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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Lateinische Schule; Lateinische Sprache; Lateinisches Kaisertum

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Lateinische Schule – Lateinische Sprache

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Lateinische Münzkonvention'

vention gekündigt hat, so besteht sie stillschweigend seit 1. Jan. 1891 von Jahr zu Jahr weiter. Bei der internationalen Münzkonferenz in Brüssel (Nov. 1892) über die Mittel und Wege, den Gebrauch von Silber in den Währungssystemen zu erweitern, hatten die Vertreter der Staaten des lat. Münzbundes den Standpunkt eingenommen, daß die seit der internationalen Konferenz eingetretenen Ereignisse nicht derart seien, um ihre Regierungen zu einer Änderung der Grundsätze ihrer bisherigen Währungspolitik zu nötigen. Auf Veranlassung Italiens, dessen Scheidemünzen nach Frankreich und andern Vertragsstaaten ausgeführt wurden, ist im Okt. 1893 eine Konferenz zusammengetreten, welche die Außerkurssetzung der ital. Silberscheidemünzen in den andern Vertragsstaaten ausgesprochen und die Rücklieferung derselben an Italien unter festgesetzten Bedingungen beschlossen hat. – Vgl. Bamberger, Die Schicksale des Lateinischen Münzbundes (Berl. 1885); Burckhardt-Bischoff, Die L. M. und der internationale Bimetallismus (Bas. 1886); Molinari, Le renouvellement de la convention monétaire de l’Union latine (im «Journal des Économistes», Juli 1889); Cucheval-Clarigny, L’Union latine (in der «Revue des Deux Mondes», 1. Nov. 1892).

Lateinische Schule, s. Gymnasium (Bd. 8, S. 596a).

Lateinisches Kaisertum, das von den fränk. Kreuzfahrern des vierten Kreuzzuges und von den Venetianern unter Enrico Dandolo 1204 zu Konstantinopel begründete Reich, das 25. Juli 1261 durch Strategopulos (s. d.), den Feldherrn des nicäischen Kaisers Michael VIII. Paläologos, gestürzt wurde. (S. Byzantinisches Reich, Bd. 3, S. 814.)

Lateinische Sprache, die Sprache der Römer, d. h. derjenige italische Dialekt, der zur Zeit, wo die histor. Überlieferung beginnt, in der von dem Tiber, den sabinischen Bergen und dem Meere begrenzten latinischen Ebene gesprochen wurde. (S. Italische Völker und Sprachen.) Durch Gründung von Kolonien und Einverleibung italischer Städte und Landschaften in den röm. Staat verbreitete sich die L. S. allmählich über ganz Italien. Ihr Übergewicht über die andern Sprachen und Dialekte der Halbinsel wurde durch die in der Sullanischen Zeit erfolgende Bürgerrechtserteilung an alle Italiker und Einführung einer gleichmäßigen röm. Municipalgesetzgebung durch ganz Italien definitiv befestigt. Doch dauerte es immer noch mindestens anderthalb Jahrhunderte, bis alle andern alteingesessenen ital. Sprachen völlig ausgestorben waren; am spätesten kam die Romanisierung im oskischen Sprachgebiet zum Ende. Dabei ist von den griech. Kolonien Unteritaliens, Neapel u. s. w. abzusehen, in denen die griech. Sprache den Zusammenbruch des Römischen Reichs überdauert hat.

In der Geschichte der L. S. hat man zwischen der volkstümlichen und der litterar. Entwicklung zu unterscheiden. Für die litterarische Sprache pflegt man vier Perioden anzusetzen:

  • 1) die vorlivianische bis 240 v. Chr., dem Jahr der ersten Aufführung eines Stücks des Livius Andronicus;
  • 2) die archaische (altertümliche) bis auf Cicero;
  • 3) die klassische, das «goldene Zeitalter» der Sprache, bis zur Zeit des Kaisers Tiberius;
  • 4) die nachklassische.

