Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

417
Cölialgie - Cölibat
Bend in Indiana. Er starb 13. Jan. 1885 zu Mau-
tato in Minnesota. - Vgl.O. I. Hollester, I.ik6 ol
0. (Neuyork 1886).
Cölialgie lgrch.), Leibweh, Kolik.
Cölibat (lat., von coeieds, unvermählt), Ehe-
losigkeit, insbesondere die gesetzliche Ehelosigkeit der
tath. Geistlichen. Das Judentum enthält nur die Vor-
schrift, dah Priester und Hohepriester zwar in der
Ehe leben, aber keine Geschiedene und Entweihte, der
Hohepriester auch keine Witwe, heiraten durften, und
daß sie, wie übrigens das ganze Volk, zur Vorberei-
tung auf heilige Handlungen sich ihrer Frauen ent-
halten sollten. Das Neue Testament kennt kein Ver-
bot der Ehe; von den Aposteln selbst waren einige,
wie namentlich Petrus, verheiratet, und 1 Tim. 3, l
wird der Ehestand der Bischöfe sogar als Regel
vorausgesetzt. Aber schon der Apostel Paulus hielt
die Ehelosigkeit überhaupt für vorzüglicher und die
Ehe nur für notwendig, um die Unzucht zu verhin-
dern (1 Kor. 7). Namentlich aber war es der Hinblick
auf die erwartete baldige Wiederkunft des Herrn,
die es ratsamer erscheinen ließ, die Ehe zu meiden,
weil diese von der Sorge um göttliche Dinge ab-
ziehe, und auch der Ausspruch Matth. 19, 12 konnte
in dieser Überzeugung nur bestärken. Unterstützt
wurde diese Ansicht durch die den ältesten Christen
eigene Weltflucht und die dualistische Entgegen-
setzung von Geist und Fleisch. Die Gnostiker
schwankten zwischen den beiden Extremen unbeding-
ten Eheverbotes für alle und unterschiedsloser Ge-
schlechtsgemeinschaft, weil man das Fleisch zu
Grunde richten müsse, hin und her, während die
kirchliche Ansicht zwar die einmalige Ehe gestattete,
aber den ehelosen Stand für heiliger ansah und die
zweite Ehe als Ehebruch brandmarkte. Für die
Geistlichen galten anfangs ganz dieselben Grund-
sätze wie für alle übrigen Christen. Auch den Bi-
schöfen war die erste Ehe gestattet, die zweite ver-
boten, der ehelose Stand der freien Wabl jedes
Einzelnen überlassen. Doch wurde es !cbon im
2. Jahrh. Sitte, durch besondere Gelübde sich zu
lebenslänglicher Keuschheit zu verpflichten, und Ehe-
leute bereiteten sich wenigstens auf heilige Hand-
lungen durch Enthaltsamkeit vor. Sckon zu An-
fang des 3. Jahrh, wurde die Forderung laut, daß
kein Bisckof, Presbyter oder Diakonus nach erhal-
tener Weihe sich verheiraten solle, auch keiner, der
mit einer Witwe, mit einer Gefallenen oder schon
zum zweitenmal verheiratet war, die Weibe erbal-
ten dürfe. In dem Maße, als die hierarchischen
Ideen sich entwickelten, breiteten sich auch die neuen
Grundsätze aus, und seit dem 4. Jahrh, finden sich
an verschiedenen Orten der Kirche schon Gesetze in
dieser Richtung. Dennoch wies noch die Synode
von Nicäa 325, namentlich infolge der beredten
Verteidigung der Heiligkeit des ehelichen Lebens
durch Paphnutius, der selber ein strenger Ascet
war, das beantragte Verbot der Pricsierehe zurück
und verfügte nur, dah die unverbeiratet in den
Klerus eintretenden Geistlichen der drei obern
Grade nach Erlangung der Weibe nicht mebr hei-
raten sol'ten. Und noch 355 sprach die Synode zu
Gangra das Anatbema aus über jeden, der sich
weigere, am Gottesdienst eines verbeiralcten Prie-
sters teilzunehmen. Aber die Uberbandnabme des
Mönchtums zwang auch den Klerus, im Ruhme
höherer Heiligkeit und darum auch im C. mit ihm
zu wetteifern. Im Morgenland wurde es Sitte,
dah wenigstens der Bischof unverbeiratet sein, oder
Brockhaus' Konversations-Lexilon. 14. Aufl.. IV.
