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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Czartoryski (Konstantin, Fürst) - Czechen
1817 vermählte sich C. mit der Prinzessin Anna
^apieha. Dem ersten Reichstage wohnte er als
Mitglied der Senatorenkammer bei und sprach mit
Freimütigkeit von den Vorteilen konstitutioneller
Verfassungen. Bald sah er indes alle seine Hoff-
nungen sckwinden. Es wurden gegen die Unter-
richtsanstalten Untersuchungen eingeleitet, die einen
so gehässigen Verlauf nahmen, daß C. sein Kurator-
amt niederlegte. Seitdem lebte er dcn Wissenschaf-
ten auf seinem Stammsitze Pnlawy. Nach dem Aus-
bruche der poln. Revolution von 1830 war seine
Thätigkeit wieder dem Dienste des Vaterlandes ge-
widmet. Zum Präsidenten der Provisorischen Re-
gierung ernannt, berief er den Reichstag auf den
18. Dez. 1830. Am 30. Jan. 1831 zum Vorsitzen-
den der Nationalregierung berufen, brachte er über
die Hälfte seines Vermögens dem Vaterlande zum
Opfer. Nach den Greuelthaten des 15. und 16. Aug.
l.831, als Krukowiccki zum Diktator gewählt wurde,
legte C. seine Stelle als Senatspräsident nieder
und trat in das Korps des Generals Ramorino
cin, mit dem er nach Österreich überging. Darauf
begab er sich nach Paris, fortwährend für seine
heimatlosen Landsleute uneigennützig wirkend, doch
als Aristokrat und zukünftiger König von Polen
von der demokratischen Partei der poln. Emigranten
oft heftig angefeindet. Von der Amnestie von 1831
wurde C. ausgeschlossen; auch unterlagen seine Güter
im Königreich Polen der Konfiskation. Infolge
des poln. Aufstandes von 1846 verfielen außerdem
seine galiz. Besitzungen der Sequestration seitens
Österreichs, die aber im Frühjahr 1848 wieder auf-
schoben wurde. Im März 1848 forderte er von
Paris aus in einer franz. Proklamation die Ver-
treter Deutschlands auf, sich mit den Vertretern
Frankreichs zu vereinigen, um die .Herstellung
Polens zu verlangen. C. starb 16. Juli 1861 zu
Montfermeil bei Paris. - Vgl. Mazade, ^exan-
äro I" 6t Iö pi'iucs 0. ^0rr68p0uälluc6 partieuliers
6t eonv6r8ati0Q8 1801-23 (Par. 1865); ders., ^Is-
lU0il68 äu, priQC6 ^äklli (^. 6t 83, corrLäponäaucs
KV6C 1'6IN1)6I'6UI- ^loxanärs I" (2 Bde., ebd. 1887).
Seiner Ehe mit der Prinzessin Anna Sapieha
entstammten drei Kinder: 1) Witold, geb. 6. Juni
1824, trat in span. Dienste und starb 14. Nov. 1865
zu Algier; 2) Wladislaw, geb. 3. Juli 1828, ver-
mählt in erster Ehe mit der 19. Aug. 1864 ver-
storbenen Prinzessin Marie Amparo, Tochter der
Konigin Marie Christine von Spanien, und in zwei-
ter Ehe (seit 15. Jan. 1872) mit Margarete Ade-
laide, Prinzessin von Orlsans, Tochter des Herzogs
von Nemours, gegenwärtig das Haupt seiner Fa-
milie und der aristokratischen Partei der poln. Emi-
granten, wohnt abwechselnd in Paris und auf seinen
Gütern in Galizien und hat in Krakau eine große
poln. Bibliothek und ein poln. Museum gegründet;
3) die Prinzessin Isabella, geb. 19. Dez. 1830,
Witwe (seit 1880) des Grafen Johann Dzialynski.
Czartoryski (spr. tschar-), Konstantin, Fürst,
Bruder des vorigen, geb. 28. Okt. 1773 in Pulawy,
wurde in Petersburg russ. Gardcoffizier und Ad-
jutant des Großfürsten Konstantin, trat zur Zeit
des Herzogtums Warschau 1809 in das poln. Heer
und errichtete auf eigene Kosten ein Regiment. Dann
nahm er an dem Feldzuge Napoleons gegen Ruß-
land teil und zeichnete sich in der Schlacht bei Mos-
lau aus. 1816 trat er in Petersburg wieder auf kurze
Zeit in das russ. Heer und ward kaiserl. Gencral-
adjutant. Bald aber zog er sich ganz vom öffent-
Artikel, die man unter Cz vermißt
lichen Leben zurück und ließ sich 1828 m Wien nie-
der; er legte eine wertvolle Gemäldesammlung an
und starb 23. April 1860 in Wien.
