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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Säugetiere

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Säugetiere (Stammesgeschichte).

ryumnitrat dargestelltes Baryumoxyd in stehenden Retorten auf etwa 800° erhitzt und kohlensäurefreie trockne Luft unter einem Druck von einer Atmosphäre hindurchgepreßt. Der Baryt verwandelt sich hierbei in Baryumsuperoxyd. Nach genügender Sauerstoffaufnahme wird der Druck vermindert, bis eine Luftverdünnung, entsprechend 700 mm Quecksilbersäule, entsteht, wobei der aufgenommene S. wieder abgegeben wird. Die ganze Operation der Aufnahme und Abgabe von S. dauert etwa 10 Minuten und kann an einem Tage 100mal wiederholt werden. Das erhaltene Gas enthält 90-96 Proz. S. und wird zum Versand unter einem Druck von 120 Atmosphären in Stahlcylinder gepreßt. Man benutzt den S. in der Bleicherei, wo er in Verbindung mit unterchlorigsaurem Natron gute Dienste leistet, beim Entschwefeln des Leuchtgases, beim Entfuseln von Alkohol, zur Beschleunigung des Ausreifens geistiger Getränke etc., auch dürfte er sich zur Erzeugung sehr hoher Temperaturen bei metallurgischen Prozessen mit Vorteil verwenden lassen.

Säugetiere (Alter). Die ältesten bekannten S. stammen aus der Trias von Württemberg, Nordamerika und vom Kapland. Häufiger werden dieselben in der Juraperiode, und zwar kennt man derartige Reste aus England und Wyoming. Auch in der Kreide von Dakota und Wyoming wurden kürzlich S. nachgewiesen. Alle diese mesozoischen Formen haben mit Ausnahme des Tritylodon vom Kap nur Maulwurf- bis Igelgröße. Dem Gebiß und mithin der Lebensweise nach lassen sich deutlich zweierlei Typen unterscheiden: Insekten- oder Fleischfresser einerseits und Pflanzenfresser anderseits. Die erstern schließen sich, abgesehen von der auffallend hohen Zahl der Backenzähne, sehr eng an die noch lebenden Insektivoren und Beutelratten an, einige erinnern auch an den australischen Myrmecobius und sind auch zum Teil wohl wirkliche Beuteltiere. Die letztern dagegen zeigen einen ungemein komplizierten Bau der Backenzähne, aus zahlreichen, in zwei oder drei Reihen angeordneten Höckern bestehend, während die Schneidezähne mit jenen der pflanzenfressenden Beuteltiere (Känguruhs) übereinstimmen. Diese altertümlichen Pflanzenfresser werden als Multituberkulaten bezeichnet und dürfen wohl als Monotremen betrachtet werden, denn auch das lebende Schnabeltier besitzt in der Jugend ganz ebensolche Backenzähne. Die letzten dieser Multituberkulaten kennt man aus dem Eocän und zwar aus dem Puercobed von New Mexico und von Reims sowie aus Argentinien, hier jedoch zweifellos aus einer viel jüngern Ablagerung. Für die Tertiärzeit kommen zwei Hauptentwickelungszentren der S. in Betracht, nämlich Mitteleuropa und das westliche Nordamerika. In Nordamerika ist eine ununterbrochene zeitliche Aufeinanderfolge der einzelnen Faunen zu beobachten und mithin die fortschreitende allmähliche Entwickelung sehr vieler Säugetierstämme aufs genaueste zu verfolgen. Aber auch Europa bietet in dieser Hinsicht für viele Formen recht schlagende Beispiele.