Für die Kenntnis der ersten Periode ist man auf einige in spätern Quellen aufbewahrte Bruchstücke alter liturgischer Gesänge der Salier und der Arvalischen Brüder (s. d.), Gesetzesformeln ↔ (Reste der Zwölf Tafeln) und eine größere Zahl wertvoller Inschriften angewiesen; die älteste, in einem Grabe zu Präneste gefunden, stammt aus dem 6. vorchristl. Jahrhundert. Die Sprache wurde schon in dieser Periode kunstmäßig behandelt, doch kann der Unterschied gegenüber der Verkehrssprache nur ein geringfügiger gewesen sein. Dieser Unterschied wächst in der zweiten Periode. Es beginnt das gelehrte Studium der Sprache. Das Bestreben der Dichter, anstatt des aus uralten Zeiten überkommenen Saturnischen Verses (s. d.) die Gesetze der griech. Metrik auf die L. S. anzuwenden, veranlaßte sie, bestimmte Normen für die Sprachformen, namentlich hinsichtlich der Endsilben, die in der Volkssprache mancherlei Schwächungen und Kürzungen erlitten hatten, aufzustellen. Besonders wichtig und in der Hauptsache für alle Folgezeit maßgebend waren die Vorschriften des Ennius (s. d.), durch die der Gegensatz zwischen der lautlichen Gestaltung der Volkssprache und der Litteratursprache immer größer wurde. In der dritten Periode wurde die Unbestimmtheit und das Schwanken der frühern Schriftsteller bis auf wenige Reste beseitigt; viele Wörter und Wendungen der Volkssprache wurden verpönt. In dieser Richtung wirkten besonders Cicero und Cäsar. Der Hauptvertreter der klassischen Sprachform ist unter den Prosaikern Cicero, unter den Dichtern Horaz. Die vierte Periode läßt sich wieder mehrfach gliedern. Zunächst folgt die Zeit von Tiberius bis zum Ausgange Hadrians (138 n. Chr.), die sog. silberne Latinität. In der klassischen Zeit beobachteten nur wenige die mustergültige Form, jetzt wurde sie Gemeingut der Gebildeten. Hervorragende Geister konnten nun aber ihre Befriedigung nicht darin finden, das überlieferte sklavisch nachzuahmen. Die Regel wurde von ihnen als Fessel empfunden und durchbrochen. So kam eine neue Sprachform auf, deren Hauptvertreter Tacitus ist. Die Zeit von Antoninus Pius bis zum Tode des Commodus (192 n. Chr.) heißt die archaisierende Periode. In ihr kam das Bestreben auf, in die vorklassische Zeit zurückzugreifen und in ziemlich geschmackloser Weise altertümliche Wörter und Wendungen zu gebrauchen; Cicero wurde jetzt für einen Verderber der guten alten Sprachform erklärt. Dieser Tendenz huldigte schon Hadrian, ihre Hauptvertreter aber sind Gellius und Fronto. Nach Commodus wurde dann auf den sprachlichen Ausdruck überhaupt keine Sorgfalt mehr verwandt, man legte auf schöne Form und guten Stil keinerlei Wert mehr. Schriftsprache und Volkssprache flossen in eine rohe Masse zusammen. – Als die Sprache der Kirche und der Jurisprudenz, überhaupt der Gelehrten, zum Teil auch als die Sprache der Diplomatie, behauptete sich das Latein (das sog. Mittellatein, auch Küchenlatein [s. d.] und Mönchslatein genannt) bis in die Neuzeit.

Hat man in der Geschichte der litterar. Sprache ein Auf- und Absteigen, Vervollkommnung und Verfall zu unterscheiden, so muß dieser Gesichtspunkt für die Geschichte der Volkssprache (sermo vuIgaris, plebejus, rusticus) ganz beiseite gelassen werden. Diese nahm, nachdem sich die Schriftsprache von ihr getrennt hatte, ihre eigene Entwicklung. Sie ist in ihrer altertümlichen Form wenigstens einigermaßen bekannt aus den erhaltenen Inschriften und aus den Werken des Vitruvius (unter Augustus) und Perronius (unter Nero), Schriftsteller, die an der Ausschließlichkeit des höhern Stils keinen Geschmack

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 995.