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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1485-1603)

rina von Aragonien, nicht beim Papst durchsetzen konnte. Da Heinrich seine Scheidung und somit die Möglichkeit einer Heirat mit Anna Boleyn nicht vom Papst erlangen konnte, so trieb er England zum Bruch mit Rom und zur Lösung der alten Kirchengemeinschaft. Sein Helfer wurde hier der gewandte, kraftvolle und rücksichtslose Thomas Cromwell. Als Heinrich durch den Erzbischof Cranmer die Scheidung vollziehen ließ, die ihm der Papst verweigerte (1533), war der Krieg gegen diesen erklärt, Geistlichkeit und Parlament mußten die Oberhoheit des Königs über die engl. Kirche anerkennen. Die Fügsamkeit der Parlamente gegenüber dem königl. Willen in diesen Lebensfragen des Staates war die Bewährung eines allmächtigen Absolutismus, während formell die Verfassung in voller Kraft bestand. Jedoch der Versuch Cromwells und Cranmers, das Schisma zu einer prot. Reformation auszugestalten, scheiterte nach scheinbarem anfänglichem Erfolg an dem Widerstand des Königs, der von reaktionär gesinnten Männern, wie Gardiner, beeinflußt wurde. Die Säkularisation des gesamten Güterbesitzes der Kirche (1536-38) ließ er freilich noch gern geschehen, die darauf ausbrechende Empörung wurde jedoch mit Gewalt niedergeworfen, und das in den "Sechs Artikeln" (1539) niedergelegte Dogma der Kirche Heinrichs VIII. stand ganz auf kath. Boden, er begnügte sich mit einem kath. Staatskirchentum. Nachdem Anna Boleyn auf dem Schafott geendet hatte (1536) und Heinrichs nächste Gattin Johanna Seymour nach der Geburt eines Sohnes (des spätern Eduard VI.) gestorben war, gab der Versuch Cromwells, den König in vierter Ehe mit einer prot. Prinzessin Anna von Kleve zu verheiraten, seinen Gegnern Gelegenheit, ihn zu stürzen und aufs Blutgerüst zu bringen (1540), weil die neue Gemahlin Heinrichs höchstes Mißfallen erregte.

Mit Wolsey und Cromwell war die Zeit zu Ende, die der Regierung Heinrichs VIII. ihre geschichtliche Bedeutung verliehen hat; trotz einer letzten kleinen Schwenkung zu Gunsten der prot. Partei ist Heinrich in reformatorischer Beziehung über seine Sechs Artikel nicht hinausgegangen. Wohl focht er noch mit Glück gegen Schottland und gegen Frankreich, auch gingen die Katastrophen am Hofe ihren Gang, seine fünfte Gattin, Katharina Howard, endete wie Anna Boleyn; endlich 1547 starb der gewaltthätigste und brutalste Despot aus Englands neuerer Geschichte, und seine königl. Allmacht kam in die Hand eines neunjährigen Knaben. Der eigentliche Herrscher an Stelle des jungen Eduard VI. (1547-53) war der Herzog von Somerset, der Bruder von Eduards Mutter, Johanna Seymour, der sich aus dem von Heinrich VIII. bestellten Regentschaftsrat sofort zum alleinigen Protektor aufschwang. Er war ein reichbegabter, von hohem Sinn erfüllter Mann, jedoch stand er in unsicherer, angefeindeter Stellung. Daher konnte von der Durchführung eines Absolutismus, wie ihn Heinrich geübt, keine Rede sein. Vor allem öffnete er dem Protestantismus das Thor, es kam ein warmer religiöser Zug in die kirchlichen Bestrebungen hinein; doch konnte es nicht fehlen, das; die Einführung der prot. Reformen auch vielfache Unzufriedenheit hervorrief. Dazu kam die traurige Lage der untern Stände. Der Gewinn der Schafzüchterei brachte mehr und mehr ein Latifundienwesen zur Geltung; der kleine Pächter und Bauer wurde vom Großgrundbesitzer verdrängt. In diesen zum Proletariat herabsinkenden Klassen gärte es lange, die erfolglosen Reformversuche Somersets steigerten die erregte Stimmung, und endlich kam es zum Ausbruch einer nur mit Mühe gedämpften Empörung. In diesen Wirren wurde Somerset vom Herzog von Northumberland gestürzt (1549), jedoch erfüllte dieser die Hoffnungen der Katholiken nicht, sondern vollendete die kirchliche Neuerung durch die 42 Glaubensartikel. (S. Anglikanische Kirche.) Northumberland fiel, als er nach dem Tode Eduards (1553) dessen kath. Schwester Maria die Nachfolge streitig zu machen suchte. Heinrich VIII. hatte die Nachfolge so geordnet, daß auf Eduard Maria, die Tochter seiner ersten Gattin Katharina, dieser Elisabeth, die Tochter der Anna Boleyn, folgen sollte. Beide wollte Northumberland durch eine von Eduard VI. unterzeichnete neue Thronfolgeordnung zu Gunsten seiner Schwiegertochter, der einer jüngern Linie angehörenden Jane Grey, ausschließen. Dabei unterlag er aber und starb nach wenigen Tagen auf dem Schafott (1553).

