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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Chor (Kirchenbaukunst) - Choral
der großen Dionysosfeste wurde und schon wegen
ihres religiösen Hintergrundes den C. neben dem
eigentlichen Drama nicht aufgeben konnte. In der
Tragödie und im Satyrdrama bestand der C. in der
ältern Zeit aus 12, seit Sophokles regelmäßig aus
15 Personen. Dies waren in Athen Bürger, die
unter Leitung einesChorführers <K.oryphaios)
meist von dem Dichter des Stücks, in dem sie auf-
treten sollten, eingeübt und während dieser Zeit von
einem Bürger, dem Choregen, verköstigt, dann
mit den für ihre Rolle nötigen Kleidern und Masken
versehen wurden. Diese Unterhaltung und Aus-
rüstung des C. (Choregie) war eine sehr kost-
spielige Ehrenpflicht vermögender athen. Bürger.
Das Lolal, in dem die Einübung stattfand, hieß
Choregeion oder Chorageion (latinisiert C h o-
ragium). - In die Handlung des Stücks griff der
C. in der Blütezeit der griech. Tragödie gewöhnlich
nicht unmittelbar ein, wie denn auch seine Stelle
nicht bei den Schauspielern auf der Bühne, sondern
unterhalb dieser, in der sog. Orchestra, war; aber
er begleitete die Handlung mit lebendiger Teil-
nahme, knüpfte daran Betrachtungen allgemeinern,
besonders religiösen Inhalts und vertrat in der
Hauptsache die öffentliche Meinung, die Volksstimme
gegenüber den Handlungen und den Schicksalen der
Träger der dramat. Handlung. Auch die Komödie
hatte in der ältern Zeit ihren aus 24 Mitgliedern
bestehenden C., dessen Lieder aber meist in loserm
Zusammenhange mit der Handlung des Stücks stan-
den als bei der Tragödie. Die jüngere attische
Komödie hat den C. ganz aufgegeben, worin ihr die
römische gefolgt ist, während ihn die Tragödie, wenn
auch zuletzt als bloße Äußerlichkeit, festgehalten hat.
Die antiken Chorlicder zeigen eine große Mannig-
faltigkeit der rhythmischen Form, mit der die musika-
lische Begleitung in engem Zusammenhange stand.
Sie wurden im wesentlichen gesungen, sei es vom
gesamten E., sei es von einzelnen Abteilungen (Halb-
chören u. s. w.); einige Teile jedoch, namentlich die
im anapästischen Versmaße, scheinen vom Chor-
führer in ähnlicher Weise wie das moderne Recitativ
vorgetragen zu sein. Wenn der C. am Dialog sich
beteiligte, so sprach der Chorführer in dessen Namen.
Schillers Versuch, den antiken C., den er als not-
wendig für den ideellen Charakter der Tragödie und
als den rein poet. Ausdruck ihres reflektierenden
Elements betrachtet, wieder ins Leben zu rufen
("Braut von Messina"), blieb ohne Nachfolge.
Chor, in der Kirchenbaukunst eigentlich der
für den Sänger bestimmte Raum nahe dem Al-
tare, in übertragener Bedeutung der Altarraum
selbst. In altchristl. Zeit wird der (oder das) C., ohne
befondere architektonische Behandlung, nur von
Schranken innerhalb des Kirchenraums umfriedigt.
Später trat er als selbständiger Bauteil über die
Kirche hinaus und wurde auch häufig (namentlich
im roman. Stile) über einer Krypta erhöht; da-
her auch der Name hoher C. Die reichste Aus-
bildung, durch Nmgang und Kapellenkranz, hat er
in franz. Kathedralen und verwandten Kirchen er-
halten. Zeitweilig war im Mittelalter in Deutsch-
land eine Verdoppelung des C., die Anbringung
eines Ost- und eines Westchors (doppelchörige An-
lage) üblich. Der ursprünglichen Bedeutung ent-
sprechend nennt man in prot. Kirchen C. (Orgel-
chor, Sängerchor) die in das Langhaus Hinein-
stebauten Emporen zur Aufnahme der Orgel und der
Sänger. - über die alten Choranlagen vgl. Otte,
Handbuch der kirchlichen Kunstarchäologie (5. Aufl.,
Lpz. 1883-84), über die in prot. Kirchen: Lechler,
Das Gotteshaus im Lichte der deutschen Refor-
mation (Heilbronn 1883)"
Chor heißt in der modernen Musik zunächst
eine Vereinigung von Sängern oder auch Musikern
zum gemeinschaftlichen Vortrage irgend eines Musik-
stücks, daher die Ausdrücke Sängerchor, Musikchor.
