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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italien (Geschichte 1846-49)

und den Herzog von Modena zur Flucht auf österr. Gebiet veranlaßt hatte, niederzuwerfen. Während aber die Kurie einige wenige Reformen auf wiederholtes Andringen der auswärtigen Mächte gewährte, legte sich Franz IV., unterstützt von Canosa, in der Verfolgung Menottis und seiner Gesinnungsgenossen nun vollends keine Schranken mehr auf. Auf die Sanfedisten und, wie Neapel, auf Schweizersöldner gestützt, sah die Kurie nicht ohne Genugthuung die Besetzung Anconas durch Frankreich. Keinen Wiederhall fanden die Unruhen in dem von Leopold II. einsichtsvoll regierten Toscana; ebensowenig in Neapel, wo der im Nov. 1830 auf den Thron gekommene Ferdinand II. alsbald die verhaßtesten Persönlichkeiten aus den leitenden Stellungen entfernte und einige Reformen anordnete. Einig mit Ferdinand II. in dem Widerwillen gegen Österreichs Vormundschaft war der 27. April 1831 auf den Thron Piemonts gekommene Karl Albert. Unzufrieden aber mit dem Verhalten Karl Alberts, von dem er nach den Erklärungen von 1821 den sofortigen Erlaß einer Verfassung erwartet hatte, machte kurz nach dessen Regierungsantritt Mazzini (s. d.) von der Schweiz her einen Angriff auf Piemont. Der Vorstoß mißlang jedoch kläglich, und die Verschwörungen und Erhebungen, welche mit ihm in Verbindung standen, hatten nur die Folge, auch Piemont zu harten Maßregeln zu treiben. Im Kirchenstaat hatten die Österreicher die Masse der Bevölkerung von einer Wiederholung der Erhebungen von 1831 und 1832 zurückgeschreckt, und es traten hier nur mehr belanglose Unruhen auf. Noch einmal aber lenkten dann die Verschwörer die Augen auf sich durch den von Mazzini angezettelten unglücklichen Aufstandsversuch der Brüder Bandiera, in Calabrien im Juni 1844. Schon vor dieser Fehlunternehmung hatte sich die Mehrheit der niedergehaltenen Bevölkerung, vor allem die der gebildeten Stände, einer andern Richtung zugewendet, welche nicht in einzelnen verzweifelten Empörungen das Heil der Zukunft sah, sondern durch die Aufdeckung der schweren Mißstände vor den Augen I.s und Europas und durch die Verbreitung der Aufklärung und des nationalen Sinnes die Regierungen moralisch zu Reformen zu nötigen suchte. In diesem Geiste, wenn auch in ihren einzelnen Vorschlägen auseinander gehend, schrieben und wirkten in diesen Jahren Gioberti, Balbo, Giacomo Durando, Gino Capponi, Massimo d'Azeglio, Montanelli, Giuseppe Ricciardi, Grossi, Guerrazzi, Alfieri, Niccolini, Rossetti, Giusti u. a., während gleichzeitig Karl Albert durch seine entschiedene Ablehnung österr. Ansprüche bei einer Handelsfrage (1845) die Hoffnungen I.s auf sich zu ziehen begann. Da änderte der Tod Papst Gregors XVI. die ganze Lage in I. fast mit einem Schlage.

