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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Braunschweig (Herzogtum; Finanzen. Geistige Kultur. Heerwesen. Geschichte)
den Schild gelegten Schnallengurt die Devise: "Im-
motN üä68" ("Unerschütterliche Treue"); das Ganze
wird von zwei goldenen, gekrönten Löwen gehalten.
Auf dem Spruchband:
"^60 3.8Z)6lk t61'l6Nt".
Die Landesfarben sind
blau und gelb.
Finanzen. Das or-
dentlicheStaatsbudget
auf das Finanzjahr
vom 1. April 189394
beläuftsichinEinnabme
und Ausgabe auf
13170 000 M. Zu den
Einnahmen liefern die
direkten Steuern nur die Summe von 1760000 M.,
während der Ertrag der indirekten Steuern ein-
schließlich des Anteils an den gemeinschaftlichen
Reichszöllen 3993700 M. ausmacht. An Matri-
kularbeiträgen zahlte B. 2 906 000 M. Außer
dem Staatsbudget besteht ein Etat des Kloster-
und Studienfonds, dessen Einkünfte (1. April
1893/94 2289000 M.) zu Kultus- und Unterrichts-
zwecken verwandt werden. Die Landessckuld beläuft
sich (ausschließlich eines 1869 kontrahierten Prä-
mienanlehens von nominell 30 Mill. M., welches
bis 1924 durch Annuitäten von 1219740 M. zu
tilgen ist) auf 27394200 M. An Aktivkapitalien
waren beim Staatshaushalt 19578550 M., beim
Kammerkapitalfonds 2472000 M. und beim Klo-
sterkapitalfonds 20462200 M. vorhanden.
Geistige Kultur. Das Schul- und Bildungswesen
des Landes steht auf einer hohen Stufe. Die Leitung
und Beaufsichtigung der staatlichen höhern Unter-
richtsanstalten- mit Ansnahme der technischen
Hochschule mV., die dem Staatsministerium unmit-
telbar unterstellt ist - wird durch die Oberschulkom-
mission in B. ausgeübt. 1891 waren vorhanden: 423
Volksschulen mit 1050 Lehrern und 67 200 Schulkin-
dern, 12unterOberaufsicht desKonsistoriums stehende
Privatschulanstalten, unter denen die Mädchenschule
nebst Lehrerinnenseminar des Fräulein Vorwerk in
Wolfenbüttel besonders hervorzuheben ist; 6 Gym-
nasien mit (1893) 1765 Schülern, 1 Realgymnasium
in B., 1 städtische Oberrealschule in B., 1 Realgym-
nasium (ohne Prima) in Gandersheim, 1 höbere
und 1 mittlere Töchterschule in B., 1 höhere Bür-
gerschule in Wolfenbüttel, 1 höhere Mädchenschule
in Helmstedt, 1 Schule für Zuckerindustrie, 1 Dro-
guistenakademie, 1 Handelsschule und 1 städtische
Gewerbeschule in B.; 2 Schullehrerseminare und
Präparandenanstalten in B. und Wolfenbüttel,
1 Predigerseminar zu Wolfenbüttel, 1 technische
Hochschule ((^rolo-^VilliLiiniQH) in B. mit 40 Pro-
fessoren und Lehrern und 312 Studirenden und Hö-
rern; 1 Baugewerkschule mit 1000 Schülern zu Holz-
minden, 1 Landwirtschaftliche Schule und 1 Haus-
haltungsschule für Töchter bäuerlicher Besitzer (seit
1893) zu Helmstedt-Marienberg, 1 Ackerbauschule
in Holzminden; die berühmte herzogt. Bibliothek
zu Wolfenbüttel (300000 Bände und 10000 Hand-
schriften), das herzogl. Museum zu B. Seit der Auf-
hebung der Universität Hclmstedt (durch die westfäl.
Regierung 1809) werden die akademischen Stipen-
dien und Freitische an braunschw. Studierende der
Universität Göttingen erteilt.