Maria Tudor (1553-58) hatte ihren kath. Glauben gewahrt und erhoffte mit Sehnsucht dessen Wiederherstellung in England; aber in entsetzlichem Fanatismus hat sie dem neuen Glauben nur mächtig fördernde Blutzeugen geschaffen und ihr Andenken mit dem Beinamen "der Blutigen" belastet. So gehorsam waren die Parlamente, daß sie widerspruchslos alles umstürzen halfen, was sie selbst mitgeschaffen hatten. Als Maria aber dem Vorkämpfer des Katholicismus, dem König von Spanien Philipp II., die Hand reichte (1554) und England auch in die span. Politik hineindrängen wollte, da entfesselte sie eine Empörung unter Thomas Wyatt, die sie selbst in London in Gefahr brachte. Der Aufstand wurde zwar niedergeworfen, und mit Zustimmung des Parlaments wurde England in den päpstl. Gehorsam zurückgeführt, aber erschreckend wuchs der Fanatismus Marias, um so mehr, da ihre Ehe ohne Nachkommen blieb und sie in der prot. Stiefschwester Elisabeth die ihrem Werk feindliche Zukunft Englands erblicken mußte. Während der letzte Besitz auf dem Festland, Calais, verloren ging und allerorts die Scheiterhaufen loderten, starb die unheilvolle Frau gebrochenen Herzens (1558).

Die nun sich eröffnende glänzende Epoche der Königin Elisabeth (1558-1603) sollte die Vollendung alles dessen bringen, was unter ihren Vorgängern begonnen war, den Ausbau des neuen England in Staat und Kirche und die Hinüberführung aus dem Mittelalter in die neue Zeit. Der erste Berater der Königin, der ihr 40 Jahre hindurch zur Seite stand, der eigentliche Schöpfer der Größe ihrer Zeit, war Wilhelm Cecil, der spätere Lord Burleigh. Er nahm vor allem Stellung zu der kirchlichen Frage. Darin blieb er auf dem Boden Heinrichs VIII., daß der kirchlichen Neuerung durchaus ihr polit. Charakter gewahrt wurde, sie war ganz und gar das Werk der Krone, ihr fehlte völlig die religiöse Begeisterung, aber auch der religiöse Haß, sie entsprang vorsichtiger staatsmännischer Erwägung. Das von Thomas Cromwell festgefügte Staatskirchentum blieb bestehen, aber es wurde erfüllt von prot. Geiste; was Cecil schuf, war die im Ritus katholische, dem Wesen nach prot. Anglikanische Staatskirche. Vor allem aber trat England in der großen Politik unter seiner Führung als prot. Staat auf. Mit dem Kampf für den Protestantismus verflocht er den Kampf für Englands