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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Spanische Litteratur (Belletristik)
schlossen wissen. Sie fehlt nirgends, wo sich Gelegenheit bietet, eine öffentliche Rolle zu spielen; sie arbeitet an allen Zeitschriften und Zeitungen ersten Ranges mit, kurz, sie ist von einer erstaunlichen Energie, Arbeitsamkeit und Kampflust; die Masse dessen, was sie schafft, ist kaum zu übersehen. 1888 bis 1889 erschienen von ihr an Buchwerken: »Un viaje de novios«, »De mi tierra«; »Pascual Lopez«; »Insolacion«; 1889-90: »Al pié de la torre Eifel«; »Morriña«; »Una cristiana«; das Reisewerk »Por Francia y por Alemania«; 1891: »Pasos de Ulloa« und in Zeitschriften die mit »la cuestion palpitante« betitelten Aufsätze, in denen sie die litterarischen Zeitfragen einer genauen Untersuchung unterzog. Diese von ungewöhnlicher Geistesschärfe, Mut, Radikalismus und Rücksichtslosigkeit zeugenden Artikel sind seitdem in einem Buch zusammengefaßt worden, das sich in den Händen aller befindet, die überhaupt ein litterarisches Interesse haben oder zu heucheln für notwendig halten. Soeben ist endlich ein neuer Roman erschienen: »la piedra angular«, der, wie jede einzige Auslassung und Veröffentlichung der Verfasserin, sicher eine große Polemik hervorrufen wird. Man bezeichnet diesen Roman als einen anthropologisch-philosophischen und wirft der Verfasserin vor, daß sie in verschiedenen Schilderungen das Maß des Zulässigen etwas zu weit überschritten habe. Von der großen Zahl von anderen Romanschriftstellern und Schriftstellerinnen, die den spanischen Markt mit ihren Erzeugnissen überschüttet haben und fortfahren, dies zu thun, können wir im folgenden die hervorragendsten und ihre bedeutendsten Leistungen erwähnen.
Von Armando Palacio Valdés erschien 1889 »La hermana San Sulpicio«; 1891 »La Espuma«, ein die sozialen Verhältnisse der höchsten Gesellschaftsklassen scharf geißelnder Roman, und soeben ist von ihm ein neues, »La Fé« (»Der Glaube«) betiteltes Werk erschienen, das großen Beifall findet. Ein vortrefflicher Schilderer Andalusiens ist Salvador Rueda, der 1889 »El gusano de luz«, 1890 den Roman »La reja«, 1891 den »Himno á la carne«, »El secreto«, »Poema nacional«, »Tanda de valses« und vor kurzem die Novelle »Barrabas« herausgegeben hat. Die Klerikalen, die Heuchler und Frömmler werden auf das schärfste gegeißelt in den Novellen und Romanen von José Zahonero und Octavio Hyacinto Picón. Von ersterm sind besonders zu erwähnen: »La divisa verde«, »La vengadora«, »Bullanga« und »Inocencio con Inocencia«, von letzterm die Romane: »La honrada«, »Dulce y sabrosa«, die vortreffliche Schilderungen des modernen sozialen Lebens enthalten.