10) Die Erhebung gegen den Absolutismus und die österreichische Fremdherrschaft und ihr Scheitern (1846-49). In der Spannung, in welche I. durch die zahlreichen Veröffentlichungen über die Frage der nationalen Einigung versetzt war, richtete sich die Aufmerksamkeit aller sofort auf den neugewählten Papst Pius IX., der schon nach wenigen Wochen eine allgemeine Amnestie für sämtliche polit. Verbrecher erließ, Kardinal Gizzi und andere beliebte Persönlichkeiten in die leitenden Stellen berief und eine Kommission für Beratung zweckdienlicher Neuerungen, insbesondere der Entwicklung des Volksschulwesens, einsetzte. Gleichzeitig trat größere Duldsamkeit der Presse gegenüber ein, welche sogleich gegen Österreich eine scharfe Sprache zu führen begann, und endlich wurde im Kirchenstaat mit der Berufung einer beratenden Versammlung der erste Schritt zum Konstitutionalismus gemacht. Dieses Vorgehen der Kurie wirkte auf die übrigen ital. Staaten zurück. In Toscana wurde jetzt der Presse wieder größere Freiheit eingeräumt, Kommissionen für Abfassung eines neuen Civil- und Strafgesetzbuches niedergesetzt und die Regierung Männern von hoher gesellschaftlicher Stellung und ausgezeichnetem Charakter übertragen. Selbst der Herzog Karl Ludwig von Lucca ließ die Trikolore heißen, um kurz darauf Lucca an Toscana zu verkaufen und dann später als Herzog von Parma wieder aufzutauchen und den Tyrannen der schlimmsten Sorte zu spielen. Nur in Modena und Parma wurden im Vertrauen auf das nahe Österreich alle Reformen verweigert, und in gleicher Feindseligkeit gegen die Bewegung verharrte zunächst auch König Ferdinand II. von Neapel. Aber als hier die Preßbeaufsichtigung noch verschärft wurde, brachen schon im Herbst 1847 Unruhen in Reggio und Messina aus. Im venet.-lombard. Königreich, in welchem der Druck in den letzten Jahren etwas nachgelassen hatte, wurde gleichfalls wieder zu strengern Maßregeln gegriffen, während in Piemont, auf das die Bewegung im Kirchenstaate ermunternd einwirkte, im Okt. und Nov. 1847 eine Reihe von Reformen in der Verwaltung eingeführt, die Befugnis der Polizei beschränkt, der Staatsrat erweitert, bei den Provinzialräten dem Grundsatz der Wahl Eingang verschafft und der von der Kurie vorgeschlagene Zollbund mit Rom und Toscana angenommen wurde. Noch weiter schritt man indessen bald in Rom, wo im Dez. 1847 unter Annahme des Grundsatzes der Verantwortlichkeit neun Ressortministerien geschaffen wurden; unmittelbar darauf trat aber infolge des Verbots einer Volkskundgebung 1. Jan. 1848 eine erste ernstere Entfremdung ein. Gleichzeitig schloß Österreich mit Parma und Modena Schutz- und Trutzbündnisse, während es seine Heeresmacht in Oberitalien unter Radetzky verstärkte. Indessen brach im Jan. 1848 die volle Revolution in Sicilien los und sofort sahen sich die königl. Truppen zur Aufgabe der Insel bis auf die Citadelle von Messina gezwungen. Als 3. Febr. 1848 ein Dekret des Königs eintraf, das unter Gewährung voller Amnestie die Zusage einer Verfassung machte, war es zu spät; Sicilien, wo sich eine provisorische Regierung gebildet hatte, verlangte die Herstellung seiner eigenen Verfassung von 1812 und ein gesondertes Parlament. Die Gefahr für die nationale Bewegung, welche diese autonomistischen Bestrebungen in sich bargen, machte man sich weder in Rom noch in Florenz klar, wo alles im Jubel schwelgte, als die Nachricht eintraf, daß König Ferdinand 10. Febr. 1848 eine für unwiderruflich erklärte Verfassung für sein Reich erlassen habe. Gleichzeitig versprach Karl Albert Piemont eine Verfassung und erfüllte 4. März seine Zusage; ein gleiches am 7. Febr. Toscana gegebenes Versprechen hatte Leopold II. bereits 17. Febr. eingelöst. Nur mit Mühe ließ sich der Papst soweit bringen; zuerst hatte er die Dränger zu beschwichtigen gesucht durch stärkere Heranziehung der Laien zu den Ministerien, und als er schließlich auf die Pariser Februarrevolution hin doch noch 14. März 1848 eine Verfassung gewährte, behielt er einem