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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Gotische Schrift
sie anstoßenden Bogengewände das Feld eines unerschöpflichen Reichtums an Figuren, die teils unter Baldachinen sitzen, teils in der engen Umgrenzung sich freier bewegen. Von besonderer Wichtigkeit ist die Ausgestaltung der Türme, denen eine bisher nicht gekannte Vorliebe zugewendet wird. Sie stehen einzeln oder zu zweien meist an der Westfront und erheben sich, von Strebepfeilern unterstützt, von Maßwerkfenstern belebt und von einem oft in Maßwerk durchbrochenen, oft aber auch geschlossenen Steinhelm bekrönt bis zu der das Ganze wirkungsvoll abschließenden Kreuzblume. Die Basilikaform wird in vielen Fällen seit dem 14. Jahrh. durch die Hallenkirchen verdrängt, bei denen alle drei schiffe ungefähr gleich hoch gebildet sind und später durch die Saalkirchen, welche auf die Ausgestaltung eines weitgespannten Schiffs hinstreben, oder falls die Hallenanlage nicht beseitigt werden kann, doch auf die Reduktion der Stützen auf die geringste Zahl und den kleinsten Querschnitt. Centralkirchen (s. Centralbau) sind selten und meist nur von geringem Umfange.
Die Detailbildung ist ursprünglich streng dem Bedürfnis angemessen, eine von antiken Einflüssen fast völlig freie Erfindung der Zeit. Die Säule, ganz andern Zwecken dienend als bei den Griechen, folgt dem allgemeinen, oft bis zur Gebrechlichkeit sich steigernden Streben nach Schlankheit, die Ornamente erfreuen sich eines kräftigen unbefangenen Naturalismus, überall regt sich eine kräftige Schaffenslust. Diese wendet sich im 13. Jahrh. mehr und mehr einer mathematischen, nüchternen, aber folgerichtigen Kunstauffassung zu, die im 15. Jahrh. in einer Kunst der Meißelfertigkeit, in spielender Überwindung absichtlicher Schwierigkeiten ihr Ende erreicht. Demnach lassen sich verschiedene Perioden des G. S. feststellen.
Zunächst die Frühgotik, deren eigentlicher Sitz Frankreich ist, und die in Deutschland, wo der roman. Stil bis ins 13. Jahrh. hinein herrscht, sich im Übergangsstil äußert. Weiter die Hochgotik, früher die edle Gotik genannt, bei der das mathem. System zur vollen Klarheit, aber auch zur Nüchternheit sich fortbildet. Ihren Typus bildet der Kölner Dom (s. Tafel: Kölner Dom, beim Artikel Köln); dann die mehr dekorative mit dem Formenreichtum spielende Spätgotik, die sich in den verschiedenen Ländern verschieden, in Frankreich und Belgien als Flamboyant (s. d.), in England als Perpendikularstile darstellt. Spanien folgt zumeist französischen, seitdem 15. Jahrh. deutschen und niederländ. Anregungen, Skandinavien und der Osten folgen der deutschen Entwicklung. Besondere Wege geht früh Italien, wo die von antiken Einflüssen sich nie ganz befreiende Kunstweise dem Grundwesen der Gotik widerstrebte. Rom hat keine bedeutendere got. Kirche. Von hier auch ging die Renaissancebewegung seit der Mitte des 15. Jahrh. aus, welche bis zur Mitte des 16. Jahrh. überall die Gotik überwunden hatte.
Im Profanbau bietet der G. S. an Klöstern mit ihren Kreuzgängen und Sälen (namentlich in Italien, England und Spanien) Hervorragendes, ferner im Schloß- und Burgenbau, der in Deutschland in der Marienburg (s. Tafel: Burgen II, Fig. 2 u. 3) und in der Albrechtsburg zu Meißen (s. ebd., Fig. 6 u. 7) seinen Höhepunkt zeigt; endlich fand er zum Bau von Rathäusern, Kaufhallen und Wohngebäude Anregung und geschickte Lösungen. Doch blieb der Stil auch hier in den vorwiegend kirchlichen Formen.
Als ein kirchlicher Stil offenbart er sich auch in der Bildnerei und Malerei. Die erstere entwickelte sich zunächst in Nordfrankreich und verbreitete sich während des 12. Jahrh., die nationalen Elemente vereinigend zu einer allgemeinen Höhe, die nicht frei von Einförmigkeit und Schematismus ist. Die Malerei verlor die Wandflächen im Innern der Kirchen und mußte sich auf die Altartafeln und Glasfenster beschränken. Beide Künste kamen erst durch das Hervortreten einzelner Individualitäten zur eigentlichen Blüte durch das Eingreifen des Bürgertums in die bisher meist von "Geistlichen schulgerechter, innig empfundener, aber eintöniger betriebene Kunst. Dies geschah namentlich in den Niederlanden, am Rhein, in den deutschen Handelsstädten und vor allem in Italien, wo sich das Nahen der Renaissancebewegung schon im 14. Jahrh. mächtig vorbereitete. (S. Deutsche Kunst, Englische Kunst, Französische Kunst, Italienische Kunst u. s. w. mit den zugehörigen Tafeln.) - Vgl. Dehio und von Bezold, Die kirchliche Baukunst des Abendlandes (Stuttg. 1884 fg.); Schnaase, Geschichte der bildenden Künste (2. Aufl., Düsseld. 1860-79; bearb. von Woltmann, Dobbert u. a.); Lübke, Grundriß der Kunstgeschichte (10. Aufl., Stuttg. 1887): ders., Geschichte der Architektur, Bd. 2 (Lpz. 1886); Ed. Corroyer, L’Architecture gothique (Par. 1891); Gonse, L’Art gothique (ebd. 1890).
Gotische Schrift, die Schrift der Goten. Dieses Volk hatte sich, wie alle Germanen, ursprünglich der Runen (s. d.) bedient, bis Msilas durch seine Übersetzung des Neuen Testaments die sich zum Schreiben besser eignende (die Runen wurden eingeritzt) griech. Uncialschrift einer neu geschaffenen G. S. zu Grunde legte, indem er mehrere Zeichen aus dem lat. Alphabet hinzunabm, in einigen Fällen sich auch an das alte Nunenalphabet anlehnte. Vom griech. Alphabet behielt er die Reihenfolge und die Zahlengeltung bei, vom Nunenalphabet die Namen der Buchstaben. Sein Alphabet ist das folgende:
^[Abbildung]
Die Zahlzeichen werden durch einen Strich über dem Buchstaben oder durch Punkte vorn und hinten bezeichnet, z. B. ^[got. Buchstabe] 3. Schrift und Sprache der Goten gingen in den Stürmen der Völkerwanderung unter. - Vgl. A. Kirchhoff, Das got. Runenalphabet (2. Aufl., Berl. 1854); J. Zacher, Das. got.Alphabet Vulfilas und das Runenalphabet (Lpz. 1855; L. Wimmer, Die Runenschrift (Berl. 1887). Über die Aussprache der got. Buchstaben vgl. A. Weingärtner, Die Aussprache des Gotischen (Lpz. 1858); Fr. Dietrich, Über die Aussprache des Gotischen (Marb. 1862); H. Paul in den "Beiträgen zur
Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur",