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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Delos - Denudation
stiegende Göttin darstellen, doch reicht das technische Können noch nicht ans. Wir sehen eine langbekleidete weibliche Gestalt mit Flügeln auf dem Rücken und an den Schultern, die auf den ersten Anblick auf dem linken Knie zu ruhen scheint; doch ist damit nur die energische Bewegung eines eilenden Laufes gemeint. Das Antlitz zeigt das grinsende Lächeln, mit welchem die älteste griechische Kunst die Gesichter zu beleben suchte. Diese Nike wird ins Ende des 7. oder in den Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts gehören. Endlich ist eine ganze Reihe von lebensgroßen, stehenden weiblichen Figuren der entwickeltern archaischen Kunst vorhanden, wahrscheinlich alte Priesterinnen, in lang herabhängenden Gewändern und auf der rechten Schulter gehefteten, unter der linken Achsel durchgezogenen Mänteln mit zierlich gefälteltem Überschlag; die Linke hebt das Gewand etwas empor, die Rechte ist vorgestreckt. Zwei altertümliche, streng stilisierte Reitxrfiguren reihen sich an. Das Bedeutendste von alter Kunst sind die beiden großen, am Boden liegenden Trümmer des marmornen Apollonkolosses, welchen laut der noch erhaltenen Inschrift aus dem6.Jahrh, die Naxier geweiht hatten. Die noch an Ort nnd Stelle befindliche Basis ist 5,18 in lang und 3,5u m breit.
Die schönste der in D. gefundenen Statuen gehört etwa der Zeit der pergamenischen Kunst an und erinnert an die Gallierstatuen, deren berühmteste, der sterbende Gallier, jetzt im kapitolinischen Museum zu Rom steht. Auch die delische Statue, leider nicht ganz erhalten (Kopf und linker Arm fehlen), stellte einen zusammengesunkenen Krieger dar; er stützt sich auf das rechte Knie, der erhobene linke Arm hielt den Schild empor, um sich gegen einen nicht dargestellten Gegner zu decken (jetzt in Athen). Ebenfalls zu Athen aufgestellt sind zwei plastische, gewaltsam bewegte Gruppen, welche auf der Spitze der Giebcldreiecke eines Tempels als Bekrönungen angebracht waren und, einander entsprechend, den Raub der Oreithyia durch Boreas und den Raub des Kephalos durch Eos darstellen. Es sind jedesmal vier Figuren, der Räuber in der Mitte hält die Geraubte hoch in die Höhe (der Krönung des Giebels entsprechend), nach beiden Seiten fliehen je eine Begleiterin. Die Gruppen sind außerordentlich kühn komponiert und ausgeführt und erinnern dadurch an die herabschwebende Nike des Paionios aus Olympia. Die delischen Gruppen gehören wahrscheinlich an das Ende des 5. Jahrh. v. Chr.
Die Bauten lagen innerhalb eines rings von einer Mauer umschlossenen heiligen Bezirks (s. den Plan auf S. 175), ähnlich der Altis von Olympia, in unmittelbarer Nähe des Meeresufers, so daß man von dem langen, wohlgemauerten Hafenkai sofort in den geweihten Bezirk eintrat. Lange Hallen umgaben auch hier das Innere des weiten Hofes, säulengeschmückte Thorbauten führten hinein. Das vornehmste Gebäude war der Tempel des Hauptgottes, des Apollon.
Es war ein dorischer Peripteros, dessen Dimensionen etwa denen des Theseions von Athen nahekommen; er stand des unebenen Terrains wegen auf einer gemauerten Terrasse. Der dreistufige Unterbau ist ^9,50 in lang und 13,55 in breit, die Stufen sind aus parischem Marmor. Er trägt eine ringsumlaufende dorische Säulenhalle von je 6 Säulen in der Fronte, je 13 an den Seiten. Ihre Höhe betrug 5,20 m, bei einem Bafisdurchmeffer von0,!)5in. Die Kannelierung der Säulen ist nur angefangen. Die Cella war innen 11,50 in lang und 5,60 in breit; vorn und hinten war je eine zweisäulige Vorhalle vorgelegt. Die Details
sind sorgfältig ausgeführt. Der Bau fällt wahrscheinlich in den Anfang des 4. Jahrh. Außerdem verzeichnet der französische Plan der Ausgrabungen an Tempeln noch einen des Dionysos, einen alten und einen neuen der Artemis und mehrere bei dem Mangel der schriftlichen Überlieferung für uns namenlose. Beide Artemisheiligtümer liegen an der Westseite des heiligen Bezirks, innerhalb eines besondern, von Mauer u. Säulenhallen umgebenen großen Hofes, ganz nahe am Meere. Nnter den großen Hallen, welche zu Festversammlungen dienten, ist besonders die sogen.
