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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Geistesstörung; Geistestaufe; Geisteszerrüttuug; Geistige Getränke

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Geistesstörung - Geistige Getränke

können auch gleichzeitig neben der Gedächtnis-, Urteilsschwäche u. s. w. Erscheinungen geistiger Reizung, partiell gesteigerter Geistesthätigkeit (Größenwahn, Verfolgungswahn), heftige Affekte u. s. w. auftreten, doch werden letztere bei der Benennung der betreffenden Krankheiten nicht berücksichtigt, weil die erstern für die Prognose, für die Gesamtbeurteilung des Wesens, des Verlaufs u. s. w. der Krankheit von weit größerer Bedeutung sind. Denn die wirklichen geistigen Schwächezustände sind mit wenigen Ausnahmen (z. B. die akute Demenz infolge von Schreck u. s. w.) unheilbar. Sie beruhen auf unersetzbaren Defekten der Hirnsubstanz, wie denn bei allen länger dauernden Zuständen von G. (ausgenommen sind nur manche Fälle von fixen Ideen, Paranoia) das Gehirn im ganzen geschrumpft, atrophisch gefunden wird. - Die Behandlung der angeborenen G. s. unter Idiotie. - Die Zustände geistiger Schwäche sind besonders forensisch von Interesse sowohl in civil- wie kriminalrechtlicher Beziehung. (S. Geisteskrankheiten, S. 708 d fg.) Sie entziehen sich häufig dem Auge der Laien, sodaß event. große psychiatrische Erfahrung nötig ist, um sie klar nachzuweisen. Schwachsinnige blenden oft Unkundige durch eine gewisse Schlauheit und Verschlagenheit, und es bedarf einer genauen Durchforschung der gesamten psychischen Vorgänge, um den wunden Punkt aufzudecken. Auch simulieren mäßig Schwachsinnige nicht gar selten höhere Grade von G. oder Geisteskrankheit, z. B. um bei Verbrechen straffrei auszugehen, und zeigen hierbei (infolge ihrer Urteilsschwäche) häufig eine große Kühnheit. Bei der Simulation Verdächtigen hat deshalb der Experte in der Regel hierauf Rücksicht zu nehmen.

Geistesstörung, s. Geisteskrankheiten.

Geistestaufe (Baptismus flaminis), s. Taufe.

Geisteszerrüttuug, f. Geisteskrankheiten.

Geistige Getränke, alkoholische, spirituöse Getränke, sind Getränke, welche Weingeist (Alkohol, Spiritus) enthalten und entweder aus reinem Weingeist durch Verdünnung mit Wasser und Zusatz schmeckender und riechender Stoffe oder durch Gärung zuckerhaltiger Flüssigkeiten gewonnen werden. In letzterm Falle entsteht durch die Thätigkeit der sog. Gärungspilze (s. Gärung) aus dem Zucker Weingeist und Kohlensäure, welch letztere manchen Gärungsprodukten den angenehmen prickelnden und erfrischenden Geschmack verleiht.

Die vergorenen Flüssigkeiten werden teils direkt zum Genuß verwendet, teils läßt man sie durch ruhiges Stehenlassen sich klären oder destilliert sie ab und verwendet nur das Destillat, das den Weingeist enthält. Die erwähnten zuckerhaltigen Flüssigkeiten erhält man gewöhnlich durch das Auspressen des Saftes zuckerreicher Pflanzen und Pflanzenteile (Zuckerrohr, Zuckerrüben, Obstfrüchte) oder dadurch, daß man stärkemehlreiche Früchte (Kartoffeln, Getreidearten) mit Wasser unter Druck von mehrern Atmosphären kocht, wobei das Stärkemehl in Kleister verwandelt wird, der dann durch ein Ferment, die sog. Diastase (s. d.), leicht in Zucker übergeführt werden kann. Da sowohl die natürlichen Zuckersäfte als auch die künstlich, durch den Maischprozeß, wie man das eben erwähnte Verfahren heißt, gewonnenen zuckerhaltigen Flüssigkeiten niemals reine Zuckerlösungen sind, sondern außerdem noch die verschiedenartigsten Stoffe gelöst enthalten, so unterscheiden sich die durch die Gärung gewonnenen Flüssigkeiten je nach Art des verwendeten Rohmaterials in Farbe, Geruch, Gehalt an Stoffen u. s. w. sehr bedeutend. Es entstehen dadurch die mannigfaltigen, zum Teil sehr charakteristischen G. G.

