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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Gelenkführung - Gelenkneurose

enden u. a.), die aber stets unter den strengsten antiseptischen Verhaltungsmaßregeln auszuführen sind, erforderlich. Gegen die nach intensivern G. zurückbleibende Gelenksteifigkeit erweisen sich rechtzeitige passive Bewegungen sowie die Vornahme der Massage (s. d.), gegen den oft hochgradigen Muskelschwund außerdem die Anwendung der Elektricität nützlich. Haben sich im Verlaufe einer länger währenden G. abnorme Winkelstellungen oder gar Verwachsungen der Gelenkenden gebildet, so muß zunächst in der Chloroformnarkose die gewaltsame Beugung oder Streckung (brisement forcé) des Gelenks vorgenommen und sodann durch allmählich gesteigerte passive Bewegungen die normale Beweglichkeit des Gelenks wieder angestrebt werden. Freilich ist bei diesen Bewegungsversuchen die größte Vorsicht geboten, damit nicht durch zu frühzeitige Vornahme derselben der entzündliche Prozeß von neuem wieder angefacht werde.

Viel weniger günstig sind die Heilerfolge bei der deformierenden G., bei der im günstigsten Falle nur ein Stillstand, niemals eine wirkliche Heilung der Krankheit erzielt werden kann. Derartige Kranke müssen sich vor anhaltendem Stehen und allen übermäßigen Anstrengungen, ebenso aber auch vor absoluter Ruhe und Schonung hüten, denn je weniger ein deformiertes Gelenk geübt wird, um so schwieriger und schmerzhafter werden seine Bewegungen; ein mäßiger Gebrauch und eine schonende Übung der Glieder in Verbindung mit zweckmäßiger Massage sind bei diesem Gelenkleiden am dienlichsten. Während der Nacht sind die kranken Glieder warm einzuhüllen; auch ist der öftere Gebrauch warmer, nicht zu heißer Bäder, und zwar ebenso wohl der sog. indifferenten Thermen (Wildbad, Gastein, Wiesbaden), wie einfacher warmer Wasser- oder Solbäder anzuempfehlen.

Über die Behandlung der fungösen G. s. Gliedschwamm.

Gelenkführung, s. Geradführung.

Gelenkgallen, s. Gallen (in der Tierheilkunde).

Gelenkgeschwulst, weiße, s. Gliedschwamm.

Gelenkhaut, Gelenkhöhle, Gelenkkapsel, s. Gelenk.

Gelenkkette, s. Kette.

Gelenkkonkremente oder Gelenkkörper, s. Gelenkmäuse.

Gelenkkrankheiten, Kollektivbezeichnung für alle Krankheiten und Gebrechen der Gelenke (s. d.). Die G. beginnen gewöhnlich unter den Symptomen der Gelenkentzündung (s. d.) und entstehen entweder durch traumatische Schädlichkeiten, wie Schlag, Schnitt, Schuß, Quetschung, Verrenkung u. dgl. (s. Gelenkwunden, Verstauchung, Verrenkung), oder durch rheumatische Einflüsse (s. Gelenkrheumatismus), oder im Gefolge von Nervenleiden (s. Gelenkneurose), oder infolge von konstitutionellen Krankheiten, wie namentlich der Gicht (s. d.), Skrofulose (s. d.) und Syphilis. Chronische G. haben häufig Flüssigkeitsansammlungen innerhalb der Gelenkhöhle (s. Gelenkwassersucht) oder Gelenksteifigkeit (s. d.) zur Folge, weshalb jedes Gelenkleiden von Anbeginn an sorgsamer Beachtung und sachverständiger Behandlung bedarf. - Vgl. Hueter, Klinik der G. (2. Aufl., Lpz. 1870-78); Marsh, Gelenkkrankheiten (deutsch von Kindervater, ebd. 1888).