Stierhalle an der Ostseite, der Landseite, zu bemerken.
Sie ist 67,20 m lang und 8,8«in breit. Außerdem ist noch eine große Anzahl andrer bis jetzt noch nicht genau bestimmbarer Bauwerke gefunden worden. Zwischen all den Bauwerken stehen zahlreiche Postamente, wohl auch Altäre. Die Statuen, die sich früher darauf befanden, sind zum allergrößten Teile geraubt. Eine zusammenfassende Publikation über D. in topographischer, baugeschicytlicher. und künstlerischen Beziehung existiert noch nicht. Über die Statuenfunde hat Furtwängler in der »Archäologischen Zeitung von 1882 berichtet, über die politischen und sakralen Verhältnisse vgl. V. v. Schöffer, 1)6 vkii W8u1a6 reda» (Verl. 1889).
Denudation (Landab tragung), das Produkt der an der Erdoberfläche wirksamen meteorologischen Kräfte. Je nach dem Klima des betreffenden Erdstriches sind die Faktoren, welche für den Denudationsprozeß in erster Linie in Betracht kommen, von ganz verschiedener Art. In regenreichen Ländern ist es vor allem das Wasser in flüffigem oder festem Aggregatzustand, als rinnendes und fließendes Wasser oder als Schnee und Eis, das gleichzeitig als erodierendes wie transportierendes Agens wirkt. Ganz anders liegen die Verhältnisse in den regenarmen Wüstengebieten der Erde. Regelmäßige Niederschläge fehlen in der Wüste, allein die seltenen Strichregen stürzen mit großer Gewalt hernieder und sind im stände, eine größere mechanische Wirkung in kurzer Zeit auszuüben, als wenn dieselbe Regenmenge sich anf eine Reihe von Regentagen verteilte. Die erodierende und transportierende Leistung vereinzelter Gewittergüsse in der Wüste wird dadurch wesentlich gesteigert, daßaller Gehänge^chutt aus locker übereinander liegenden Steinen besteht, ohne durch Schlamm miteinander verkittet zu sein.
Eine größere denudierenoe Wirkung üben die Temperaturunterschiede in der Wüste aus. Die Trockendeit der Atmosphäre, der Mangel von Humus, die Abwesenheit einer zusammenhängenden Pflanzendecke lassen die Temperaturunterschiede ungeschwächt auf den nackten Felsboden wirken. Eine gewöhnliche Folge der unbehinderten Insolation besteht in den: schaligen Abblättern der Gesteine. Diese eigentümliche Art des Verfalls der Steine findet fich sowohl bei gewissen homogenen Kalken als beim Granit.
Dagegen spielt die chemische Verwitterung in der Wüste nur eine gering Rolle und wirkt nur im Laufe langer Zeiten. Da die Verwitterung von der Anwesenheit von Wasser abhängig ist, letzteres aber infolge der trocknen Luft und der großen Wärme schnell wieder verdunstet, so kann dieselbe nur dort stattfinden, wo Gesteinsflächen beschattet sind und deshalb die Feuchtigkeit länger wirken kann, als auf besonnten Flächen. Zu einer Verwitterung auf größern Flächen kommt es in der Wüste nicht, sie bildet immer nur eine lokale Erscheinung. Die Obn^Hchenformen, welche durch die Verwitterung in der Wüste erzeugt werden^ sind oft sehr sonderbarer Art. Felsen