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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Theologische Litteratur

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Theologische Litteratur (Strömungen der Gegenwart).

sten viel subtilerer Kontroversen ein für allemal abgethan, endgültig vom Tische des hohen Hauses der geistlichen Angelegenheiten verschwunden, um freilich gleichzeitig im Hause der Gemeinen, im profanen Sprechsaal nicht bloß der zünftigen Philosophie, sondern auch einer Popularphilosophie, welche in der unmittelbaren Gegenwart ihr Publikum so reichlich wie nur je findet, noch immer lebhafteste Verhandlungen hervorzurufen. Aus einer großen Reihe derartiger Veröffentlichungen führen wir, nicht weil sie die bedeutendsten, sondern nur weil sie die letzt erschienenen sind, an: F. Staudingers »Sonst, Heut und Einst in Religion und Gesellschaft« (Leipz. 1889), Stanton Coits von Gizycki übersetztes Buch »Die ethische Bewegung in der Religion« (das. 1890) und die »Lebensfragen« von K. J. Schott (das. 1890). An letzterm Orte z. B. lesen wir: »Übersinnliches, d. h. etwas, was wir mit unsern Sinnen nicht zu erkennen vermögen, wird es jedenfalls geben, aber es ist uns versagt, dasselbe zu entdecken, wir können nichts davon wissen, vermögen nur daran zu glauben, haben aber nicht die geringste Gewähr der Richtigkeit unsers Glaubens. An das Dasein eines übersinnlichen Gottes können wir glauben, aber dem Gottesleugner ist ebenfalls sein Recht nicht zu bestreiten. Der Begriff Gottes ist nicht widerspruchslos zu bestimmen« (S. 113).

Derartige Bestrebungen beschränken sich keineswegs auf Deutschland. Sie treten in ernst zu nehmender und Achtung gebietender Gestalt (von der leichten und leichtsinnigen Tageslitteratur sehen wir hier ab) besonders in Großbritannien und Nordamerika zu Tage. Dort hat der bekannte Naturforscher Huxley eine unter dem Namen des Agnostizismus weitverbreitete Lebensansicht begründet, welcher zufolge über die Erfahrung hinaus nichts wißbar ist, daher die Existenz eines persönlichen Gottes weder bewiesen noch geleugnet werden kann. Die Opposition, welche diese Richtung besonders auch auf geschichtlichem Gebiete dem herrschenden Supranaturalismus bereitet, greift allenthalben tief in die Tagesdebatten der englischen Presse ein, und noch 1889 sahen wir Huxley selbst und theologische Gegner, wie Wace und Selby, sich in den Spalten der Zeitschrift »The Nineteenth Century« über den Agnostizismus überhaupt und über die evangelische Erzählung (Mark. 5) von den Schweinen zu Gadara insonderheit bekämpfen. Der Sprecher der Ethischen Gesellschaft in London (South-Place), Stanton Coit, dessen Werk wir oben angeführt haben, protestiert zwar dagegen, eine agnostische Sache zu vertreten, aber nur deshalb, weil seine Gesellschaft als solche überhaupt keine Theorie in Bezug auf die Grenzen des Erkennens besitze. Im übrigen aber handelt es sich für ihn um die Aufgabe, ethische Kultur an Stelle der religiösen Metaphysik zu setzen.