Der Sängerchor ist ein gemischter oder voll-
ständiger, wenn die vier menschlichen Haupt-
stimmen (Sopran, Alt, Tenor, Baß) vertreten sind
(dagegen Frauenchöre und Männerchöre). Musik -
chor(-korps) nennt man vorzugsweise eine Ver-
einigung von Viasinstrumenten, z. B. Militärmusik-
chöre(-korps),diejenachihrerVesetzunginHoboisten-,
Trompeter- oder Hornistenchöre zerfallen. Das Wort
C. bedeutet, daß jede Stimme von Sängern oder Spie-
lern mehrfach befetzt ist, während einfache Besetzung
Terzett, Quartett, Quintett u. s. w. heißt. - Be-
sonders aber bedeutet der Name C. das durch einen
solchen Verein von Stimmen vorgetragene Ge-
sangstück. Die vorhandenen Kompositionen die-
ser Art sind außerordentlich mannigfaltig; von den
einfach harmonischen vierstimmigen Stücken bis zu
den kunstvollsten Stimmengeweben enthalten sie das
Großartigste und Machtvollste, was die Musik ge-
schaffen hat. Der C. ist seinem Sinne nach der Ver-
treter der Gesamtheit, was durch die vorhandenen
Kompositionen in allen Graden und Schattierungen
ausgedrückt ist: Halb-, Doppel-, drei- oder vierfache
Chöre u. s. w. Der C. gedieh bereits im 15. und
16. Jahrh, zu einer hohen Vollendung, besonders als
unbegleiteter Gesang in der Kirche (a cap6i1a.-Chor),
und erreichte in Handels Oratorien seinen Höhe-
punkt. - Bei gemischten Orgelstimmen (Mixtur,
Kornett) heißen C. die zu einer Taste gehörenden
Pfeifen; denn jeder Ton eines solchen Registers wird
nie durch einen einfachen, sondern je nach der getroffe-
nen Bestimmung durch eine Anzahl von drei, vier
oder mehr Intervallen intoniert. Auch die zwei,
drei oder vier Saiten, die auf dem Pianoforte für
einen Ton aufgezogen und gleichmäßig gestimmt
werden, heißen C.; man spricht deshalb von einem
zwei-, drei- oder mehrchörigen Bezüge des Piano-
forte. Endlich nannte man auch Instrumente der-
selben Familie, die in Tonlage verschieden waren,
einen C. So sprach man zu der Zeit, wo es Dis-
kant-, Alt-, Tenor-, Baßflöten gab, von einem
Flötenchor. Ahnlich verhielt es sich mit den an-
dern Blasinstrumenten. Heute spricht man noch
von einem Posaunenchor.
Chor, eigentlich Korps, heißt in der Weberei
jede der Abteilungen im Webgeschirr (Harnisch) des
Webstuhls für Bildgewebe, iu die man zur Erzielung
größerer Übersicht beim Einziehen der Kette dieses
Wedgeschirr zerlegt (s. Weberei).
Chora oder Hora, Stadt auf der Insel Samos,
mit (1875) 1433 E. Etwa 3 km entfernt an der
Küste die Ruinen des alten Samos; die Mauern,
mit viereckigen Türmen, bezeichnen einen Umfang
von nahe 10 km; auch die Akropolis ist noch vor-
handen sowie Reste von Tempeln, einem Theater
und zwei schönen Molen, nebst einer Säule vom
berühmten Here-Tempel aus vorgriech. Zeit. Der
alte Hafen Tigani heißt jetzt Tiganion.
Choragium, s. Chor (antik).
Ehoräl, eine kirchliche Melodie, die von meh-
rern einstimmig gesungen wird. Der Name ent-
stand in der kirchlichen Musik des Mittelalters und
Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.