Frick sich, abgesehen von der Herausgabe von Schulausgaben und Anleitungen für die schulmäßige Behandlung deutscher Klassiker, auf einzelne Aufsätze in seiner Zeitschrift. Diese benutzte auch H. Schiller, Professor der Pädagogik und Gymnasialdirektor zu Gießen, wiederholt zu Mitteilungen über seine Seminarthätigkeit und damit zusammenhängende Fragen. Er trat aber gleichzeitig mit mehreren selbständigen Werken auf den Plan, die seinem weithin anregenden Wirken erst den rechten festen Nachdruck geben sollten. Seinem schon oben besprochenen »Lehrbuch der Geschichte der Pädagogik« war das »Handbuch der praktischen Pädagogik für höhere Lehranstalten« (2. Aufl., Leipz. 1890) vorausgegangen. Beiden folgte die Schrift »Pädagogische Seminarien für das höhere Lehramt; Geschichte und Erfahrung« (Leipz. 1890). Es hat den Anschein, als solle Schillers Votum über die Verfassung und Gliederung des höhern Schulwesens in den Hauptsachen für die weitere Entwickelung maßgebend sein. Klarer und praktischer Sinn spricht aus allem, was er schreibt und vorträgt, so daß die gesunde Fortentwickelung sich kaum weit von der darin angedeuteten Bahn entfernen kann. In der ersten Auflage der »Praktischen Pädagogik« sagt er, daß in ihr nirgend bloße Theorie vorgetragen werde, vielmehr alles aus der Praxis erwachsen und besonders entstanden sei aus den Bedürfnissen langjähriger theoretischer und praktischer Einführung junger Lehrer in das Lehramt. Wirklich ist ihm gelungen, ein hervorragend praktisches Buch zu liefern, dem jedoch darum nicht die feste und klare, aber kurze und bündige psychologische, in der 2. Auflage auch ethische Begründung (namentlich nach Wundt gearbeitet) fehlte. Verwandt in der Grundrichtung mit Schiller, aber schärfer in der Tonart gegenüber den Kritikern des Gymnasiums und den einseitigen Lobrednern der Realschulbildung ist der bekannte Historiker O. Jäger, dessen Schrift »Aus der Praxis; ein pädagogisches Testament« (2. Aufl., Wiesb. 1885) mit nachträglichen Aufsätzen in Fachzeitschriften wesentliches Gewicht in die Wagschale des humanistischen Gymnasiums gelegt hat. Einen völlig andern, geradezu entgegengesetzten Standpunkt nimmt Kl. Nohl ein in seiner »Pädagogik für höhere Lehranstalten« (Berl. u. Gera 1886-90, 4 Bde.). Er ist erklärter Schulreformer und mischt überall in die Fragen der Praxis die Grundfrage der Organisation. Er ist Gegner des Gymnasiums in seiner heutigen Gestalt; die lateinische Sprache scheint ihm für kleinere Knaben nur geeignet, sie denkträge zu machen. Die seltsamsten unter allen höhern Lehranstalten sind ihm die Realgymnasien, die, ursprünglich für Nichtstudierende geschaffen, gegenwärtig keinen höhern Ehrgeiz kennen, als Vorschulen für die Universität in möglichst vie-^[folgende Seite]