Solche sind z. B. der Wein (s. d.), die Obstweine (s. Obstverwertung), die Beerweine (s. d.), das Bier (s. Bier und Bierbrauerei), die sofort nach der Gärung und Klärung genießbar sind, ferner die verschiedenen Arten von Branntwein (s. d.), welche aus den vergorenen Flüssigkeiten erst durch Destillation (Brennen) gewonnen werden. Durch Destillation von einfachern Weinsorten erhält man den als feinste Branntweinsorte geschätzten Cognac (s. d.). Bei einigen Völkern werden noch besondere Arten von G. G. hergestellt, welche in neuerer Zeit auch bei uns Eingang gefunden haben, nämlich der Kumys (s. d.) bei den Kirgisen, aus der zuckerreichen Stutenmilch, und der Kefir (s. d.), welchen die Völker des Kaukasus aus Kuhmilch mittels der Kefirkörner bereiten. Aus dem durch das Anbohren gewisser Bäume, namentlich zur Zeit der Beknospung im Frühjahr, reichlich zu gewinnenden Zuckersaft wird in Nordamerika ein Ahornwein, bei uns Birkenwein (s. Birkenwasser), bei den afrik. Völkern Palmwein (s. d.) bereitet. Ähnlich ist die Gewinnung des Bhang (s. d.) in Ostindien.

Bei Kefir und Kumys, ferner bei schwächern Bieren (Weißbiere, Halb- oder Nachbiere) beträgt der Alkoholgehalt durchschnittlich 1 - 2 Proz., bei etwas stärkern Bieren (Lager-, Doppelbiere) 3-4 Proz., bei starken Bieren (Ale, Porter) 6-8 Proz., bei gewöhnlichen Weinen im Mittel 10 Proz., bei Süßweinen 15 Proz., bei Branntweinen 25-55 Proz. Außer dem Alkohol, der das eigentlich wirksame Princip der G. G. ist, finden sich in den durch Gärung gewonnenen noch Reste des ursprünglich vorhandenen Zuckers, dann Stoffe, welche in den zur Gärung verwandten Flüssigkeiten enthalten waren (Salze, Eiweißstoffe, sog. Extraktivstoffe, ätherische Öle), ferner Nebenprodukte der Gärung (Glycerin, Amylalkohol, auch Fuselöl genannt, Butyl-, Propylalkohol), flüchtige und nichtflüchtige Säuren (Blausäure in den Branntweinen aus Obstkernen, Bernsteinsäure, Essigsäure) u. s. w. Die ätherischen Öle und gewisse sog. Äther verursachen den aromatischen Geruch und Geschmack der G. G., den man besonders ausgeprägt und angenehm beim Wein vorfindet und als Bouquet oder Blume bezeichnet.

Zur Verbesserung des Geruchs und Geschmacks, auch der Haltbarkeit einiger G. G. werden direkt Zusätze gemacht; so wird zum Bier Hopfen, der ihm den angenehmen bittern Geschmack und würzigen Geruch verleiht, zugesetzt. Durch Digerieren ätherischer Öle, oder solche enthaltender Pflanzenteile mit verdünntem Weingeist und durch Destillieren von Weingeist über solchen Ölen- und Pflanzenteilen, sowie durch Zusatz von Zucker, Fruchtsäften, färbenden Stoffen zu den dergestalt erhaltenen weingeistigen Flüssigkeiten bereitet man die zahllosen Liqueure und Punschessenzen. Einige der Liqueure, wie der Chartreuse, Benediktiner, haben bekanntlich wegen ihres überaus aromatischen Geschmacks einen gewissen Weltruf erlangt und ihre Herstellung wird mit Rücksicht auf den aus ihrem Verkauf erwachsenden Nutzen streng geheim gehalten.

Abgesehen von dem aus Milch bereitetem Kumys und Kefir, welche beide beträchtliche Mengen Nahrungsstoffe (Eiweiß und Fett) enthalten und deshalb bei uns auch mit Vorteil zur Ernährung Kranker,