Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Französische Litteratur

176

Französische Litteratur (Neufranzösische Periode 1848-70)

agent des Socialismus. Wohlfeile Ausgaben zu 2-5 Sous verbreiteten sich in steigender Menge in den Fabriken und Arbeitswerkstätten und brachten die den Wünschen der großen Masse schmeichelnden Theorien in Umlauf. Die Vierzigfrankenpresse beschleunigte so die Begebenheiten, die im Febr. 1848 losbrachen. - Vgl. Nettement, Histoire de la littérature française sous le gouvernement de Juillet (2. Aufl., 2 Bde., Par. 1859); Brandes, Hauptströmungen der Litteratur des 19. Jahrh., 3. u. 5. Bd. (3. Aufl., Lpz. 1894).

11) Während der zweiten Republik und des zweiten Kaiserreichs (1848-70). Unmittelbar nach den Ereignissen des Febr. 1848 beherrschte das polit. Interesse eine Zeit lang die Litteratur. Dichter und Kritiker beschäftigten sich mit Tagesfragen, mit socialen Problemen und suchten als Volksvertreter, Minister, Parteiführer an der Neugestaltung und Regierung Frankreichs thätigen Anteil zu nehmen. In den Liedern des Volkssängers P. Dupont, wie im "Chant des ouvriers" (unpassend Arbeiter-Marseillaise genannt), fand der Socialismus einen poet. Dolmetscher; doch dichtete Dupont bald wieder ebenso harmlose Lieder wie sein Zeitgenosse, der Chansonnier Gustave Nadaud (1820-93). Seit dem Staatsstreich und dem daraus hervorgehenden zweiten Kaiserreich wurde das Recht öffentlicher Meinungsäußerung eingeschränkt, die Presse und selbst die Bühne streng überwacht, freie Entwicklung wurde nur da erlaubt, wo die Politik nicht mit ins Spiel kam. Allein die Verbannten, V. Hugo, Louis Blanc, Quinet u. a. veröffentlichten im Ausland ihre Satiren und Flugschriften, deren Eindringen in Frankreich alle Vorsorge der Regierung nicht verhindern konnte. Die Wiederherstellung geordneter Zustände unter einer thatkräftigen Autorität bestimmte dagegen andere Größen der F. L., wie Sainte-Beuve, Mérimée, sich mit dem Kaisertum auf guten Fuß zu stellen. Im ganzen zeigt sich die Litteratur dieser Epoche als eine Fortsetzung und Weiterführung der den vorhergehenden Zeitraum bestimmenden und hier in Form und Inhalt zum Ausdruck gelangten litterar. Richtungen. Schriftsteller und Poeten, denen schon unter der Julimonarchie ihre Werke Ansehen und Bedeutung verschafft hatten, Lamartine, V. Hugo, Guizot, Thiers, Michelet, George Sand, Girardin, Sainte-Beuve, haben nicht aufgehört, unter der Herrschaft Napoleons III. neben den neu auftretenden Talenten litterarisch wirksam zu sein und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung dieser Jahre auszuüben. Lamartines schwermütige Gefühlspoesie und Naturdichtung findet ihre letzten Vertreter in Victor de Laprade (1812-83) und in Edouard Grenier, während der Südfranzose Joseph Autran vor allem das Meer und seine Anwohner besingt. Am nachhaltigsten erweist sich entschieden die Einwirkung Hugos und Th. Gautiers auf das ihnen nachfolgende Dichtergeschlecht, das von ihnen die peinliche Sorgfalt in Behandlung der Sprache und Kunstform annimmt und übermäßig anwendet. Schon Th. de Banville übertreibt in seinen metrischen Seiltänzerkunststücken das Princip "L'art pour l'art" seines Meisters Gautier, und gänzlich opfert dem glänzenden Schliff der verfeinerten Form den Gedanken auf Joséphin Soulary, der "Benvenuto du sonnet". Unter den übrigen "Parnassiens" (so genannt nach der Gedichtsammlung "Parnasse contemporain", 1866) sind Dichter von hervorragender Bedeutung und Begabung: Sully-Prud'homme, ein gedankenschwerer, von der modernen Naturforschung inspirierter Pessimist, Coppée, ein liebenswürdiger und einfacher, wehmütige Wirkungen erzielender Dichter der Wirklichkeit, Le Conte de Lisle, dessen Poesien teils von der antik-heidnischen und barbarischen Sagen- und Kulturwelt erfüllt sind, teils in der Darstellung exotischer Naturbilder sich gefallen, und dem Lacaussade (geb. 1820 zu Réunion) nahe steht mit seinen farbengesättigten Bildern aus den Tropen, während er in andern Dichtungen ("Les épaves", 1861) als verzweifelter Pessimist erscheint. Als Romantiker möchte noch Arsène Houssaye gelten, während Luise Ackermanns "Philos. Studien" in Resignation und Lebensunmut ausklingen. Von unleugbarer Begabung ist der Begründer einer frechen naturalistischen Lyrik, Charles Baudelaire, der Übersetzer des Amerikaners E. A. Poe, dessen erste Dichtungen "Les fleurs du mal" (1857) als sittengefährlich verboten wurden, und bei dem sich Cynismus des Empfindens und Ausdrucks mit sorgfältig abgewogener Sprach- und Versbehandlung vereinigt hat.

