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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Anagni; Anagnosten; Anagogische Auslegung; Anagramm; Anagyris; Anâhita; Anahuac; Anaitis; Anakletus; Anakoluth(on)

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Anagni - Anakoluth(on)

Anagni (spr. anánji), Stadt im Kreis Frosinone der ital. Provinz Rom, in 460 m Höhe und in fruchtbarer Umgebung, hat (1881) 7758 E. und ist Sitz eines 487 errichteten Bistums. In der Nähe befinden sich Schwefelquellen und Schwefelminen. Der häufige Aufenthalt der Päpste in A. hat manches Denkmal mittelalterlicher Kunst hinterlassen, so die Kathedrale mit schönen Fresken und Musivarbeiten des 13. Jahrh. von der berühmten Künstlerfamilie der Cosmaten und mit dem lebensgroßen Standbilde Bonifacius' VIII., der hier geboren und ganz besonders thätig für die Ausschmückung der Kirche war. Das alte Anagnia, Hauptstadt der Herniker, wurde 305 v. Chr. röm. Municipium.

Anagnosten (grch.; lat. lectores, Vorleser), bei den Römern gebildete Sklaven oder Freigelassene, welche als Vorleser dienten. In der ältern christl. Kirche hießen A. die Vorleser der biblischen Abschnitte während des Gottesdienstes. Im 3. Jahrh. waren sie Kirchendiener; später dem Klerus einverleibt, erhielten sie unter den sog. vier niedern Weihen die vorletzte Stelle. In der röm.-kath. Kirche ist das Amt der A. ganz weggefallen, in der griech. Kirche auf die Diakonen übergegangen.

Anagogische Auslegung, eine allegorische Bibelerklärung, die den buchstäblichen Worten eine höhere symbolische Beziehung giebt. So wurden z. B. die Worte "Es werde Licht" anagogisch von der einstigen Verklärung verstanden, der Bräutigam und die Braut des Hohenliedes auf Christus und seine Kirche, der 45. Psalm, anstatt auf einen irdischen König, auf den Messias als einen himmlischen König bezogen. Die jüdisch-alexandrinische Schule, an deren Spitze Philo (s. d.) stand, hat diese Erklärungsweise zuerst aufgebracht.

Anagramm (grch.) heißt zunächst das Rückwärtslesen der Buchstaben eines oder mehrerer Worte. So ist "Sarg" A. von "Gras", "Nebel" von "Leben", "Amor" von "Roma". Meist versieht man im weitern Sinne darunter (seit Lykophron von Chalkis im 3. Jahrh. v. Chr.) eine Buchstabenversetzung, um ein neues Wort öder mehrere zu bilden, wie "Lied" und "Leid". So giebt "Révolution française" "Veto: un Corse la tinira" oder "La France veut son roi". Vorzüglich liebten die Morgenländer und die Kabbalisten diese Spielereien; in Europa wurden A. im 16. und 17. Jahrh. für Pseudonyme benutzt, z. B. von Rabelais, Fischart, Grimmelshausen, Logau; Calvinus nannte sich auf dem Titel seiner "Institutionen" mit A. "Alcuinus". Sammlungen u. a. von Mautner (1636), A. Stender (1673) u. a. - Vgl. Celspirius, De anagrammatissimo (Regensb. 1715); Disraeli, Curiosities of literature (Lond. 1817); Wheatley, On anagrams etc. (ebd. 1862); Dobson, Literary frivolities (ebd. 1880).

Anagyris L., Pflanzengattung aus der Familie der Legmninosen (s. d.), Abteilung der Papilionaceen, mit nur wenigen in den Mittelmeerländern wachsenden Arten; strauchige Gewächse mit dreizähligen Blättern und zu kurzen Trauben vereinigten goldgelben Blüten. Der Stinkstrauch (A. foetida L.), der im südlichsten Spanien und Portugal sowie in Nordafrika und auf den Balearen wild wächst und einen bis mannshohen Strauch bildet, besitzt ein sehr übel riechendes Holz, das dem Strauch seinen Namen verschafft hat. Die Blätter wirken abführend, die Samen brechenerregend.

