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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Jerusalem (Joh. Friedr. Wilh.) - Jerusalemstiftung und Jerusalemverein

des Herodes südlich neben der heutigen Citadelle (el-Kala). Das "Hochpflaster" (Joh. 19, 13), hebr. Gabbatha, von dem aus der Heiland seinen Schmerzensweg antrat, wird ein freier Platz vor demselben gewesen sein. Der "Blutacker" oder Hakeldama, jenes Töpferfeld, das für die 30 Silberlinge des Judas Ischarioth erstanden wurde, wird auf einer Terrasse am südl. Abhang des Hinnomthals gezeigt. Über Berg des bösen Rates, Golgatha, Bethanien, Bethesda, Bethphage, Gethsemane, Kidron, Ölberg, Siloah s. die Einzelartikel.

J. wurde 70 n. Chr. nach fünfmonatiger Belagerung durch Titus erobert und von Grund aus zerstört. Nur die Türme des Herodespalastes, Hippikus, Phasael und Mariamme, und einen Teil der Ringmauer ließ Titus stehen, damit die zehnte Legion sich dort ein geschütztes Lager einrichten konnte. Erst Hadrianus faßte bei seiner Anwesenheit in Syrien 130 den Plan, J. als heidnische Stadt wieder aufzubauen, veranlaßte aber dadurch den letzten verzweifelten Aufstand der Juden gegen die Römer von 132 bis 135. Nach der Niederwerfung desselben wurde J. in eine röm. Kolonie mit dem Namen Aelia Capitolina verwandelt, den Juden bei Todesstrafe der Zutritt verboten und an Stelle des jüd. Heiligtums ein Tempel des Jupiter Capitolinus mit einer Statue des Hadrianus errichtet.

Konstantin d. Gr. ließ 326-335 über der traditionellen Stätte der Passion und Auferstehung eine großartige Basilika (s. Heiliges Grab) aufführen, und J., wahrscheinlich schon längst vorzugsweise von Christen bewohnt, wurde auch offiziell eine christl. Stadt, die es, mit Ausnahme der Occupation durch die Perser (614-628), gegen 300 Jahre lang blieb, bis 637 der Chalif Omar es dem neu aufblühenden arab. Weltreiche einverleibte. J. erhielt jetzt den arab. Namen El-Kuds (das Heiligtum) oder Bēt el-Makdis (Ort des Heiligtums); doch gebrauchen die arab. Schriftsteller auch den Namen Aelia in der Form Ilijā. Schon 969 verloren die abbâsidischen Chalifen die Stadt an die fâtimidischen von Ägypten und diese wieder 1077 an das Seldschukengeschlecht der Ortokiden, durch deren Roheit gegen die abendländ. Pilger die Kreuzzüge veranlaßt wurden. Nachdem die Fâtimiden 1098 aufs neue J. besetzt hatten, wurde es 15. Juli 1099 von den fränk. Rittern unter Gottfried (s. d.) von Bouillon erobert und noch einmal Hauptstadt eines selbständigen Reichs, das unter dem Bruder und Nachfolger Gottfrieds, Balduin I., als Königtum Mitte des 12. Jahrh. kurze Zeit zu großer Blüte gelangte. Außer Balduin (1100-18) regierten im Königreich J. sein Vetter Balduin II. (1118-31), dessen Tochter Melisenda mit ihrem Gemahl Fulko von Anjou (1131-43), deren Sohn Balduin III. (1143-62), dessen Bruder Amalrich (1162-73), dessen Sohn, der aussätzige Jüngling Balduin IV. (gest. 1183), dessen Neffe Balduin V. und endlich der Usurpator Guido von Lusignan, unter dem die Stadt 1187 von dem ägypt. Sultan Saladin den Christen wieder entrissen wurde. (S. Balduin, Könige von Jerusalem.) Noch einmal gelangte Kaiser Friedrich II. 1229 in ihren Besitz. Seit 1244 aber hat sie ununterbrochen unter der Herrschaft des Islam gestanden; das Königreich J. wurde eine gegenstandslose Titulatur verschiedener europ. Regentenhäuser. Die Ejjubiden aus Saladins Familie verloren die Stadt 1382 an die Mamluken-Sultane Ägyptens, bis sie 1517 die Osmanen unter Selim I. an sich rissen. Unter türk. Herrschaft schwand der letzte Rest ihrer mittelalterlichen Blüte; sie versank in eine gegen frühere Epochen unerhörte Verarmung und Bedeutungslosigkeit, aus der sie sich erst in diesem Jahrhundert unter dem Einfluß namentlich der prot. Missionen (Amerikaner, Engländer, Deutsche) und der europ. Konsulate (England seit 1839, Preußen seit 1842) allmählich erhoben hat.