Auf der Bühne hatten sich V. Hugos und A. Dumas' große Dramen, denen man bei allen unverkennbaren Schwächen eine Fülle an Kraft nicht absprechen kann, selbst zur Zeit, als der Romantismus im vollen Schwunge war, nur mühsam behauptet. Die ungleich schwächern Dramen ihrer Nachfolger Auguste Vacquerie, Paul Meurice, Félicien Mallefille, Victor Séjour u. a. fanden naturgemäß auch einen ungleich geringern Beifall. Bei der Abneigung gegen das romantische Drama und die klassische Tragödie und Phantasiestücke überhaupt mußte daher der Versuch, das Verlangen der Zuschauer nach gesunder Lebensfülle und Wirklichkeit zu befriedigen, Glück machen. Die während Napoleons Herrschaft neu erscheinenden oder sich ausreifenden Bühnendichter, unter denen Emile Augier, Alexandre Dumas (Sohn), Victorien Sardou, Octave Feuillet, Ludovic Halévy und Henri Meilhac, Eugène Labiche, Théodore Barrière hervorzuheben sind, gehen darauf aus, stark zu wirken, und dies gelingt ihnen häufig durch Leistungen, deren Charakteristik, Zeitgemäßheit und auf scharfer Lebensbeobachtung beruhende Darstellung den Beifall herausforderte. In allen Arten der Komödie, vom Drama und höhern Lustspiel an bis zur ausgelassenen Posse, sind Werke entstanden, die der franz. Bühne des zweiten Kaiserreichs fast eine neue Weltherrschaft verschafft haben. Am lautesten waren die Erfolge auf dem Gebiete des Schauspiels ("Drame") und der höhern Sittenkomödie; Scribes "bon sens" und Alltagsmoral war bald überholt, als in dem Durcheinander des centralisierten Erwerbsverkehrs und des gesellschaftlichen Treibens im kaiserl. Paris dem Bühnendichter, der auf seine Zeitgenossen wirken wollte, die Zusammenstöße und Gefahren sich darboten, die zügelloses Genußleben und sociale Eitelkeit dem Eheglück und der Familiensitte bereiten, oder die Bedrohungen bürgerlicher Ehrenhaftigkeit und intelligenten Fleißes durch die entsittlichenden Wirkungen des leichten Erwerbs unehrenhafter Spekulanten und Glücksjäger: Ehebruch und Börsenschwindel sind nicht allein in Augiers Stücken in der Epoche wiederholt behandelt worden. Augier, dessen Höhepunkt in die J. 1858-62 fällt, war ein Dichter von sittlichem Ernst, von Kraft, Schwung und