Anâhita, Göttin, s. Anaïtis. A. heißt auch der 270. Planetoid.

Anahuac (mexik., "am Wasser"), altmexik. Name für die heißen, mit tropischer Vegetation erfüllten Küstenstriche, die im O. und W. die höher gelegenen Binnenlandgebiete umsäumten. Die unterrichteten ältern Autoren gebrauchen das Wort ebenfalls ausschließlich in dieser Bedeutung und unterscheiden das atlantische und das pacifische Küstenland durch die Namen A. Xicalanco und A. Ayotlan. Der einzige der ältern Autoren, der das Wort anders gebraucht, ist der Franziskaner Motolinia (Ende des 16. Jahrh.), der über Neuspanien schrieb. Er nimmt A. als Bezeichnung für "Neuspanien", d. h. das Land Mexiko. Das ist aber ein Mißverständnis, vermutlich daher rührend, daß die Mexikaner das Wort cem-anahuac, "Ganz A.", d. h. "das ganze Land, die beiden Küstenstriche mit einbegriffen", im Sinne von "alles Land", "die ganze Welt" gebrauchten. Von Motolinia haben dann die spätern diesen Gebrauch des Wortes übernommen. Da man diese Bedeutung mit dem Sinne des Wortes nicht zusammenreimen konnte, so nahm man weiter an, daß ursprünglich mit dem Worte das an den beiden Seen gelegene Land, d. h. das eigentliche Hochthal von Mexiko gemeint gewesen sei. Infolge dieser irrigen Auffassung wird noch jetzt in geogr. Werken und auf Karten A. als Bezeichnung des südl. Teils des Hochlandes von Mexiko (s. d.) gebraucht.

Anaitis, eine iran. Göttin, ursprünglich bloß Beiname einer solchen, deren Name im Avesta stets Ardvi sûra anâhita, d. h. hilfreiche, unbefleckte Ardvi, lautet, eigentlich ein großer Strom, der auf dem Berge Hukairja entspringt und im See Vourukasha mündet, aber zugleich am Himmel jenseits der Sonne in voller Reinheit fließt. Sie ist die Göttin des vom Himmel strömenden, alle Fruchtbarkeit schaffenden Wassers. Personifiziert erscheint sie als schöne kräftige Jungfrau, mit einem Biberpelz umhüllt und auf einem von vier weißen Pferden gezogenen Wagen fahrend. In den altpers. Keilinschriften kommt sie erst unter Artaxerxes Mnemon vor; die klassischen Schriftsteller nennen sie die pers. Artemis und schildern sie als Aphrodite, ihren Kult als hierodulisch (s. Hierodulen). - Vgl. Geldner in Kubus "Zeitschrift", Bd. 25; Windischmann, Die pers. Anâhita oder A., in den "Abhandlungen der Bayrischen Akademie der Wissenschaften" (Münch. 1856).

Anakletus I., der Heilige, angeblich einer der ersten Bischöfe der christl. Gemeinde in Rom, gilt als zweiter oder dritter Nachfolger des Petrus und soll 79-91 Bischof gewesen sein. Spätere Verzeichnisse haben wegen der doppelten Schreibweise seines Namens (bald Anenkletus, bald Kletus) statt seiner zwei Päpste. Die Kirche feiert sein Gedächtnis am 13. Juli. - A. II., eigentlich Pietro Pierleoni, aus einer jüd. Familie stammend, Mönch, dann Kardinal und Legat in Frankreich und England, wurde 1130 von einem Teil des röm. Adels gegen Innocenz II. zum Papst gewählt und behauptete sich, von Rom, Mailand und dem Grafen Roger von Sicilien, dem er den Königstitel gab, anerkannt, bis zu seinem Tode (1138), obschon Innocenz II. von Kaiser Lothar II. unterstützt und mit Waffengewalt in Rom eingeführt wurde.

Anakoluth(on) oder Anakoluthie (grch.), in der Grammatik Mangel an Folgerichtigkeit der Konstruktion, entsteht durch deren plötzliche Veränderung oder Unterbrechung, besonders nach längern Zwischensätzen, oder durch Weglassung von Wörtern, die aus dem Zusammenhange ergänzt