Litteratur. Zur Topographie: Tobler, Topographie von J. (2 Bde., Berl. 1853-54); Morrison, The recovery of J. (Lond. 1871); Wolff, J. nach eigener Anschauung und den neuesten Forschungen (3. Aufl., Lpz. 1872); Sepp, J. und das Heilige Land (2. Aufl., 2 Bde., Regensb. 1878); Zimmermann und Socin, Plan des heutigen J. mit Umgebung (Lpz. 1881); Guthe, Ausgrabungen bei J. (ebd. 1883); Warren und Condor, The survey of Western Palestine, J. (Lond. 1884; dazu eine Mappe mit 50 Tafeln); Nicole, Plan topographique de J. et ses environs (Par. 1886). - Zur Geschichte: von Sybel, Über das Königreich J. (in der "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft", Bd. 3, Berl. 1845); Tobler, Denkblätter aus J. (2. Aufl., St. Gallen 1856); Guérin, Jérusalem (Par. 1889); Regesta regni Hierosolymitani 1097-1291, hg. von Röhricht (Innsbr. 1893). - Karten: Wilson, Ordnance survey of J. (Lond. 1865); Guy L'Estrange, Palestine under the Moslems (ebd. 1890).- Zeitschriften: Palestine Exploration Fund, Quarterly Statement (Lond. 1865 fg.); Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins (Lpz. 1877 fg.). - Reisehandbücher: Baedeker, Palästina und Syrien (Lpz. 1875; 3. Aufl. 1891), und Meyer, Palästina, Syrien u. s. w. (ebd. 1881; 2. Aufl. 1889).

Jerusalem, Joh. Friedr. Wilh., Kanzelredner, geb. 22. Nov. 1709 zu Osnabrück, studierte in Leipzig und Leiden Theologie und ging dann als Hofmeister nach Göttingen. 1742 ernannte ihn Herzog Karl von Braunschweig zu seinem Hof- und Reiseprediger sowie zum Lehrer und Erzieher des Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand. J. gab dem Herzog die Veranlassung zur Stiftung des Collegium Carolinum in Braunschweig. Er wurde in der Folge Propst der Klöster St. Crucis und Ägidii, 1749 Abt von Marienthal, 1752 Abt des Klosters Riddagshausen und 1771 Vicepräsident des Konsistoriums zu Wolfenbüttel. J. starb 2. Sept. 1789. Einer der aufgeklärtesten Männer seiner Zeit, wirkte er als Kanzelredner ganz im Geiste Mosheims. Neben seiner "Sammlung einiger Predigten" (2 Bde., Braunschw. 1745, 1753 u. ö., zuletzt 1788-89) sind seine "Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion" (2 Bde., ebd. 1768-79; neue Aufl. 1785) zu nennen, zu denen seine "Nachgelassenen Schriften" (2 Bde., ebd. 1792-93) die Fortsetzung bilden. In ihnen ist auch J.s Aufsatz "Über die deutsche Sprache und Litteratur" abgedruckt, in dem er sich ebenso höfisch geschickt wie mit ehrlichem Patriotismus gegen Friedrichs d. Gr. berühmte Schrift "De la littérature allemande" wandte.

Sein Sohn, Karl Wilhelm J., geb. 21. März 1747 zu Wolfenbüttel, studierte zu Wetzlar den Reichshofratsprozeß und erschoß sich 29. Okt. 1772 aus Liebesschmerz, ein Ereignis, das von Goethe als Ausgang zu "Werthers Leiden" benutzt wurde.

Jerusalemsfreunde, s. Tempelgesellschaft.

Jerusalemsgerste, s. Gerste.

Jerusalemstiftung und Jerusalemverein, von König Friedrich Wilhelm IV. ins Leben ge-^[folgende Seite]