wenn er verheiratet war, aus dem Ehestand aus-
treten sollte. Im Abendlande dagegen erklärte
schon Bischof Siricius von Rom 385, dah die Ehe
die Verwaltung des geistlichen Amtes hindere, und
hierbei blieben auch die folgenden röm. Bischöfe,
namentlich Innocenz I. (404-405) und Leo I. <446
-448). Immer allgemeiner wurde das Verbot der
Ehe für Bischöfe, Priester und Diatonen, und für
die Subdiakonen wenigstens die Bestimmung, dah
sie nach der Ordination keine Ehe mehr eingehen
durften. Den Klerikern der niedern Weihen blieb
die einmalige Ehe mit einer Jungfrau gestattet.
Die weltliche Gesetzgebung bestätigte wiederholt
diese kirchlichen Verordnungen und verfügte, dah
verheiratete Personen nicht Bischöfe werden dürften,
daß Ehen der Kleriker der höhern Weihen nichtig
und ihre Kinder als unehelich zu betrachten seien.
Die orientalische Kirche blieb im ganzen bei
diesen Satzungen, die zuletzt auf dem Trullanischen
Konzil 692 bestätigt worden waren, stehen, nur mit
der doppelten Einschränkung, daß die Priester die
vorher mit einer Jungfrau geschlossene Ehe fort-
setzen, aber nach dem Tode ihrer Frau keine neue
eingehen dürfen, während die Bischöfe, die des-
wegen regelmäßig aus dem Mönchsstande genom-
men werden, auch die früher eingegangene Ehe
nicht fortsetzen dürfen. Diese Bestimmungen gelten
bei den nichtunierten wie bei den unierten Griechen.
Die lateinische Kirche ist in ihren Anschauun-
gen über den C. immer strenger geworden. Seit
dem 8. Jahrh, wurde derselbe unaufhörlich von
Päpsten und kirchlichen Konzilien eingeschärft; trotz-
dem lebten in Frankreich, Deutschland und Ober-
italien bei weitem die meisten Priester und selbst
manche Bischöfe in regelmäßiger Ehe. Die sittliche
Verwilderung der röm. Kirche im 10. Jahrh, und
die berechtigte Scheu vor den entsittlichenden Folgen
einer erzwungenen Ehelosigkeit machten die Durch-
führung der Cölibatsgesetze zu einer Unmöglichkeit;
ja in manchen Diöcesen erteilten die Bischöfe selbst
ihren Klerikern die förmliche Erlaubnis, Weiber zu
nehmen. Allein die Konsequenz der Theorie von
der höhern Heiligkeit des priesterlichen Standes
und der mittelalterliche Zug nach harter Kasteiung
des Leibes, welcher unvermittelt neben den wilde-
sten Ausbrüchen einer ungebändigten Sinnlichkeit
steht, mußte namentlich unter den niedern Volks-
klassen die Meinung bestärken, daß nur die Sakra-
mente unverehelichter Priester Heilskraft besäßen.
In dem Maße, als das Selbstgefühl des rdm.
Papsttums erstarkte, steigerten sich so auch seine
Bemühungen, die Bande zu lösen, welche die Diener
der Kirche an Staat und Familie knüpfen. Nur ein
von allen häuslichen und bürgerlichen Pflichten
losgelöster Klerus konnte die Unabhängigkeit der
Kirche von der Staatsgewalt sichern und den hier-
archischen Tendenzen des Papsttums als Werk-
zeuq dienen. So wurde seit der Regeneration des
Papsttums um die Mitte des l i. Jahrh, die Durch-
führung des C. die Losung der hierarchischen Par-
tei. Die Seele derselben war Papst Gregor VII.,
dessen Geist schon seine Vorgänger seit Leo IX.
(1048 - 54) beherrschte. Die Verordnung von
1074, nach welcher jeder verheiratete Priester, welcher
das Sakrament des Altars verwalte, und jeder
Laie, der aus der Hand eines solchen das Sakra-
ment nehme, mit dem Bannflüche belegt wurden,
war nur eine Erneuerung der Verordnungen Niko-
laus' II. und Alexanders II. l1059 und 1063).
27