Unter den zahlreichen Wohlthätigkeits-
anstalten sind hervorzuheben: die Landesirren-
anstalt zu Kömgslutter- die Idiotcnanstalt Ncu-
Erkerode in Sicktc, das herzogl. Krankenhaus, das
Große Waisenhaus, die Diakonissenanstalt Maricn-
stift zu V. und das Krankenhaus zu Marienberg bei
Helmstedt. Land es straf an stalten befinden sick
in Wolfenbüttel (Zellengefängnis) und B., eine Er-
ziehungsanstalt für verwahrloste Kinder in Bevern
(Wilhelmstift).
Heerwesen. Nach der Errichtung des Norddeut-
schen Bundes traten die braunschw. Truppen unter
preuß. Militärverwaltung, bildeten jedoch ein selb-
ständiges Kontingent und behielten ihre abweichende
Bekleidung bei. Äm Deutsch-Französischen Kriege
von 1870 und 1871 nahmen Infanterie und Ar-
tillerie im Verbände des 10. Armeekorps, das Hu-
sarenregiment in der 5. Kavalleriedivision teil.
Nach der am 18. März 1886 mit Preußen ab-
geschlossenen und vom braunschw. Landtage 24. März
einstimmig genehmigten Militärkonvention verzich-
tet V. auf die Stellung eines selbständigen Mi-
litärkontingents; die vorhandenen Truppen blieben
bestehen, wurden jedoch in den Verband des preuß.
Heers übernommen und können vom Kaiser un-
beschränkt außerhalb der braunschw. Landesgrenzen
verlegt werden. Alle Militärhoheitsrechte gingen
auf den König von Preußen über, und die Trup-
pen stehen in allen dienstlichen Beziehungen unter
den preuß. Kommandobehörden, behielten jedoch
ihre bisherigen Fahnen und Standarten, die Offi-
ziere auch ihre bisherige Bewaffnung; Offiziere,
Portepee-Fähnriche, Arzte und Beamte leisten dem
König von Preußen den Fahneneid. Die Truppen
stehen unter preuß. Militärgerichtsbarkeit, das Be-
gnadigungsrecht übt der König von Preußen aus.
Der Regent besitzt die Befugnisse eines komman-
dierenden Generals über alle im Herzogtum stehen-
den Truppen, kann dieselben zu polizeilichen Zwecken
heranziehen, den Garnisondienst ordnen und die
Uniform seiner Adjutanten bestimmen. Alle Ofsi-
ziere haben auf Grund ihres Patents die preuß.
Staatsangehörigkeit erworben. Die Kasernen,
Wachen und Schilderhäuser behielten die bisherigen
Wappen und braunschw. Farben, die Garnisonein-
richtungen blieben im Besitz der Garnison. Diese
Konvention ist 1. April 1886 in Kraft getreten
und kann erst 2 Jahre nach erfolgter Kündigung,
die nicht vor dem 31. März 1896 erfolgen darf,
aufgehoben werden. Verwaltung und Unterhalt
der Truppen sowie die finanziellen Leistungen des
Herzogtums regeln sich nach den Reichsgesetzen.
Durch die Militärkonvention ist den braunschw.
Offizieren die Aussicht erschlossen, in höhere Stel-
lungen aufzurücken. Das braunschw. Infanterie-
regiment Nr. 92 hat inzwischen preuß. Uniform mit
aeringfügigen Abänderungen am Helmbeschlage er-
halten, die braunschw.Batterie erhielt diepreuß.Uni-
formierung ohne Abänderung und das braunschw.
Husarenregiment Nr. 17 hat seine bisherige Uni-
form fast unverändert behalten; nur die Gradab-
zeichen und die Kopfbedeckung wurden nach den für
preuh. Husaren vorgeschriebenen Mustern geändert.
Geschichte. Alles Land, das zu dem gegenwär-
tigen Herzogtum B. gehört, war in der frühesten
Zeit ein Teil des Sach'senlandes, welches Karl d. Gr.
sich unterwarf, und gehörte später den Herzögen
von Sachsen. Als Heinrich der Löwe 1180 die sächs.
Herzogswürde verlor, behielt er seine braunschw.,
northeimischen, supplinbnrgischen, billingschenAllo-
dialbesitznngen. Nach seinem Tode 1195 beherrsch-
ten seine ^öhne, Heinrich, Otto und Wilhelm, das