Seine aus zweiter Ehe stammenden beiden jüng-
sten Söhne, Konstantin, geb. 9. April 1822, und
Georg, geb. 24. April 1828, beschäftigten sich mit
litterar, und musikalischen Studien und gaben ge-
> meinsam einige Schriften über Musik und Theater
heraus. Sie besitzen in Galizien große Güter und
verfolgen daselbst liberale undnational-föderaleTcn-
denzen. Der erstere wurde vom Kaiser zum Mitglicde
des österr. Herrenhauses ernannt und war Viceprä-
sident desselben, der zweite war Abgeordneter auf
dem galiz. Landtage und einer der Führer der poln.
! klerikalen Partei. Er starb 30. Okt. 1891 in Wien.
l Der aus C.s erster Ehe entsprossene älteste Sohn,
^ Adam C., geb. 24. Juni 1804 in Warschau, er-
hielt in Frankreich seine Erziehung, kämpfte 1831
in dem poln. Aufstande. Er war Besitzer der Herr-
schaften Jutroschin und Dubin in der Provinz
! Posen, zeichnete sich durch Wohlthätigkeit aus und
! gewährte vielen jungen Polen und Deutschen die
Mittel zu ihrer Ausbildung. Er starb 19. Dez. 1880
! auf seinem Gute Nokossowo, Kreis Gostyn.
! Des letztern ältester Sohn, Roman C., geb.
> 23. Nov. 1839, war 1870 - 73 Abgeordneter im
> preuß. Landtage, 1871-81 Mitglied des Deutschen
! Reichstags, nahm an den polit. Bewegungen leb-
, haften Anteil und war eine Zeit lang Vorsitzender der
> poln. Fraktion. Er starb 18. Febr. 1887 zu Iabkonow
^ Czaslau, s. Las lau. ftn Galizien.
Czasoslov (slaw., spr. tscha-; grch.lloroloZion),
in der slaw. Liturgie soviel wie Brevier, das am häu-
sigsten gebrauchte Buch beim Gottesdienst. Es wurde
daher frühzeitig übersetzt teils aus dem Griechischen
(für die griechisch-katholischen), teils aus dem Latei-
nischen (für die röm.-kath. Slawen). Letztere sind
glagolitisch geschrieben oder gedruckt, erstere cyrillisch.
Ezech (spr. tschech), der vermeintliche Stamm-
vater der Czechen (in der altböhm. Chronik als Lech
I s. d.^ bezeichnet), der mit seinem Gefolge aus Groß-
kroaticn "über drei Flüsse" in das heutige Böhmen
gekommen sein und^dem Volke und Lande (Böhmen
rMßt auf czechisch: öscckv) den Namen gegeben haben
Ezech, Svatopluk, s. 6cch. ^soll.
Czechen (spr. tsche-), der einheimische Name der
zur westslaw. Gruppe gehörenden slaw. Stämme in
Böhmen, Mähren und einem Teile Oberungarno
(der Böhmen oder C. im engern Sinne, der Mährer
und Slowaken). Die Gesamtzahl der C. in der Öster-
reichisch-Ungarischen Monarchie beträgt nach der
Zählung vom 31. Dez. 1890 7411065; 1890 waren
in Böhmen 3 645 015, in Mähren (Mährer und Han-
naken) 1590371, in Österreichisch-Schlesien 129836,
in Niederösterreich 93481, in den übrigen cislei-
than. Ländern 14845, zusammen daher in Österreich
5 473 548 oder 23,32 Prozent der Gesamtbev ölkerung,
in Ungarn (Slowaken) 1890: 1937517 Bewohner
oder 11,7 Proz. der Bevölkerung Ungarns. Dazu
kommen noch etwa 60000 im preuh. Staate (Schle-
sien). Nach wahrscheinlichen Schlüssen aus den älte-
sten Berichten über die Bewohner Böhmens sind dic
C. vor der Mitte des 5. Jahrh, in Böhmen von Osten
her eingewandert, nachdem das Land von german.
Stämmen (Markomannen) geräumt war. Die Ein-
wanderer, anfangs in eine Menge kleiner Stämme
geteilt, gelangten erst nach Jahrhunderten zu enge-
rer Volts- und Staatscinheit. (S. Czcchiscke Sprache
und Böhmen, Bevölkerung, Bd. 3, S. 220a.)
sind unter Tsch oder O aufzusuchen.