Besonders gepflegt wird in neuester Zeit das humoristische Genre, und es sind im Lauf der letzten Jahre eine große Anzahl von Werken entstanden, die wirklich viele sehr gute satirische Schilderungen des modernen Lebens enthalten, namentlich der gesellschaftlichen Zustände, welche in den höhern Schichten der Bevölkerung herrschen. Es sind dies teils größere Novellen oder Romane, teils Sammlungen kleinerer Novelletten, Erzählungen, einzelner Schilderungen und Szenen, die mehr oder minder lose miteinander verknüpft sind. Hervorheben wollen wir nur einige der besten derartigen Schriften: Isidoro Fernandez Florez, der unter dem Namen Fernanflor schreibt, hat mehrere sehr hübsche Novelletten herausgegeben. Von Mariano de Cavia, der unter dem Namen Sobaquillo bekannt ist, sind besonders zu erwähnen: »Azotes y galeras«; »De pitón á pitón«; »Salpicon«; von Eduardo de Palacio: »Cuadros vivos á pluma y al pelo« mit Illustrationen von Angel Pons. Der unerbittliche Gegner der spanischen Akademie der Sprache und ihrer »Unsterblichen« sowie ihrer Werke, die er mit seinem Spott und seiner scharfen, feinen Satire beständig verfolgt, Miguel de Escalada, bekannt unter dem Namen Antonio de Valbuena, hat zunächst in einer großen Reihe geistvoller Aufsätze das Wörterbuch der Akademie zerpflückt und die zahllosen Irrtümer und Ungereimtheiten desselben dem Spotte der spanischen Welt preisgegeben. Jetzt hat er in »Ripios vulgares« und in »Capullos de novela« eine Anzahl kleine Erzählungen und Novelletten zusammengestellt, die sich in der Hauptsache auch gegen die sogen. Gebildeten und gegen die Gelehrten richten. José Estremera hat in »Fábulas y cuentos«, Luis Taboada in »Madrid en broma« und »La Vida cursí«, Vital Äza in »Todo en broma«, Emilio Bobadilla unter dem Namen Fray Candil in »Capirotazos, sátiras y críticas« die Auswüchse des modernen sozialen Lebens der höhern Stände gegeißelt. Besondere Erwähnung verdient endlich Leopoldo Alas, der unter dem Namen Clarin seit vielen Jahren die litterarische Kritik beherrscht, sich aber nachgerade durch seine oftmals in der That ungegründeten Rücksichtslosigkeiten so viele Feinde gemacht hat, daß infolge der daraus entstandenen Polemik die ganze litterarische Welt in zwei feindliche Lager gespalten ist. Clarin hat sich seit einigen Jahren selbst in novellistischen Arbeiten versucht und damit bewiesen, dan sein eignes Können keineswegs sehr bedeutend ist. Die Novelle »Su único hijo«, hat wenig Beifall gefunden. Der Streit ist dadurch natürlich noch belebt worden. Von andern belletristischen Werken der letzten Jahre seien noch erwähnt einige Arbeiten von Carlos Frontaura, Ortega Munilla, Alejandro Sawa, Ortega y Rubio (»Pequeños bocetos«), die Novelletten von José de Siles, der Roman »Los huérfanos« von Ubaldo Romero Quiñones, die Novelle »Amor y amoríos« von Corrales y Sanchez. Zu Anfang des Jahres 1891 wurde Spanien aber durch das Erscheinen eines Romans, dem wir besondere Aufmerksamkeit zuwenden müssen, in eine bisher dort noch nicht vorgekommene Aufregung versetzt. Seit mehreren Jahren schon waren von dem Jesuitenpater und Professor der Jesuitenuniversität in Bilbao, José Coloma, Erzählungen und Novelletten erschienen, die zwar in den streng kirchlichen und orthodoxen Kreisen gelesen wurden, aber im übrigen keine besondere Aufmerksamkeit erregten. Im Frühjahr 1891 erschien nun von demselben Verfasser ein zweibändiger Roman »Pequeñeces« (»Kleinigkeiten«), der eine geradezu vernichtende Kritik der Zustände übte, welche bis in die Hofkreise hinauf in der Madrider vornehmen Gesellschaft bestanden. Die geschilderten Vorgänge waren zwar in die Regierungszeit des Königs Amadeo verlegt, aber jeder, der nur einigermaßen mit den Madrider Verhältnissen vertraut war und in den höchsten Gesellschaftskreisen verkehrte, konnte für jede der gezeichneten Gestalten das lebende Vorbild nennen, und dieser Umstand sowie die rücksichtslose Enthüllung der Schattenseiten des modernen Gesellschaftslebens, der in diesen Schichten herrschenden Moral und Weltanschauung sicherten dem Buche einen ungeheuern Erfolg. In wenigen Wochen wurden 12,000 Exemplare abgesetzt, und die Summe derselben soll inzwischen auf über 40,000 gestiegen sein. Coloma sagte nicht mehr, als was die vorerwähnten schärfsten Satiriker und Naturalisten wie Emilia