Die ältesten Tertiärbildungen Nordamerikas enthalten fünfzehige Huftiere mit bunodontem Gebiß, die hintern Backenzähne noch aus Höckern bestehend, die vordern sehr einfach gebaut; die Schneide- und Eckzähne wie bei Fleischfressern gestaltet. Immerhin lassen sich jedoch schon unter diesen primitiven Huftieren (Kondylarthren) die beiden Gruppen der Unpaar- und Paarhufer erkennen. Zugleich schließen sich diese Kondylarthren auch in ihrer ganzen Organisation sehr innig an die primitiven Fleischfresser (Kreodonten) an, welche sich von den echten Karnivoren nur durch die Gleichartigkeit und hohe Zahl der hintern Backenzähne sowie durch gewisse Verhältnisse im Bau der Handwurzel unterscheiden. Ebenso gehen sicher auch die Insektenfresser, Halbaffen und Affen, vermutlich auch die Nager und selbst die Edentaten auf Kreodonten zurück, und die letztern erscheinen mithin als der generalisierte Typus aller landbewohnenden Placentalier. Halbaffen und affenähnliche Formen treten allerdings auch bereits im Puercobed auf, die große Teilung der Kreodonten in die genannten Gruppen muß mithin schon zu Ende der Kreidezeit stattgefunden haben.

Eine der Puercofauna sehr ähnliche Tiergesellschaft treffen wir auch in Europa, in der Gegend von Reims, doch fehlen hier die fünfzehigen Huftiere, die Kondylarthren, auch hat fast keine der hier vorkommenden Formen Beziehungen zu jüngern Säugetiertypen, nur der bärenartige Kreodont Arctocyon erhält sich noch eine kurze Zeit lang in Europa. Alle S. der spätern Tertiärzeit stammen wohl von Typen des nordamerikanischen Puercobed.

In Nordamerika hat man die auf das Puercobed folgenden Ablagerungen als Wasatch-, Bridger-, Uinta-, White River-, John Day-, Loupforks- und Equusbed unterschieden. Die letztgenannte Ablagerung gehört schon dem Diluvium an. Im allgemeinen ist jede einzelne der in diesen Horizonten vorkommenden Faunen weiter nichts als die direkte Fortsetzung der vorausgehenden Tiergesellschaft, wobei die Glieder der einzelnen Säugetierstämme sich immer mehr jener Organisation nähern, welche sie in der Gegenwart zur Schau tragen. So erfahren die Huftiere, die als Kondylarthren noch fünf Zehen und niedrige, aus Höckern bestehende Backenzähne besessen haben, eine allmähliche Reduktion der Zehenzahl und eine Erhöhung der Zahnkrone, wobei die Kaufläche selbst eben wird. Dieser Vorgang ist namentlich schön zu beobachten bei den Pferden. Zuerst wird die Zahl der Zehen auf vier am Vorder- und drei am Hinterfuß beschränkt (Orotherium), und die vordern Backenzähne nehmen allmählich die Gestalt von Molaren an (Epihippus), dann verliert auch det Vorderfuß den vierten Finger (Anchitherium), dann wird die Zahnkrone immer höher und die Mittelzehe immer kräftiger, während die Seitenzehen sich zu bloßen dünnen Anhängseln umgestalten (Protohippus); die Seitenzehen verlieren später ihre Fingerglieder (Pliohippus) und verschwinden zuletzt fast vollständig (Equus). Gleich dem Pferdestamm zeigen auch die Rhinozeroten die Reduktion der Zehenzahl, zuerst vorn vier und hinten drei (Amynodon), sowie die allmähliche Komplikation der vordern Backenzähne (Diceratherium, Aphelops). Sie erscheinen in Nordamerika nur wenig später als die Pferde, mit ihnen zugleich treten daselbst auch Tapire (Hyrachius, Systemodon) auf, sie verlegen aber dann von Mitte der Tertiärzeit ihren Wohnsitz nach der Alten Welt, während die Pferde bis ins Diluvium vorwiegend in Nordamerika verweilen und nur von Zeit zu Zeit einzelne Vertreter nach der Alten Welt entsenden, die jedoch daselbst stets früher oder später wieder gänzlich erlöschen. Tapire kehren erst im Pliocän wieder nach Amerika zurück. In der Zwischenzeit werden sie gewissermaßen ersetzt durch die schlanken, dreizehigen Triplopus und Hyracodon, deren Backenzähne jedoch den Bau der Rhinozeroszähne zur Schau tragen.

Ein ausgestorbener, für Nordamerika sehr wichtiger Unpaarhuferstamm ist jener der Brontotheriiden. Diese beginnen gleichzeitig mit den Pferden, Rhinoze-^[folgende Seite]