In Amerika hat ein deutscher Philolog und Philosoph, für welchen die kirchlich beeinflußte Schuldisziplin seines Vaterlandes zu viel Beengendes mit sich brachte, Paul Carus, einen ähnlichen, aber doch die Beschränkung unsers Wissens lediglich auf die Erscheinungswelt verwerfenden Standpunkt in einem Werke begründet, welches unter dem Titel: »Fundamental problems« (Chicago 1889) eine mit ausgezeichneter Klarheit und edler Popularität geschriebene Anleitung zur Erfassung und Bearbeitung der höhern Lebensfragen enthält. Auch die religiösen Fragen werden so gut wie die metaphysischen, erkenntnistheoretischen und ästhetischen berührt. Christus ist als sittlicher Genius gewürdigt, als Kopernikus der Ethik. Aber »Christus und Christentum sind gänzlich verschiedene Dinge, und wenn der Christus der Evangelien unter die Seinigen zurückkehren wollte, so würden die Seinigen ihn nicht aufnehmen«. Gott ist weder mit der Natur noch mit dem psychischen Prinzip in derselben zu verwechseln, sondern im ethischen Fortschritt aufzufinden (»The idea of God«, 2. Aufl., Chicago 1889). In diesem Geiste redigiert der Genannte seit 1887 die Zeitschrift »The Open Court«, welche die amerikanischen Leser fortwährend auf dem Laufenden erhält bezüglich der Vorkommnisse auf naturwissenschaftlichem, philosophischem, nationalökonomischem und ästhetischem Gebiet und dabei nie die Fühlung mit den sittlichen und religiösen Interessen aufgibt, ja letztern nicht selten in Betrachtungen und Gedichten förderlich entgegenkommt.

Doch wir verlassen die Vorhallen dieser unzünftigen Gottesgelehrtheit, gleichsam einer »Theologie außerhalb der Theologie«, um uns den innerhalb der Fakultät begegnenden Erscheinungen und den Vorkommnissen des spezifisch theologischen Büchermarktes zuzuwenden. Hier nimmt trotz des am 20. März 1889 erfolgten Todes ihres Hauptes die Schule Albrecht Ritschls noch immer die Aufmerksamkeit in erster Linie in Anspruch. Dieselbe gründet die Religion ausschließlich auf die praktische Seite im menschlichen Geistesleben, insbesondere auf die sittliche Forderung, deren Erreichbarkeit nur für eine Weltbetrachtung, die unter dem Gesichtspunkt Gottes sich vorzieht, feststehen kann. Indem man so die Religion aus dem Kontrast zwischen der äußern Abhängigkeit des Menschen von dem gegen sittliche Zwecke gleichgültigen Naturmechanismus einerseits, der innern Freiheit oder übernatürlichen Bestimmung des Geistes anderseits entspringen läßt, ist das Absehen besonders darauf gerichtet, sie ganz selbständig zu stellen gegenüber der Metaphysik, ja letztere, die in ihrem Begriff vom Absoluten nur ein leeres Gedankenbild, die Negation der Welt erreicht hat, durch erstere zu ersetzen. Diese Theologie denkt über Theologen, welche noch immer von Gott im Sinne des Aristotelischen »ersten Bewegers« oder des »höchsten Wesens« der Aufklärungsperiode denken und reden, genau so wie jener oben zitierte Popularphilosoph Schott: Gott sei für sie im Grunde doch nichts weiter, »als ein inhaltloses Wort, eine Bezeichnung für etwas ihnen völlig Unbekanntes; sie gebrauchen ein hochklingendes Wort, das allen heilig ist, und glauben damit im religiösen Zusammenhang mit der Masse ihrer Mitmenschen zu bleiben, vergessen aber, daß ihr Gott außer dem Namen nicht das geringste mit dem persönlichen, gnadenvollen Gotte unsers Volkes gemein hat« (S. 106). Hier also zweigt sich von der populären Evolutionstheorie, welche als einzig Wißbares über Weltzusammenhang und Lebensaufgabe übrigbleibt (S. 114 f.), die »religiöse Weltanschauung«, wie sie auch bei Ritschl eine Rolle spielt, in der Weise ab, daß jene es offen bekennt, das Weltall bereite dem einzelnen kein besonderes Glück, erspare ihm keinen Schmerz, übe keine Barmherzigkeit etc. (S. 134), der Mensch könne daher freilich nicht zu ihm beten, habe aber auch überhaupt »keine Ursache, keinen Anspruch, eine Ausnahmestellung in der Welt einzunehmen« (S. 135), wohl aber sei »die große Anmaßung aufzugeben, es müsse dem Menschen in der Not und für jeden Wunsch stets ein allweiser, allgütiger, allmächtiger Gott zur Verfügung stehen« (S. 137).

Letzteres ist nun zwar in solcher Fassung keineswegs die Meinung auf der theologischen Gegenseite, wo man aus der zugegebenen Unmöglichkeit, über Gottes