Gelenklafetten, Schiffslafetten für Kanonen kleinern Kalibers, bei denen sich, durch gewisse Gelenkverbindungen gezwungen, das Rohr infolge des Rückstoßes heben muß,sodaß es sich nach Beendigung des Rücklaufes durch sein Eigengewicht selbstthätig wieder niedersenkt. Die Gelenklafette ist vom ital. Marinekapitän Albini konstruiert und wird daher oft nach ihm benannt.

Gelenkmäuse (Mures articulorum), Gelenkkonkremente oder Gelenkkörper, Bezeichnung für rundliche oder längliche, knorpelartige oder selbst knochenharte Gebilde von der Größe eines Reiskorns bis zu der einer Mandel, einer Wallnuß oder gar eines Hühnereies, die unter pathol. Verhältnissen innerhalb der Höhle der größern Gelenke entstehen und heftige Beschwerden zur Folge haben können. Man findet sie entweder frei und ohne jedwede feste Verbindung mit der Gelenkschleimhaut, sodaß sie sich in der ganzen Gelenkhöhle hin und her bewegen können (sog. freie Gelenkkörper), oder durch einen dickern oder dünnern Stiel an die Gelenkwand befestigt (sog. gestielte Gelenkkörper). Am häufigsten kommen sie im Kniegelenk, nächstdem im Schulter- und Ellbogengelenk vor, bald vereinzelt, bald in größerer Anzahl. Die G. entstehen auf verschiedene Weise, entweder durch faserstoffige Niederschläge aus der Synovia oder Gelenkschmiere, oder durch krankhafte Wucherung der sog. Gelenkzotten, mit denen die Gelenkschleimhaut an einzelnen Stellen besetzt ist (s. Gelenk), oder endlich durch traumatische Schädlichkeiten, indem durch einen Schlag oder Stoß auf die Gelenkgegend ein Stück der überknorpelten Gelenkfläche abgetrennt wird und nun als freibeweglicher Körper in der Gelenkhöhle liegt. Die Gelenkkörper verursachen verschiedene Beschwerden. Anfangs, solange sie noch klein sind, wird ihre Anwesenheit gewöhnlich gar nicht bemerkt, erst wenn sie größer werden und bei ihren Bewegungen zufällig zwischen die Gelenkflächen der Knochen geraten, verursachen sie heftige Schmerzen, ja mitunter sinkt der Kranke mit einem Schrei durch den Schmerz betäubt ohnmächtig zusammen und kann sich nicht eher wieder rühren, als bis der Gelenkkörper wieder zwischen den Gelenkflächen hervorgleitet. Häufig haben G. auch chronische Entzündung der Gelenkschleimhaut mit wässerigem Erguß in die Gelenkhöhle zur Folge. Sind die Beschwerden des Kranken sehr hochgradig, so muß man sich zur operativen Entfernung der G. vermittelst eines Einschnitts in die Gelenkkapsel entschließen, einer Operation, welche bei der Anwendung antiseptischer Vorsichtsmaßregeln in der Regel ganz gefahrlos verläuft.

Gelenkneurose, Gelenkneuralgie oder hysterisches Gelenkleiden (Arthroneuralgia), eine eigentümliche, besonders häufig im Hüft- und Kniegelenk vorkommende Gelenkaffektion, welche das Bild einer schweren Gelenkentzündung vortäuschen kann, während sie ihrem eigentlichen Wesen nach mit einem ernsthaften Lokalleiden nichts zu thun hat und lediglich als Teilerscheinung der Hysterie (s. d.) aufgefaßt werden muß. Die Krankheit, die sich vorwiegend bei blutarmen und nervösen jungen Mädchen und Frauen der höhern Gesellschaftsklassen, bisweilen aber auch bei anscheinend gesunden Männern vorfindet, äußert sich in außerordentlich heftigen, bohrenden oder reißenden Schmerzen in dem ergriffenen Gelenk, krampfartigen Zusammenziehungen der benachbarten Muskeln, die oft schon durch leises Berühren der Haut hervorgerufen werden und gewöhnlich auffallende falsche Stellungen des Gelenks zur Folge haben, und in einer großen lähmungsartigen Schwäche in der betreffenden Extremität, welche den Kranken nicht selten monatelang an das Bett